E-Commerce Amazon macht die Lagertore auf – Einblick in die Logistik

Redakteur: Robert Weber

Der Internethändler Amazon wächst in Deutschland und eröffnet zahlreiche Logistikzentren. Doch was verbirgt sich hinter den Lagerwänden? Das Unternehmen lud erstmals Journalisten in seinen Standort in Rheinberg ein. Nicht alle Fragen konnten beantwortet werden, aber man bemühte sich.

Firmen zum Thema

(Bild: Amazon)

Es ist 11:30 Uhr und im Vorraum des Amazon Logistikzentrums Rheinberg ist es voll. Frauen und Männer warten auf den Aufruf ihrer Nummer. Sie wollen dazugehören, teilhaben am E-Commerce-Erfolg, eine orange Sicherheitsweste, ein Job im Lager ist ihr Ziel. Nervös nesteln einige an ihren Bewerbungsmappen – wird es reichen?. Sie brauchen den Arbeitsplatz. Trotz aller medialer Kritik an Amazon – der Arbeitgeber ist begehrt in der Region.

Raimund Paetzmann, Amazon Senior Manager Real Estate, kennt den Trubel, auch den um die Arbeitsbedingungen: „Wir tun viel in Sachen Sicherheit und gute Arbeitsbedingungen. Dazu zählen auch helle Arbeitsbereiche und Klimatisierung im Lager sowie eine attraktive Kantine.“ Mehr will er nicht sagen. Sein Thema sind die Immobilien. In den vergangenen Monaten hat er mehrere neue Logistikzentren für sein Unternehmen bauen lassen. Die Lager sind begehrt. Zur Grundsteinlegung kommt neben dem Investor Goodman auch oft die regionale Prominenz. In Koblenz packte der Ministerpräsident Kurt Beck selber mit an.

Bildergalerie

„Wir gehen dahin, wo unsere Kunden sind", erklärt Paetzmann. „Die Logistikbranche denkt zu viel über gute Standorte nach“, meint der Amazon-Manager und ergänzt selbstbewusst: „Wo wir hingehen, entsteht ein AAA Standort und andere Unternehmen folgen uns.“ Von Rheinberg aus kann der Versandhändler das komplette Ruhrgebiet versorgen, auch eine Same-Day-Zustellung sei machbar, wie übrigens von jedem Distributionszentrum, so der Immobilienprofi gegenüber MM Logistik, denn das deutsche Transportnetzwerk sei gut ausgebaut. Es kommt immer auf die Nachfrage der Kunden an, heißt es bei Amazon. In Deutschland seien diese an die „Next Day“-Zustellung gewöhnt, erklärt Paetzmann. Der generelle Trend sei aber: „So schnell wie möglich liefern“.

Bei den Logistikzentren von Amazon muss es schnell gehen

Neben der Anbindung an die Straße zählen für Amazon aber auch andere Kriterien für eine Ansiedlung: Die Mitarbeiter beispielsweise. Im Umfeld der großen Logistikzentren, in Rheinberg umfassen Lager und Bürofläche 110.000 m², müssen ausreichend Arbeitskräfte vorhanden sein. Dazu kommt: „Es muss schnell gehen“, fordert Paetzmann mit Blick auf die Kommunen und den Investor.

Am Niederrhein ging es besonders zügig: Im Februar 2011 rollten die Bagger an und im Herbst startete der Betrieb. Noch arbeiten die Amazon-Logistiker viel manuell. Die Fördertechnikbaustelle ist mit Absperrband vom Alltagsbetrieb abgetrennt. Es wird gebohrt, gesägt und geschliffen und Paetzmann sucht immer wieder einen Weg durch die verschlungene Lagerlandschaft. Verpackunsgmaterialien, Kommissionierwagen, eine Sonderanfertigung für Amazon, auf denen bis zu 50 Kundenbestellungen gepickt werden können, und Produkte auf Paletten haben Vorrang. Die Prozesse müssen laufen. Das Weihnachtsgeschäft treibt den Händler an. Vor den Feiertagen arbeiten die Angestellten im Dreischicht-Betrieb. „In zwei Wochen soll die Fördertechnik von Vanderlande an den Start gehen“, verspricht Paetzmann. Dann packen die Mitarbeiter die angelieferte Ware aus, scannen die Barcodes und pflegen die Daten ins Amazon WMS ein, eine "Homemade"-Lösung, so Paetzmann, und legen die Produkte in die großen gelben Engels-Behälter, die dann über die in Amazon Farben gehaltene Fördertechnik in die zweite Etage des Logistikzentrums fahren, um in Meta-Regalen eingelagert zu werden. Auch Interroll und Transnorm sind Zulieferer für die Förderanlage. Große Produkte wie Waschmaschinen und Kaffeevollautomaten gehen ins Palettenlager und werden dort mit Hilfe von Still-Flurförderzeugen ein- und ausgelagert.

Der Logistikdienstleister DHL ist über eine Brücke direkt an das Lager angebunden

Amazon arbeitet in den Distributionszentrum auf mehreren Ebenen: Im Erdgeschoss ist der Wareneingang, dann geht es hoch in die Lagerung, die Pickzone und den Verpackungsbereich und dann wieder zurück runter zum Warenausgang. Die Amazon-Logistiker sprechen von den sogenannten Picktowern in den Lagern. „Standardisierung in den Logistikzentren ist wichtig und wir übernehmen das, was wir an anderen Standorten gelernt haben“, erklärt der Amazon-Mann. In Rheinberg ist der KEP-Dienst DHL sogar direkt über eine Brücke an das Logistikzentrum angebunden. So können die Lkw schnell beladen werden und dann losrollen. Unter Umständen auch nach Süddeutschland, denn für den Versandhändler zählt zuerst: „Wo haben wir die gewünschten Produkte für den Kunden auf Lager und dann erst, wo ist das nächste Logistikzentrum“, erklärt Paetzmann und verdeutlicht damit noch einmal, dass der Kunde im Mittelpunkt des Geschäfts steht.

Der E-Commerce-Markt wächst, mehr Anbieter drängen auf ihn und damit steigt auch die Nachfragen nach Logistikimmobilien. „Die Branche ist ein Wachstumstreiber für uns“, erklärt Andreas Fleischer, Regional Director Germany vom Immobilienentwickler Goodman, der zahlreiche Amazon-Projekte realisiert hat. Auch im Worst-Case-Szenario, einem Abschied von Amazon aus Rheinberg, könne Goodman die Immobilie umwandeln, Einheiten splitten und wieder vermieten, ist sich Fleischer sicher. Doch daran will keiner denken. Schon gar nicht die Frauen und Männer in den Warnwesten.

(ID:35793090)