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Logistik Ballungsraum in Bestform

| Autor / Redakteur: Sabine Vogel / Helmut Klemm

Wo früher Schlote qualmten, rauchen heute Köpfe – mit enger Verzahnung von Wissenschaft und Wirtschaft und ausgewiesenem Know-how in Logistik und IT präsentiert sich Nord-rhein-Westfalen als drittgrößter Ballungsraum Europas in Bestform.

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Beim Köln-Bonn Airport stieg das Frachtvolumen 2006 um 7% gegenüber dem Vorjahr auf 698 000 t – er ist ein Jobmotor für die gesamte Region. Bild: Köln-Bonn Airport
Beim Köln-Bonn Airport stieg das Frachtvolumen 2006 um 7% gegenüber dem Vorjahr auf 698 000 t – er ist ein Jobmotor für die gesamte Region. Bild: Köln-Bonn Airport
( Archiv: Vogel Business Media )

Fast 20 Jahre ist es her, dass aufgebrachte Krupp-Arbeiter ihrem Protest gegen die drohende Schließung ihres Stahlwerkes in Duisburg-Rheinhausen Luft machten. Aus Solidarität legten damals insgesamt 100 000 Stahlarbeiter und Bergleute im ganzen Ruhrgebiet ihre Arbeit nieder.

Zum Zeitpunkt dieses legendären Arbeiterkampfes war der Strukturwandel in Nordrhein-Westfalen bereits in vollem Gange. Heute zählt das Land zwischen Rhein und Ruhr mit einem Mix aus Industrie und Dienstleistungen zu den dynamischsten und spannendsten Regionen Deutschlands – und zu den ertragreichsten. Die dort lebenden Menschen haben 2006 ein Bruttoinlandsprodukt von gut 500 Mrd. Euro erwirtschaftet.

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Schlüsselbranchen sind nach wie vor die chemische Industrie, Metallerzeugung und –bearbeitung sowie der Maschinenbau. Doch nicht erst unter der neuen Konjunktursonne boomt die Logistik. Laut einer Studie der Fraunhofer-Arbeitsgruppe für Technologien der Dienstleistungswirtschaft (ATL) in Nürnberg werden dieser Branche rund 550 000 Beschäftigte zugerechnet – zähle man geringfügig Beschäftigte hinzu, steige die Zahl auf 610 000; und wenngleich Hamburg im Ranking der attraktivsten Logistikstandorte Deutschlands noch immer das Tempo bestimmt, so hat das mit rund 18 Mio. Einwohnern bevölkerungsreichste Bundesland deutlich an Boden gutgemacht.

Das kommt nicht von ungefähr. Kennzeichnend sind die Nähe zur Produktion sowie ein starker Absatzmarkt. In einem Radius von 500 km rund um die Landeshauptstadt Düsseldorf leben rund 140 Mio. Menschen – das ist fast jeder 3. Bürger der Europäischen Union.

Flughafen Köln-Bonn weiter im Aufwind

Unter dem Motto „Noch mehr Passagiere, noch mehr Fracht“ punktet der Köln-Bonn Airport als Jobmotor und Wachstumstreiber für die gesamte Region. Das Frachtvolumen stieg 2006 im Vergleich zum Vorjahr um 7% auf 698 000 t. Zu verdanken ist dies nicht zuletzt den prosperierenden Geschäften der Kurier- und Expressdienste, die von einer Betriebserlaubnis des Flughafens rund um die Uhr profitieren.

Erst jüngst hat das US-amerikanische Logistikunternehmen UPS 135 Mio. Dollar in die Erweiterung seines europäischen Luftfrachtdrehkreuzes am Köln-Bonn Airport investiert.

In kreativer Konkurrenz leistet auch Düsseldorf International, der größte Passagierflughafen in Nordrhein-Westfalen, seinen Beitrag zur dynamischen Entwicklung des Landes und versteht sich als Mobilitätsprovider, der starke Wirtschaftsstandorte direkt miteinander vernetzt.

Quartier bezogen in der Region haben unter anderm international agierende Unternehmen wie SAP, Mitsubishi und Hewlett-Packard. Positive Ergebnisse beim Thema Luftfracht sind deshalb auch in Düsseldorf die Regel. 97 000 t Fracht wurden aktuellen Meldungen zufolge 2006 umgeschlagen – das macht ein Plus von rund 10%.

Duisburg-Rheinhausen ist heute längst das Synonym für einen erfolgreichen Strukturwandel. Entscheidenden Anteil daran hat der Logport auf dem Gelände des ehemaligen Krupp-Stahlwerks. Gerade erst im März wurde dieses Areal im größten Binnenhafen Europas als „Ausgewählter Ort 2007“ im Rahmen der Initiative „Deutschland – Land der Ideen“ ausgezeichnet.

„Das ist eine tolle Geschichte für uns und den Logistikstandort NRW, die uns schon ein bisschen stolz macht auf das bisher Geleistete“, freute sich Hafenchef Erich Staake. Innerhalb kürzester Zeit sei aus dem ehemaligen Hüttenwerk eines der am schnellsten wachsenden Logistikzentren Europas geworden. „Heute stehen die 265 ha Fläche für Spitzenleistung in der Logistik bei mehr als 2200 generierten Arbeitsplätzen“, so Staake.

