Digitale Logistik

Das Elend der Autobahnnomaden

| Autor / Redakteur: Gabriel Sieglerschmidt / Jonas Scherf

Klopf, klopf! Schlafen Sie etwa verbotenerweise im LKW…?
Klopf, klopf! Schlafen Sie etwa verbotenerweise im LKW…? (Bild: Flickr)

Die Ruhezeit im LKW zu verbringen wird teuer – bis zu 180 Euro/Stunde. Neue Bußgeldandrohungen umgehen ein nationales Verbot von im LKW verbrachten wöchentlichen Ruhezeiten. Nun sollen Kontrolleure einen Missstand bereinigen, dessen Ursachen in der EU liegen.

Als „menschenunwürdig" beschreibt Thomas Fiale vom Polizeipräsidium Köln die Lage auf vielen Höfen: Fahrer, vornehmlich aus Osteuropa, drängen sich dicht an dicht. Plätze, die für 90 Fahrzeuge gedacht sind, werden von über 200 Lkw belegt. Die Fahrer kochen auf Gaskochern, waschen und trocknen Wäsche – oder versuchen in den engen Kabinen etwas Schlaf zu finden. Manche dieser Fahrer, so Fiale, campieren über Monate auf Parkplätzen, um ihre wöchentlichen Ruhezeiten abzubummeln. Mitunter fehlt den Fahrern das Geld, um die Sanitäranlagen zu nutzen.

Ruhezeit wird zur Stehzeit

Während die meisten deutschen Fahrer ihre Ruhezeiten so legen können, dass sie den Großteil zuhause verbringen, ist dies vielen Fahrern aus MOE-Staaten nicht möglich. Nicht nur ist die Zeit für eine Heimfahrt zu kurz, es fehlt auch das Geld. Doch selbst wenn sie es könn(t)en: Wohin mit dem Lkw? Ausländische Fahrer können ihren Wagen nicht einfach stehenlassen. Die Ruhezeit ist im Grunde nur eine Stehzeit. Dass die Autobahnnomaden besonders häufig in den Grenzregionen zu Belgien, den Niederlanden und Frankreich anzutreffen sind, hat seinen Grund: Nachdem Belgien 2014 ein Verbot erließ, die Ruhezeit in der Fahrerkabine zu verbringen, wichen die Fahrer auf deutsche Rasthöfe aus. Frankreich zog mit einem ähnlichen Verbot nach.

Das soziale Gefälle innerhalb Europas

Längst hat sich aus dem Lohngefälle in der EU ein lukratives Geschäft entwickelt. Gängig ist etwa das „Umflaggen". Dafür werden Fahrzeuge im Ausland zugelassen, mit Fahrern aus MOE besetzt, die Wagen dann aber ausschließlich in Westeuropa eingesetzt. Kritik daran gibt es reichlich. Es erhöht die Parknot auf den überlasteten Rastplätzen, da die umgeflaggten Flotten ständig fernab der Heimat eingesetzt sind.

Gewerkschaften kritisieren, dass das Umflaggen eine Form von Lohndumping sei. Auch der BGL sieht die Dienstleistungsfreiheit missbraucht. Um diesen Missbrauch abzustellen, sollten sich die Löhne nicht nach Herkunft des Fahrers richten, sondern nach dem Ort, an dem die Dienstleistung überwiegend erbracht wird. Eine gesamteuropäische Lösung, die das Problem an den Wurzeln packt, ist derzeit nicht erkennbar.

EuGH-Urteil mit Folgen

Auf europäischer Ebene wird noch darüber gestritten, ob es Lkw-Fahrern erlaubt ist, die wöchentliche Ruhezeit im Fahrzeug zu verbringen. In Kürze wird der europäische Gerichtshof über ein entsprechendes belgisches Urteil entscheiden. Dieses Urteil untersagte einem belgischen Unternehmen, seine Fahrer aus Osteuropa dauerhaft im Lkw übernachten zu lassen. Da der Generalanwalt des EuGH zu dem Schluss kam, dass ein Übernachten im Fahrzeug nicht als Ruhezeit im Sinn der Verordnung gelten kann, wird erwartet, dass auch der EuGH so urteilen wird.

