Fahrerlose Transportsysteme Aus dem Lager in die Klinik – FTS optimieren die Prozesse

Redakteur: Robert Weber

Krankenhäuser sind teuer. Deshalb suchen immer mehr Kliniken nach Optimierungsmöglichkeiten ihrer Kosten und Prozesse. In der Industrie sind einige fündig geworden. Die Intralogistiker wechseln den Blaumann gegen den weißen Kittel. Davon profitieren auch die Patienten.

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Kollege FTS: Moderne Technik optimiert die Prozesse in deutschen Kliniken. Ein wichtiger Anbieter ist die Swisslog AG aus der Schweiz.
Kollege FTS: Moderne Technik optimiert die Prozesse in deutschen Kliniken. Ein wichtiger Anbieter ist die Swisslog AG aus der Schweiz.
(Bild: Swisslog)

Vor einem Jahr kam Antonia auf die Welt. Für eine große Klinik hatten sich die Eltern damals entschieden, denn sollten Komplikationen entstehen, wollte man auf alles vorbereitet sein. Glücklicherweise blieb die junge Familie davor gefeit. Mutter und Kind bezogen erschöpft, aber glücklich ihr Zimmer und empfingen den Besuch.

Fahrerlose Transportsysteme versprechen effiziente Prozesse

Neben dem stolzen Vater, den rührseligen Omis und Opis klopfte täglich auch das FTS an die Tür, denn das Klinikum vertraute im Alltag modernen Logistiklösungen, die das Essen auf die Stationen befördern. Der für Patienten zunächst ungewöhnliche Anblick der Fahrzeuge verspricht den Kliniken effiziente Prozesse und damit die Reduzierung von Kosten.

„Die Kliniklogistik wurde in der Vergangenheit häufig stiefmütterlich behandelt. Allerdings wird der finanzielle Druck auf die Kliniken immer größer, sodass vermehrt Wert auf das Gesamtergebnis gelegt wird“, erklärt FTS-Experte Dr. Günter Ullrich, Vorsitzender des Forums FTS. Doch nur wenige Krankenhausmanager können sich unter dem Begriff FTS etwas vorstellen, denn Industrie und Krankenhauswelt liegen weit auseinander. In der Welt der OPs, Infusionen und Betten sprechen die Prozessverantwortlichen vom „automatischen Warentransportsystem“ (AWT).

Logistik bietet Krankenhäusern viel Potenzial zur Kostensenkung

Darüber hinaus ist die Kliniklogistik in den Krankenhäusern nicht so selbstverständlich fachlich kompetent besetzt wie in der Industrie. Oft übernehmen Fachkräfte aus anderen Bereichen zusätzlich die Prozessverantwortung. Studien belegen, dass das Krankenhauspersonal in Deutschland sich zu rund einem Fünftel in seiner Arbeitszeit mit logistischen Aufgaben beschäftigt. Das kostet Zeit für Patienten und Geld. Das Gesundheitswesen ist eine stark regulierte Branche und Untersuchungen haben gezeigt, dass es für ein Drittel aller Krankenhäuser auch in Zukunft nicht möglich sein wird, wirtschaftlich zu arbeiten.

Hier bietet die Logistik nun ausgezeichnetes Potenzial zur Kostensenkung um etwa 10 bis 20 % der bisherigen Aufwendungen, ohne dass an Qualität gespart wird. Ganz im Gegenteil: Aus der Optimierung heraus sind sogar Qualitätssteigerungen zu erwarten, heißt es am Karlsruher Institut für Technologie.

Dort forscht Prof. Dr. Stefan Nickel an der Zukunft der Logistik im Krankenhaus. „Es liegt nun an den Krankenhäusern, die Optimierungspotenziale zu identifizieren und Ansätze zu entwickeln, mit welchen Organisationsstrukturen sie wirtschaftlich arbeiten können“, sagt der Wissenschaftler.

Fahrerlose Transportsysteme bieten Krankenhäusern zahlreiche Vorteile

Das sieht auch FTS-Mann Ullrich so. Die neuen Techniken bieten aus seiner Sicht den Krankenhäusern zahlreiche Vorteile:

  • Optimierung der Logistikabläufe
  • organisierter Materialfluss
  • zuverlässige und zeitgerechte Lieferungen im Sinne eines HACCP-Konzepts
  • automatische Verfolgung von Material
  • Reduzierung der Logistikkosten
  • Erhöhung der Sicherheit
  • keine Beschädigungen von Containern, Türen, Wänden oder Einrichtungen
  • Integration in bestehende Gebäude ohne Unterbrechung der Versorgung.

Doch es mangelt an vielen Stellen noch an Logistikern und Wissen. Das führt zu mehr Planungs- und Beratungsleistungen von außen und längeren Projektlaufzeiten. Gleichzeitig ist Anzahl der Anbieter im Gesundheitsmarkt im Vergleich zur Industrie deutlich geringer. Zu den prominentesten Unternehmen zählen unter anderem Swisslog, MLR System und DS Automotion. Dazu kommt: Die Intralogistiker bewerben sich mit ihren Produkten in einer öffentlichen Ausschreibung. Die Spielregeln sind da etwas anders.