Weltunternehmen geben sich in Duisburg ein Stelldichein

Größen der europäischen Logistikbranche sind hier vertreten, so etwa Rhenus und Kühne & Nagel. Auch die japanische Logistikgruppe NYK setzt konsequent auf die Trimodalität des Standorts. Mit Schenker konnte nun ein weiterer Global Player für Duisburg gewonnen werden, der in ein neues Logistikterminal Investitionen in Höhe von etwa 10,5 Mio. Euro fließen lassen will. „Mit unserem Engagement an dieser europäischen Verkehrsdrehscheibe schaffen wir für unsere Kunden in der Region einen neuen, leistungsfähigen Zugang zu unserem weltweiten Logistiknetzwerk“, begründet Hans-Jörg Hager, Vorstandsvorsitzender von Schenker Deutschland, den Schritt.

Das bestätigt einmal mehr den Trend, dass auch Unternehmen, die nicht auf das Binnenschiff setzen, zunehmend in Hafengebieten siedeln, um von den Standorteigenschaften zu profitieren. Dazu gehören die Infrastruktur, eine gute Verkehrsanbindung, ein breites logistisches Dienstleistungs-angebot sowie die Verfügbarkeit von Arbeitskräften.

Der Umschlag in den Duisburger Häfen ist 2006 auf 49,7 Mio. t gestiegen. Per Schiff, Bahn und Lkw wurden 10% mehr bewegt als im Vorjahr. Von 787 000 Standardcontainern entfiel eine Quote von 430 000 auf die Schiene, mit einem Plus von 19%. „Wir arbeiten in Wachstumsmärkten, wachsen überproportional und gewinnen Marktanteile – und das verkehrsträgerübergreifend“, freut sich Hafenchef Staake. Parallel verzeichnet der größte Kanalhafen Europas in Dortmund einen Zuwachs von 9,2% auf 2,96 Mio. t.

Durch die Erschließung neuer Geschäftsfelder konnte erstmalig der Wegfall des Eisenerz-Umschlags seit 2002 kompensiert werden. Obwohl auch das Containergeschäft boomt, sind nach wie vor Baustoffe und Mineralöl die umschlagstärksten Gütergruppen. Stattlich ist die Steigerung bei Kohle und Koks von 149 000 auf 272 000 t. Abnehmer sind drei Kraftwerke in der Region, die vom Dortmunder Hafen aus mit Importkohle versorgt werden.

Eine nahezu flächendeckende Wissensfabrik ist Inkubator für den dringend benötigten Fachkräftenachwuchs. 58 Universitäten, 13 Fraunhofer-Institute, 11 Max-Planck-Institute, 63 Technologie- und Gründerzentren sowie 30 Technologietransferzentren hat die Gesellschaft für Wirtschaftsförderung Nordrhein-Westfalen (GfW) im Lande gezählt.

Dortmund ist Hochburg für technische Logistik

Als Hochburg der technischen Logistik gilt Dortmund. Dazu kommt neben dem Maschinenbau zunehmend die Informationstechnik, denn ohne die läuft in der Logistik nichts mehr. Rund 1 400 Unternehmen der IT-Branche waren Ende 2006 in Dortmund, Hamm und im Kreis Unna ansässig – Tendenz steigend.

„Um die IT-Branche und den Standort zu stärken, haben wir im vergangenen Jahr unter anderem ein lokales Netzwerk aufgebaut und neue Veranstaltungen sowie Aktivitäten zur Verknüpfung der IT-Branche mit der Wissenschaft ins Leben gerufen“, erläutert Udo Mager, oberster Wirtschaftsförderer der Stadt Dortmund, die Standortpolitik.

Innovatives Know-how an Praktiker aus der Wirtschaft zu vermitteln, ist Anspruch der Fraunhofer Technology Academy of Logistics in Dortmund mit dem geplanten Studiengang „MBA in Logistic Engineering“. Ebenfalls als Mittler versuchen das Fachgebiet Logistik (F-Log) der Universität Dortmund sowie das Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik (IML) und das Forschungsinstitut für Telekommunikation, den Einsatz von Radio Frequency Identification (RFID) voranzutreiben.

Zu den Testumgebungen des „RFID Competence Cluster Dortmund“ gehören unter anderem das Open-ID-Center, das RFID-Support-Center sowie das Log-ID-Lab. Die Logistiker der Uni Dortmund haben mit Partnern bereits RFID-Anwendungen in der Produktionssteuerung realisiert: ein Trend, der sich weiter fortsetzen wird, denn die in Logistik und Handel erzielten Erfolge machen die Technologie zunehmend auch für Prozesse in der Produktionslogistik interessant.

„RFID hat im industriellen Bereich den Durchbruch geschafft. Es geht heute nicht mehr um das ‚Warum‘, sondern um das ‚Wie‘ beim Einsatz dieser innovativen Schlüsseltechnologie“, sagt Prof. Michael ten Hompel, Leiter des Fraunhofer-Instituts IML.

Gebündelte Kompetenzen, erfolgreiche Clusterpolitik sowie vernetzte Logistikknoten können nicht darüber hinwegtäuschen, dass Nordrhein-Westfalen vor weiteren Herausforderungen steht. Wie Verkehrsminister Oliver Wittke betont, will die Landesregierung den Ausbau der Verkehrsinfrastruktur beschleunigen. Spürbare Entlastungen seien allerdings nur zu erwarten, wenn das Mautsystem flexibel zur Steuerung des Verkehrs genutzt werde.

In die Bresche springen auch hier Wirtschaft und Wissenschaft. Volles Rohr in Richtung Zukunft geht es zum Beispiel bei der Transportalternative Cargo Cap. Im Fokus des an der Ruhr-Universität Bochum entwickelten Konzepts stehen Fahrrohrleitungen, in denen kabinenartige Fahrzeuge Stückgut unterirdisch durch das Ruhrgebiet schleusen sollen. MM

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