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Ersatzteillogistik Auf die richtige Balance kommt es an

| Autor / Redakteur: Erich Schlenkrich / Dipl.-Betriebswirt (FH) Bernd Maienschein

Ersatzteillogistik: Wer aus der Covid-19-Pandemie folgert, künftig hohe Bestände in den Verteilzentren für Spare Parts aufzubauen, muss tief in die Tasche greifen und ist nicht zwingend der Klassenbeste. Der folgende Beitrag schildert, wie das Gleichgewicht zwischen Verfügbarkeit, Tempo und Wirtschaftlichkeit gelingt.

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„FlashPick“ von TGW beantwortet Fragen zur Wirtschaftlichkeit und Effizienz in einem Logistikzentrum.
„FlashPick“ von TGW beantwortet Fragen zur Wirtschaftlichkeit und Effizienz in einem Logistikzentrum.
(Bild: TGW)

Wenn es um Produktions- oder Distributionslogistik geht, zerbrechen sich Unternehmen oft lange den Kopf und greifen tief in die Firmenkasse, um mit der neuesten Technologie die Nase im globalen Wettbewerb vorne zu haben. Was manchmal vergessen wird, ist der After-Sales-Markt. Während die Margen im weltweiten Verkaufsrennen oft gering sind, schaut es im Ersatzteilgeschäft anders aus. Die Unternehmen müssen jedoch wissen, wie sie das Business angehen. Wenn sie es strategisch planen, kann der Ertrag groß sein. Fakt ist: Laut Umfragen schöpfen Firmen nur gut ein Viertel des globalen Umsatzpotenzials im After-Sales-Bereich aus. Und es geht nicht nur um harte Fakten, sondern auch um weiche Faktoren. Denn mit einem ausgezeichneten Ersatzteilservice kann ein Unternehmen auch eine ausgezeichnete Kundenbindung aufbauen.

Im Umkehrschluss heißt das: Wer sein Ersatzteilgeschäft schlecht macht, dem droht nicht nur, Kunden zu verlieren – er lädt auch pfiffige Kopierer dazu ein, Nachbauten schnell in Umlauf zu bringen. Mit den heutigen Tools der Digitalisierung muss man kein IT-Experte sein, um mithilfe einer Plattform einen Ersatzteilhandel in mehreren Sprachen aufzuziehen. Besonders ärgerlich sind Produktpiraten, die illegal aktiv werden. Ehe man den Piraten mit Rechtsmitteln den Wind aus den Segeln nehmen kann, vergeht oft jede Menge Zeit. Firmen sind daher gut beraten, ihr Ersatzteilgeschäft intelligent zu steuern.

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Das ist nicht einfach: Denn der Kunde kennt zügige Lieferungen und gute Qualität aus dem B2C-Bereich; und das erwartet er auch im B2B-Geschäft. Für Unterbrechungen der Supply Chain aufgrund von Naturkatastrophen, Streiks oder aktuell der Covid-19-Pandemie hat er nur bedingt Verständnis. Um es anders zu sagen: Nur der, der ein hohes Service-Level bietet, setzt sich langfristig im Wettbewerb durch. Eine ausgeklügelte, agile Logistik und hohe Verfügbarkeit sind daher von großer Bedeutung.

Wer das Thema Ersatzteillogistik angeht, sollte von Anfang an das Credo beherzigen: „Der Kunde ist König.“ Um den Kundenwunsch erfüllen zu können, muss das Unternehmen die Perspektive vom Anbieter zum Käufer wechseln. Heutzutage erwartet der Kunde einfache Bestellmöglichkeiten auf allen Kanälen, rasche Lieferungen, kurze Reaktionszeiten und eine hohe Teileverfügbarkeit. Im B2B-Bereich geht es oftmals weniger um den Preis als vielmehr um kostbare Zeit. Beispiel: Eine Maschine, die am Tag Hunderte oder Tausende Teile produziert, kostet den Anwender schon Tausende von Euro, wenn sie aufgrund eines defekten Teils nur einen einzigen Tag ausfällt.

Die Supply Chain von einem Ende bis zum anderen im Blick haben

Um schnell liefern zu können, muss eine Logistikanlage einen entsprechenden Automatisierungsgrad aufweisen. Optimierte, schlanke Prozesse und digitale Tools schaffen gleichzeitig Effizienz und Transparenz. Es genügt aber nicht, in Logistikzentren eine hohe Teileverfügbarkeit aufzubauen. Ein wichtiger Grundsatz aus dem Supply-Chain-Management lautet: Man muss die gesamte Kette von einem Ende zum anderen ins Auge fassen – und dann das komplette Netzwerk optimieren. Denn eine Kette kann aus vielen Gründen reißen.

