werkzeugmaschinen

China kommt nach Europa

10.05.2007 | Autor / Redakteur: Thomas Kiefer / Ulrike Gloger

Dr. Margot Schüller, stellvertretende Direktorin des Instituts für Asienkunde, Hamburg: „Chinesische Unternehmen verfolgen das Ziel, Technik, eingeführte Marken und Betriebsnetze zu erwerben.“ Bild: Institut für Asienkunde
Dr. Margot Schüller, stellvertretende Direktorin des Instituts für Asienkunde, Hamburg: „Chinesische Unternehmen verfolgen das Ziel, Technik, eingeführte Marken und Betriebsnetze zu erwerben.“ Bild: Institut für Asienkunde

Auf großen deutschen Leitmessen prägen chinesische Aussteller bereits weite Teile der Messehallen. Zunächst wird in Europa ein Vertrieb gesucht, dann eine Vertretung aufgebaut. Der Markt für komplexe Großwerkzeugmaschinen ist bereits weitgehend in chinesischer Hand. Langfristige ergänzende Wachstumsstrategien sind aber Voraussetzung für den Unternehmenserfolg.

Chinas Unternehmen richten nicht nur Zweigstellen in Europa ein, sondern beteiligen sich auch an alteingesessenen Firmen. „Bei einer Übernahme durch chinesische Unternehmen müssen wir den Mitarbeitern zunächst die Angst nehmen und zukünftige Chancen aufzeigen,“ sagt Dr. René Nitsche, Geschäftsführer des Werkzeugmaschinenherstellers Schiess GmbH in Aschersleben. „Durch den Einstieg chinesischer Investoren haben bei uns alle gewonnen. Dies geht jedoch nur, wenn ein gegenseitiges Grundvertrauen vorhanden ist. Dabei konnten wir selbst unsere technologischen Kernkompetenzen geschützt halten. Einerseits profitieren wir jetzt durch einen Auftragsschub aus China. Andererseits verbesserten wir unsere globale Wettbewerbsfähigkeit durch Fertigung in China.“

Im November 2004 investierte die Shenyang Machine Tool Group, das mit einem Umsatz von 600 Mio. US-Dollar und etwa 10 000 Mitarbeitern größte Werkzeugmaschinenunternehmen Chinas, in den zuvor insolventen deutschen Werkzeugmaschinenbauer. „Von vornherein versuchten wir, einen Investor zu finden, mit dem wir eine langfristige und wirtschaftlich tragfähige Lösung realisieren konnten. Dazu suchten wir ein Unternehmen mit vergleichbarer Kundenstruktur und sich ergänzenden Märkten. So besteht mit der Verbreiterung der Marktkompetenz die Vision eines gemeinsamen Wachstums. Es bedarf Synergien zwischen den Produkten beider Unternehmen, aber auch der Möglichkeit zum Verbreitern des Produktportfolios. Damit lässt sich das vorhandene Know-how ohne größere zusätzliche Investitionen nutzen“, so Nitsche weiter.

Mitarbeiterzahl und Umsatz in Deutschland wachsen

Das Wachstum geschieht nicht nur in China, sondern auch am Standort Aschersleben. Der Umsatz ist 2006 im Vergleich zu 2005 fast verdoppelt worden. Die Mitarbeiterzahl stieg von 132 auf 290. Die chinesischen Investoren bauen das deutsche Werk zu einem Forschungszentrum aus. Zwölf neu eingestellte Ingenieure entwickeln dort ausschließlich für die chinesische Mutterfirma. Dieses Zentrum soll weiter ausgebaut werden. Erste gemeinsam entwickelte Werkzeugmaschinen werden auf der EMO 2007 in Hannover gezeigt.

Den Markt für komplexe Großmaschinen teilt sich die Schiess GmbH mit der Werkzeugmaschinenfabrik Adolf Waldrich Coburg. Das oberfränkische Unternehmen kämpfte ebenfalls um seine Existenz und fand mit der Beijing No. 1 Machine Tool einen neuen Anteilseigner. Auch dabei ergänzen sich Produkte und Märkte; mittelfristig sollen 80 neue Mitarbeiter eingestellt werden.

Modernisierung und Internationalisierung mit einem chinesischen Investor – dieses Konzept funktioniert beim schwäbischen Maschinenbauer F. Zimmermann GmbH sogar für den US-Markt. Dort nutzt er das Vertriebsnetz des ebenfalls von seinem Kapitalgeber, der Dalian Machine Tool Group, aufgekauften US-Unternehmens Ingersoll. Auch diese Kooperation setzt weniger auf kurzfristige Gewinne, sondern auf die Sicherung der langfristigen gemeinsamen Wachstumsperspektiven.

Die große Beteiligungs- und Übernahmeoffensive aus China steht jedoch erst bevor. „Chinesische Unternehmen wollen ins Ausland und müssen ins Ausland“, erklärte Margot Schüller, stellvertretende Direktorin des Instituts für Asienkunde in Hamburg. Grund für den Expansionsdrang ist der wachsende Konkurrenzdruck in China, aber auch das Bestreben der chinesischen Regierung, in den kommenden Jahren global wettbewerbsfähige Konzerne zu schaffen.

