Porträt

Beschleuniger des Individualverkehrs

| Autor / Redakteur: Bernd Maienschein / Benedikt Hofmann

Am Prinzip des Zweiradfahrens hat sich seit der Draisine nicht viel geändert.
Am Prinzip des Zweiradfahrens hat sich seit der Draisine nicht viel geändert. (Bild: Messe Friedrichshafen)

Gegen alle Widerstände brach Karl Freiherr von Drais am 12. Juni 1817 zur Jungfernfahrt des von ihm erfundenen Urvaters des Fahrrads auf. Die weltweite Erfolgsgeschichte seiner Entwicklung sollte der Erfinder aber nicht mehr erleben.

Die Zahl der Unfälle mit Pedelecs in Deutschland hat 2016 einen Rekordwert erreicht. Laut einer Spiegel-Meldung aus dem Januar 2017, die sich auf Angaben des Statistischen Bundesamtes bezieht, waren Fahrer von Rädern, die durch einen Elektromotor beim Treten verstärkt werden, von Januar bis September 2016 in 3214 Unfälle verwickelt, bei denen 46 Menschen ums Leben kamen. Dies entspreche einer Steigerung um 39 % verglichen mit dem Vorjahreszeitraum. Die Zahl der Fahrradunfälle sei zwischen Januar und September dagegen nur um 6 % auf 64.964 gestiegen, wobei die Statistik allerdings alle Unfälle mit Fahrradbeteiligung wiedergibt, unabhängig davon, welche Rolle der Fahrradfahrer beim Unfall gespielt hat.

Dabei fing alles so „gemütlich“ an. Am 12. Juni 1817 unternahm der als Erfinder des Fahrrads in die Geschichte eingegangene Tüftler und Erfinder Karl Freiherr von Drais seine Premierenfahrt – vermutlich ohne Ankündigung und Öffentlichkeit. Den damals 32-Jährigen führte sein Weg vom Elternhaus in Mannheim in die Nähe von Schwetzingen und wieder zurück. Laut eigenen Angaben brauchte Drais für die rund 13 km lange Strecke ungefähr eine Stunde. Eine ordentliche Leistung für eine Jungfernfahrt und zudem schneller als die Fahrt der damaligen Postkutsche. Drais‘ Gefährt hatte eine Lenkstabilisierung durch Nachlauf, Achsen mit Gleitlagern, klappbare Stützen am Vorderrad zum Parken, einen Gepäckträger hinter dem Sattel, eine Schleifbremse sowie jeweils höhenverstellbaren Sattel und Lenker. Gerollt wurde auf zwei gleich großen 27-Zoll-Holzrädern.

Potenzial nicht wirklich erkannt

Doch bis es so weit war, musste Drais durch ein tiefes Tal der Tränen gehen. Lange Zeit wurde seine wichtigste Erfindung von der Obrigkeit torpediert, ja geradezu ins Lächerliche gezogen. Was genau für Karl Freiherr von Drais, einen beurlaubten Forstmeister in Mannheim, der Anstoß zur Erfindung seiner Laufmaschine 1817 war, wird immer noch heiß diskutiert. Der Drais-Experte Prof. Hans-Erhard Lessing sieht einen Grund im Vulkanausbruch des Tambora in der Nähe von Bali. Die Eruption zwei Jahre zuvor zog eine gewaltige Aschewolke nach sich, die auf der nördlichen Halbkugel die Sonne verdunkelte und mehr als ein Jahr lang für Dauerregen und starke Schneefälle im Sommer sorgte. Ernteausfälle waren die Folge. Die napoleonischen Kriege sowie Missernten seit 1812 potenzierten die schlechte Lage und ließen den Haferpreis bis um das Doppelte ansteigen. Das gesunde Getreide war jedoch der Hauptenergielieferant für das Fortbewegungsmittel Nummer eins: das Pferd. Viele Tiere verendeten und die Laufmaschine war als ein alternatives Transportmittel gedacht.

Der Münchner Journalist Jost Pietsch kann sich dieser Theorie allerdings nicht anschließen. Er wiederum stellt das große Pferdesterben infrage und beschreibt die Laufmaschine von Drais als eine sportliche Kuriosität der damaligen Zeit. Für diese These spreche, dass Drais mit seiner Erfindung nur eine kleine Zielgruppe erreichte. Zu teuer waren die Gefährte in Produktion und Anschaffung, sodass fast nur der Adel und finanzkräftige Teile des Bürgertums als Klientel infrage kamen. Diese Bevölkerungsschichten hatten zudem die nötige Freizeit, um sich mit der Laufmaschine intensiver auseinanderzusetzen und das Fahren zu erlernen. Außerdem erwähnte Drais nie öffentlich, dass seine Laufmaschine als ein Pferdeersatz geplant war. Fehlende Quellen begründet Lessing jedoch damit, dass der damaligen Presse eine Berichterstattung über die Hungersnöte und das Pferdesterben via Zensur untersagt wurde.

Wie auch immer: Drais‘ Idee war, ein Gefährt zu entwickeln, das die menschliche Fortbewegung erleichtern und beschleunigen sollte – egal, ob im öffentlichen Verkehr oder als Freizeitgerät. Und das hat er geschafft.

Fahren will gelernt sein

„Es ist faszinierend, dass sich 200 Jahre später die Laufradgröße kaum verändert hat. Auch der Radstand von 1,2 m ist nicht so weit weg von unseren heutigen Tourenrädern. Das beweist, das die Grundidee von Drais bis ins kleinste Detail durchdacht war“, ist Stefan Stiener von der Firma Velotraum aus Weil der Stadt vom Fahrradvorläufer begeistert. Einzig der Antrieb erfolgte bei der Laufmaschine nicht per Pedale und Tretkurbel, sondern mit den Füßen und durch Balancieren.

Für Drais taten sich nach ersten kleinen Erfolgen mehrere Probleme auf. Als Beamter durfte er offiziell keiner Nebentätigkeit mit eigener Werkstatt nachgehen und war deshalb bei der Produktion auf die Zusammenarbeit mit lokalen Unternehmen angewiesen. Hinzu kam, dass Drais von seinem Landesherren erst spät ein regional beschränktes Patent auf die Laufmaschine erhielt. Und damals wie heute: Schnell kamen Plagiate in Umlauf, die Mechaniker anhand von Erzählungen oder Skizzen fertigten. Oft wurden aber wichtige Details vergessen. Unfälle waren die Folge, weshalb der Gebrauch der „Draisine“ im öffentlichen Verkehr vielerorts schnell verboten wurde. Nach Ansicht der Historiker war Drais einfach seiner Zeit voraus und wurde im falschen Land geboren. Hätte er im industriefreundlichen England das Licht der Welt erblickt, wäre seine Erfindung vermutlich früher massenmarkttauglich gewesen. Vom Erfolg seiner Erfindung hat Drais nichts mitbekommen – er starb verarmt am 10. Dezember 1851.

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