Nichtsdestotrotz: Die Projekte sind vielversprechend und nehmen seit 2000 zu. „Nahezu alle Neu- und großen Umbauten in den großen Kliniken Europas und Nordamerikas werden mit FTS geplant. Bei den großen Anlagen liegt der Return on Invest bei etwa drei Jahren. Bestehende EHB-Anlagen sind nur schwer durch andere Schienensysteme ersetzbar; leichter gelingt dies mit FTS, weil das neue FTS am Boden in Betrieb genommen werden kann, während das alte System unter der Decke noch weiter laufen kann“, gibt Ullrich zu bedenken.

Fahrerlose Transportsysteme können leicht in Betrieb genommen werden

Auch das Universitätsklinikum Düsseldorf vertraut der Technik. Auf den magnetgeführten automatischen Gabelhubwagen vom Typ Phoenix R-0,3Mr werden Krankenhauscontainer transportiert. Diese sind 1330 mm lang, 720 mm breit und 1390 mm hoch und haben ein Gesamtgewicht von 250 kg.

Die Fahrzeuge nehmen die Container an der Unterseite der Gabeln mittels Haken auf. Ein System mit zwei Fahrzeugen setzt die Apotheke im Neubau zum Transport von Medikamenten ein. Dort existiert nur eine Übergabeebene. Bei Bedarf geben die Fahrzeuge die Container an einem der 47 Pufferplätze ab.

Das zweite System mit fünf Fahrzeugen ist im Neubau des Zentrums für operative Medizin II (ZOM II) installiert. Vier Fahrzeuge, die die Container von der Elektrohängebahn im westlichen Teil des Gebäudes übernehmen, bedienen die Vertikalförderer der einzelnen Bereiche. Das fünfte Fahrzeug versorgt vom Ostflügel aus die verschiedenen Bereiche mit Lagerware und steht für Sondertransporte zur Verfügung. In beiden Anlagen erfolgt die Übergabe der Krankenhauscontainer von der Elektrohängebahn beziehungsweise dem Vertikalförderer an die Fahrzeuge und umgekehrt jeweils mit einem Bodenleitförderer.

Im Krankenhaus geht mittlerweile nichts mehr ohne Leitrechner

Doch das beste FTS funktioniert nicht ohne Software im Hintergrund und ausgiebige Planungen im Vorfeld. Das MLR-Leitsystem Logos in Düsseldorf erhält von der übergeordneten AWT-Anlagensteuerung Transportaufträge. Der Logos-Leitrechner übernimmt die Kommunikation mit den Bereichssteuerungen der Vertikalförderer, der Bodenleitförderer, der Brandschutztore und steuert und koordiniert die Fahrzeuge in beiden Anlagen. Der Datenaustausch mit den Fahrzeugen erfolgt via Breitbandfunk. „Der FTS-Einsatz dreht sich um die Hauptwarenströme in der Kliniklogistik, die allesamt in Rollcontainern transportiert werden, als da wäre das Essen, die Wäsche, Sterilisationsgüter, Magazinware und der Müll“, unterstreicht Ullrich.

Von der zentralen Küche oder dem Versorgungshof werden nach einem bestimmten Fahrplan die Stationen in den Bettenhäusern beliefert. Dazu fahren die FTS von der Quelle durch die Logistikgänge in den Untergeschossen des Klinikums bis zu den Bettenhäusern. Dort benutzen sie die Aufzüge und fahren mit ihnen auf die Etage der Zielstation. Dort stellen sie einen vollen Container ab und nehmen die leeren Container wieder mit.

Gute Erfahrungen mit fahrerlosem Transportsystem statt Kreiskettenförderer

In Köln haben die Klinikmitarbeiter ebenfalls gute Erfahrungen mit der FTS-Technik gemacht. Dort tauschten die Techniker einen alten Kreiskettenförderer aus. Mit der neuen AWT-Anlage setzte ein logistisches Umdenken im Krankenhaus ein. Während die Transporte früher oft mehrere Stunden dauerten, ist heute ein Transport nach maximal 15 Minuten erledigt.

Und die Rheinländer wollen noch mehr. Die nächsten zwölf Fahrzeuge sind geordert, denn der Bedarf steigt. Bis zu 2600 Fahrten absolvieren die FTS in der Domstadt. Auch das Personal hat sich an die neuen Kollegen gewöhnt. „Mit der Inbetriebnahme eines neuen Systems finden organisierte Schulungen statt, die vom FTS-Lieferanten durchgeführt werden. Der Großteil des Personals bekommt eine Einweisung in die Bedienung des Systems. Das technische Personal wird zusätzlich darin unterwiesen, wie Störungen zu beheben sind und wie man Ausnahmesituationen meistert“, erklärt Ullrich. Das ist wichtig, denn im Krankenhaus müssen die Prozesse mindestens genauso stabil sein wie in der Industrie. Das ist die Herausforderung für den Logistiker im Klinikum.

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