Chinesen kaufen Marken und Märkte

Es gibt zwei Wege des Engagements chinesischer Firmen im Ausland. Zum einen bauen Unternehmen neue Produktionsstätten jenseits der Heimat auf; zum anderen suchen sie nach kleineren und mittleren Betrieben, die sich für eine Übernahme eignen. „Dabei verfolgen sie das Ziel, Technik, eingeführte Marken und Vertriebsnetze zu erwerben“, so Schüller. Tatkräftig unterstützt bei ihren Expansionsplänen werden Chinas Unternehmen oft von den staatlichen Banken, die ihnen günstige Kredite zur Verfügung stellen.

Die chinesischen Investitionen im Ausland sind in den vergangenen Jahren kräftig gestiegen. Lagen sie vor wenigen Jahren noch bei wenigen hundert Mio. US-Dollar, erfassten die chinesischen Behörden 2005 bereits 6,9 Mrd. US-Dollar, die Chinas Firmen im Ausland investiert haben. Im ersten Quartal 2006 lagen die chinesischen Auslandsinvestitionen bereits bei 2,8 Mrd. US-Dollar – ein Anstieg von 280% im Vergleich zum Vorjahreszeitraum, erklärt Schüller. Die tatsächliche Höhe des Engagements ist nach Schüllers Berechnungen sogar zwei- bis dreimal so hoch, weil beispielsweise Investitionen von Unternehmen aus Hongkong nicht erfasst werden.

Die Investitionen chinesischer Unternehmen im Ausland sollen zukünftig noch weiter vereinfacht werden, kündigt Li Yongjun, Abteilungsleiter beim chinesischen Handelsministerium an. Dafür biete China zukünftig für seine Unternehmen noch bessere politische, finanzielle und steuerpolitische Unterstützung. Privat- und Staatsunternehmen sollen gleich behandelt werden.

Chinesische Bürger sollen ermutigt werden, verstärkt im Ausland zu investieren, meldet die Beijing Rundschau. Aus diesem Grund hat das staatliche Amt für Devisen die Vorschriften für den Kauf von Devisen durch chinesische Bürger gelockert. Zudem haben die zuständigen Behörden weitere Richtlinien erlassen, die Investitionen chinesischer Bürger im Ausland erleichtern sollen.

Diese neue Politik gilt seit April 2006. Seither dürfen Chinesen ein Finanzinstitut – mit Sitz in China – beauftragen, für sie im Ausland zu investieren. 31 Finanzinstitute haben bis Ende 2006 die dafür notwendige Erlaubnis erhalten, Auslandsinvestitionen zu tätigen. Nur dadurch wurden bisher 19 Mrd. US-Dollar im Ausland investiert.

Internationalisierung geht rasend schnell voran

Mit dem Aufstieg Chinas geht die Internationalisierung rasend schnell voran. Dies gilt auch für Zukunftsmärkte wie Indien. Dort sind chinesische Maschinenbauer im Markt für Textilmaschinen besonders aktiv. Auch in Indien gilt: Ein gemeinsames Interesse und vertrauensvolle Zusammenarbeit sind die Basis für den geschäftlichen Erfolg.

Erste chinesisch-indische Jointventures drangen bereits auf den indischen Markt vor. „Made in China“ wird als Marke für Qualität zu einem günstigen Preis etabliert. „Mit unserem chinesisch-indischen Joint Venture können wir einen exzellenten und schnellen Service in Indien bieten,“ erklärt Yin Shuihu, Chairman von Krishna Hengyuan auf einer Textilmaschinenmesse in Okhia bei Delhi.

Reiner Technologieerwerb oder Technologieklau dürfte zukünftig immer weniger eine Rolle bei der Internationalisierungsstrategie chinesischer Unternehmen spielen. Aus China kommen zukünftig weniger Kopien als Innovationen. Die sich schnell internationalisierenden chinesischen Konzerne haben selbst Interesse an verbessertem Rechts- und Urheberschutz. Das China von morgen ist nicht mehr in erster Linie die „Werkstatt der Welt“, sondern einer der bedeutendsten Innovationsstandorte, schätzt Dr. Richard Hausmann, Präsident und CEO der Siemens Ltd. China und Vorsitzender der Deutschen Handelskammer in China.

Siemens beschäftigt dort bereits 2500 Mitarbeiter im Bereich Forschung und Entwicklung. Die Forschungsbedingungen verbessern sich in China laufend, weil die Regierung gewaltige Summen in Forschung und Hochschulen pumpt. Dadurch möchte das Land unabhängige Entwicklungen hervorbringen und das Entstehen von „chinesischen Champions“ als weltweit führende Unternehmen fördern. „Ohne Technologietransfer sind größere Projekte in China kaum zu realisieren. Die Kunst dabei ist es jedoch, das Kernwissen des eigenen Unternehmens zu schützen“, berichtete Hausmann.

Dabei verläuft die Internationalisierung Chinas viel schneller und in einem weitaus größeren Umfang, als zuvor in Japan oder Südkorea. China geht nicht nur ins Ausland, sondern wirbt auch international um die besten Wissenschaftler und Fachkräfte. Mancherorts, wie in Ningbo, Boomtown und Standort der chinesischen Maschinenbaubranchen, arbeiten bereits mehr deutsche Fachkräfte bei chinesischen Unternehmen als bei den dort ebenfalls angesiedelten europäischen Konkurrenten.

Dr. Thomas Kiefer ist Fachjournalist in Aumühle.

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