Frachtbörse

Mit Big Data und künstlicher Intelligenz zum perfekten Transport

| Autor: Benedikt Hofmann

Der von Cargonexx genutzte Algorithmus funktioniert wie ein neuronales Netz und lernt selbstständig dazu.
Der von Cargonexx genutzte Algorithmus funktioniert wie ein neuronales Netz und lernt selbstständig dazu. (Bild: Cargonexx)

In wenigen Bereichen der Logistik hat die Digitalisierung zu so vielen neuen Playern geführt, wie bei den Frachtbörsen. Ob klassisches Start-up oder Ausgründung großer Unternehmen, der Markt der Onlinefrachtbörsen ist bereits sehr vielseitig und hart umkämpft. Cargonexx will hier mit Big Data und künstlicher Intelligenz punkten.

Wie muss sich das wohl anfühlen, wenn man sein Schicksal in die Hände eines digitalen Algorithmus legt? Bisher beschäftigten sich vorwiegend Filme aus dem Bereich der Science-Fiction mit diesem Thema. Rolf-Dieter Lafrenz, CEO von Cargonexx, kann aus erster Hand berichten, wie sich das anfühlt. Sein Start-up legt sein Wohl und Wehe in „Mannis“ Hände. Manni steht hierbei für Multidimensional Artificial Neural Network Intelligence und bezeichnet den Algorithmus, der die Grundlage des Unternehmens bildet und durch den sich Cargonexx vom Wettbewerb unterscheiden will. „Ich hatte vor einiger Zeit ein Projekt in der Transportbranche, in dem wir uns genauer angesehen haben, wie Aufträge im Lkw-Bereich heute vergeben werden“, erklärt Lafrenz. „Mir war ziemlich schnell klar, dass sich das durch digitale Technologien zum Wohle aller verbessern lässt.“ Das Beratungsunternehmen Schickler, in dem Lafrenz ebenfalls Geschäftsführer ist, verfügte bereits über einen Inkubator für die Entwicklung digitaler Geschäftsmodelle, in dem Cargonexx dann gegründet wurde.

Die eigene Niesche finden

Nun ist eine Onlinefrachtbörse keine völlig neue Erscheinung mehr und es tummeln sich bereits einige Wettbewerber – von unabhängigen Start-ups bis zu Projekten von Branchenriesen – auf dem Markt. Diese lassen sich grundsätzlich in verschiedene Modelle clustern:

  • Bei Ausschreibungsmodellen geben Auftraggeber Touren in eine Plattform und diese sucht über eine digitale Ausschreibung einen Frachtführer (ein Beispiel wäre Saloodo! von DHL).
  • Onlinespeditionen wie Instafreight oder Frachtraum arbeiten fast wie klassische Speditionen, an die man einen Auftrag vergeben kann und die diesen dann über Partnerspeditionen abwickeln lassen.

Cargonexx bildet hier einen dritten Weg, den Lafrenz mit Angeboten wie „Wir kaufen dein Auto“ vergleicht. „Wenn bei uns eine Tour eingegeben wird, berechnet unser Algorithmus direkt einen Marktpreis und wir nehmen die Tour auch sofort an“, so Lafrenz. „Es gibt keine Ausschreibung und keine festen Listenpreise. Dann haben wir ein Netzwerk an Frachtführern, an die wir die Tour verkaufen.“ Sowohl für den Auftraggeber als auch für den Frachtführer bedeutet das im besten Fall, dass die Tour mit einem Click abgewickelt wird.

„Wenn bei uns eine Tour eingegeben wird, berechnet unser Algorithmus direkt einen Marktpreis und wir nehmen die Tour auch sofort an“, sagt Rolf-Dieter Lafrenz, CEO von Cargonexx.
„Wenn bei uns eine Tour eingegeben wird, berechnet unser Algorithmus direkt einen Marktpreis und wir nehmen die Tour auch sofort an“, sagt Rolf-Dieter Lafrenz, CEO von Cargonexx. (Bild: Cargonexx)

In digitalen Händen

Natürlich birgt das für Cargonexx selbst auch gewissen Risiken. Beispielsweise, dass sich kein Unternehmen findet, das den bereits angenommenen Auftrag dann auch tatsächlich ausführt. Dieses Risiko ist gerade jetzt, da das Unternehmen noch jung ist, besonders hoch. Bis die nötige kritische Masse an teilnehmenden Frachtführern erreicht ist, setzt Cargonexx in problematischen Fällen daher auf ganz klassische Speditionsarbeit. Drei Lkw-Disponenten sind dann damit beschäftigt, die Touren an den Mann zu bringen. „Für diesen Geschäftsaufbau haben wir uns ganz bewusst entschieden, da es uns wichtig war, von Beginn an alle Touren anzunehmen. Bisher haben wir 99,5 % aller aufgegebenen Touren auch ausgeführt“, erklärt Lafrenz.

Manchmal kommt es vor, dass sich der Algorithmus verrechnet und einen zu niedrigen Preis ansetzt. Dieser braucht für seine Berechnung gerade einmal 15 Millisekunden – viel zu wenig Zeit, als dass ein Mensch eingreifen könnte. Es handelt sich bei diesem Algorithmus um ein selbstlernendes neuronales Netz, dem man nicht beibringt, wie es die Preise errechnen soll – es lernt das tatsächlich selbst. „Partnerspeditionen haben uns zu Beginn einige Hunderttausend historische Frachtdaten zur Verfügung gestellt, die der Algorithmus Tour für Tour analysiert, wodurch er in der Lage ist, Preise immer genauer anzugeben“ führt Lafrenz aus. Zusätzlich bezieht das elektronische Gehirn auch besondere Ereignisse, wie zum Beispiel die regelmäßig anstehenden Sortimentswechsel in den Baumärkten, mit ein. Insgesamt berücksichtigt der Algorithmus für die Berechnung jedes Tourenpreises 400 Parameter, die alle untereinander abhängig sind.

Bei aller Begeisterung für das eigene Geschäftskonzept und die Möglichkeiten, die die Preisberechnung per künstlicher Intelligenz bietet, gibt Lafrenz aber auch unumwunden zu, dass ihn von Zeit zu Zeit dieselben Sorgen beschäftigen, die jeder Unternehmer hat, dessen Geschäft sich mehr und mehr auf automatisierte Systeme verlässt. „Natürlich ist das manchmal ein mulmiges Gefühl, gerade dann, wenn der Markt uns zurückspiegelt, dass er nicht versteht, wie wir auf einen bestimmten Preis gekommen sind, denn nach einer Erklärung können wir den Algorithmus leider noch nicht fragen“, so der Unternehmensgründer.

Das ändert allerdings nichts an seiner Überzeugung, dass sein Unternehmen durch diese Technologie Auftraggebern und Frachtführern einen besseren Service bieten kann, als das bei klassischen Frachtbörsen der Fall ist, denn im Gegensatz zu einem menschlichen Disponenten, trifft der Algorithmus seine Entscheidungen aufgrund einer wachsenden und schier unendlichen Zahl von Beispielfällen. Das Ergebnis seiner Kalkulation wird also mit jedem Auftrag genauer und besser.

Mehr Informationen finden Sie in unserem Themenkanal Distributionslogistik.

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