Mit diesem EuGH-Urteil dürfte das Thema noch immer nicht vom Tisch sein. Sowohl multinationale Logistiker als auch die osteuropäischen Länder haben großes Interesse daran, weiterhin Personal aus Osteuropa einzusetzen. Möglich machen würde das eine Änderung von Art. 8 der Verordnung (EG) Nr. 561/2006. Etwa, indem dort zwei kurze Ruhezeiten hintereinander erlaubt würden. Fahrer aus Osteuropa würden dann öfter nach Hause fahren müssen, dem Nomadentum wäre ein Riegel vorgeschoben. Es würde sich aber weiterhin lohnen, auf die günstigen Fahrkräfte aus Osteuropa zu setzen.

Ist die Bußgeldregelung durchsetzbar?

Bis eine einheitliche europäische Regelung greift, können in Deutschland zumindest Bußgelder verhängt werden. Voraussetzung dafür ist, dass es Kontrollen gibt. Thomas Fiala von der Polizei in Köln zeigt sich zuversichtlich: Bei Kontrollen sei es für die Polizei kein Problem festzuhalten, wenn ein Lkw länger als 24 Stunden an einem Ort stehe. Treffe man im Lkw den Fahrer an, sei davon auszugehen, dass die Ruhezeit im Wagen verbracht wird. Da "der Unternehmer den ursächlichen Zusammenhang bei der Planung seines Fahrpersonals setzt", hält Fiala es zudem für möglich, vor allem "den Unternehmer mit einem Bußgeld zu belegen."

Ob sich das in der Praxis wird umsetzen lassen, ist unklar. Fiala setzt insgeheim schon auf die Einführung des Tachographen mit GPS. Dieser zeichnet den Standort automatisch alle drei Stunden während der Fahrt sowie am Start- und Zielort auf, sodass leicht nachzuweisen ist, ob ein Lkw bereits seit 45 Stunden auf einem Rasthof steht.

Ob das alles wirklich wünschenswert ist, muss sich ebenfalls noch erweisen: Wenn die Fahrer ihre wöchentliche Ruhezeit nicht im Lkw verbringen dürfen, müssen sie ja irgendwohin ausweichen, wo sie eine „geeignete Schlafmöglichkeit" finden, wie es die Verordnung fordert. Ob das in Zelten oder in Containern der Fall ist, wird wohl Grundlage für weitere Klagen sein. Das große Chaos auf deutschen Autobahnparkplätzen und Rasthöfen dürfte jedenfalls nicht kleiner werden.

Kommentare werden geladen....

Wertvolle Kommentare smarter Leser

Anonym mitdiskutieren oder einloggen Anmelden

Avatar
  1. Avatar
    Avatar
    Bearbeitet von am
    Bearbeitet von am
    1. Avatar
      Avatar
      Bearbeitet von am
      Bearbeitet von am

Kommentare werden geladen....

Kommentar melden

Melden Sie diesen Kommentar, wenn dieser nicht den Richtlinien entspricht.

Kommentar Freigeben

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

Freigabe entfernen

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

Whitepaper

Glossar 4.0

Diese 20 Begriffe rund um Industrie 4.0 müssen Sie kennen!

Predictive Maintenance, Retrofit und Digitaler Schatten – wer soll da noch den Überblick behalten? Wir haben 20 wichtige Begriffe zusammengefasst und kurz erklärt. lesen

Intralogistik 4.0: Sensorik und Datennetze

Auf die Details kommt es an: Der digitale Weg zur Intralogistik 4.0

Das MM LOGISTIK-Dossier „Intralogistik 4.0“ beschäftigt sich mit den Details, auf die es bei der Digitalisierung zu achten gilt. Nicht immer kann der Fokus auf den großen Anlagen liegen, denn auch Sensoren und IT-Lösungen spielen eine wichtige Rolle auf dem digitalen Weg zur Intralogistik 4.0. lesen

Umfrage Industrie 4.0

Industrie 4.0 ist kein Hype - wir sind mittendrin

Wo steht Deutschland aktuell beim Thema Industrie 4.0? Ist der Hype schon wieder vorbei oder ist das Thema aktueller denn je zuvor? Wie weit ist die Umsetzung in der deutschen Industrie vorangeschritten? lesen

DER NEWSLETTER FÜR INDUSTRIE UND HANDEL Newsletter abonnieren.
* Ich bin mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung und AGB einverstanden.
Spamschutz:
Bitte geben Sie das Ergebnis der Rechenaufgabe (Addition) ein.