Solche Szenarien müssen simuliert werden, um im Notfall einen Plan B oder C in der (digitalen) Schublade zu haben. Konkret heißt das: Ein Unternehmen braucht ein ausgeklügeltes Netzwerk und Kommunikationssystem inklusive ausgezeichneter Logistikdienstleister, die mit nicht geplanten Ereignissen – etwa Terminverzögerungen – zurechtkommen. Die Digitalisierung ist die Voraussetzung für ein modernes Netzwerk. Dieses Netz in Verbindung mit digitalen Prozessen und einem globalen, effizienten Bestandsmanagement zeichnet die Besten der Besten in der Ersatzteillogistik aus.

Mit verschiedenen Basissystemen individuelle Lösungen erstellen

Um die Anforderungen der Kunden erfüllen zu können, hat TGW verschiedene Basissysteme entwickelt. Die Lösung „FlashPick“ liefert zum Beispiel Antworten auf allgemein gültige Fragestellungen zu Wirtschaftlichkeit und Effizienz in einem Logistikzentrum. Die drei wichtigsten Fragen der Kunden lauten:

  • Wie kann ich auf eine unvorhersehbare Zukunft und schwankende Nachfrage reagieren?
  • Wie stelle ich den höchsten, aber auch ökonomischsten Service-Level für meine Kunden bereit?
  • Und wie erreiche ich das alles vor dem Hintergrund von Engpässen im Personalbereich?

Jeder Kunde hat zwar unterschiedliche Geschäftsmodelle und darauf basierende Logistikmodelle aufgebaut, aber mithilfe der TGW-Basissysteme können moderne, individuelle Lösungen mit einem hohen Detaillierungsgrad und hoher Qualität erstellt werden.

Damit die Lösungen dem Stand der Technik entsprechen, nutzt TGW eine ganze Reihe von innovativen Hilfsmitteln – zum Beispiel Datenbrillen vom Typ „TGW EVOCALL“. Sie kommen zum Einsatz, damit den Mitarbeitern vor Ort in einem Live-Stream Informationen, Bilder und Daten zur Problemlösung zur Verfügung gestellt werden können. Ein digitales Tool ist zudem das Wartungsmanagementsystem „TGW CMMS“.

Ist-Daten und Erfahrungswerte aus der Datenbank vergleichen

Auch Condition Based Monitoring wird genutzt. Dabei werden über Sensoren die Ist-Daten von wichtigen Bauteilen abgegriffen und mit den Erfahrungswerten aus einer Datenbank verglichen. Daraus werden nutzungsbasierte Wartungsmodelle generiert. TGW misst beispielsweise die Stromaufnahme in den „KingDrive“-Rollen seiner skalierbaren Fördertechniksysteme. Wenn der Ist-Wert vom Soll-Wert abweicht, reagieren die Fachleute umgehend.

Moderne Technik und hohe Verfügbarkeit heißt aber auch: Das kostet Geld. Die Champions in der Ersatzteillogistik finden eine ideale Balance zwischen Verfügbarkeit, Schnelligkeit und Wirtschaftlichkeit. Sie achten dabei auf drei zentrale Punkte: Die Reduzierung der Lagerstufen, den Aufbau einer effizienten Hub-Struktur und den Einsatz ausgezeichneter Logistikdienstleister in verschiedenen Ländern. Die oben genannten Erfolgsfaktoren gelten dann nicht mehr, wenn Unternehmen sich entschließen, Ersatzteile mithilfe von 3D-Druckern dezentral herzustellen. Der große Vorteil der sogenannten Additiven Fertigung: Lagerung und Teile der Transportkette des Ersatzteils entfallen. Es muss lediglich das passende Material – meist in Form von Schüttgut – zum Spezialdrucker transportiert werden, die Daten für den Druck fließen digital. Inzwischen gibt es eine Vielzahl von Materialien, die ausgedruckt werden können. Auch die Qualität wird immer besser.

Dennoch ist diese neue Produktionsmethode kein Allheilmittel. Meist ist sie (noch) relativ teuer. Die Frage lautet daher immer: Ist der 3D-Druck auch ökonomisch oder lohnt sich doch die konventionelle Herstellung? Firmen rechnen daher in aller Regel für jedes Teil einen Business Case. In bestimmten Fällen, etwa bei auslaufenden Ersatzteilen in geringen Mengen, nimmt der 3D-Druck bereits jetzt eine wichtige Rolle ein. Fakt ist aber auch: Im Fall von Schnelldrehern lohnt sich in aller Regel (noch) die konventionelle Herstellung und Lagerhaltung. Auch die Qualitätsanforderungen sind in manchen Bereichen noch ein Argument gegen Additive Fertigung. Die Zeit wird die künftige Bedeutung des 3D-Printing zeigen. ■

* Erich Schlenkrich ist Industry Manager für Industrie- und Konsumgüter bei der TGW Logistics Group GmbH in 4614 Marchtrenk (Österreich), Tel. (00 42-72 42) 4 86-0, tgw@tgw-group.com

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