Fahrerlose Transportsysteme Das Offenbacher Klinikum nutzt moderne Intralogistik

In dem erst kürzlich in Betrieb gegangenen Neubau Klinik Offenbach (NKO) arbeiten unter anderem 15 fahrerlose Transportfahrzeuge (FTF) und bringen die mit Waren befüllten Container dorthin, wo sie gebraucht werden — und das flink und leise.

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Das neue Klinikum in Offenbach. Bild: MLR
Das neue Klinikum in Offenbach. Bild: MLR
( Archiv: Vogel Business Media )

Weil der bisherige 17-stöckige Klinik-Zentralbau in Offenbach aus dem Jahr 1974 an seine Grenzen stieß und nicht mehr vertretbar hohe Sach- und Personalkosten verursachte, begannen im März 2004 die Planungen für den Neubau Klinik Offenbach (NKO). Mit 142 Mio. Euro Baukosten Offenbachs größte städtebauliche Investition der Nachkriegszeit. Entstanden ist ein 137 m langer und 27 m hoher Bau mit sieben Geschossen, der im Juni 2010 bezogen wurde. Das als sogenannter Kammbau errichtete Gebäude enthält neben neuester Medizintechnik auch hochmoderne Betriebstechnik, bei der die Intralogistik eine entscheiden Rolle spielt.

GU-Auftrag mit umfassendem Lieferumfang

Bei der Realisierung des äußerst komplexen Transportsystems im NKO baute man auf die Erfahrung der MLR System GmbH in Ludwigsburg: Nach einer EU-weiten Ausschreibung wurde der Generalunternehmer-Auftrag mit umfassendem Lieferumfang erteilt:

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  • 15 freifahrende Unterfahrschlepper vom Typ Caesar in Edelstahl mit wartungs- und gasungsfreien Batterien und passenden Ladegeräten;
  • 55 krankenhaustypische Edelstahlcontainer;
  • eine Waschanlage zum Reinigen der Müllcontainer (CWA);
  • stationäre Fördertechnik zum Speichern, Zu- und Abführen der Container;
  • eine komplette Rohrpostanlage;
  • umfangreiche Verkabelung;
  • Leitstand und Werkstatt für die FTF und die Container.

Das komplette System ist dafür ausgelegt, Container mit Essen, Wäsche, Apothekengütern sowie medizinischen Sachbedarf, Sterilgut und Lagerware zu den richtigen Zeitpunkten zu den richtigen Zielen auf mehreren Etagen zu bringen und so die Ver- und Entsorgung aller Untersuchungs-, Behandlungs- und Pflegebereiche im Krankenhaus sicherzustellen. Und das an 365 Tagen im Jahr und rund um die Uhr mit einer Verfügbarkeit, die gegen 100% tendiert.

Kurze Wege für Mitarbeiter und Material

„Fehler, zum Beispiel bei der Essens- und Medizinversorgung, hätten fatale Folgen“, betont Titus Kinzler, Geschäftsführer der Offenbacher Klinik Management und Service GmbH (OKM). Diese Tochtergesellschaft der Klinikum Offenbach GmbH betreibt mit zirka 450 Mitarbeitern alle Bereiche im Klinikum, die nicht zu den medizinischen und pflegerischen Bereichen zählen, also beispielsweise Logistik, Technik, Reinigung und EDV.

Moderne Arbeitsabläufe mit kürzesten Wegen sind für den Alltag im NKO charakteristisch, wie es heißt. Das gilt nicht nur für die Mitarbeiter, sondern auch für den Umgang mit Waren und Gütern. In der heutigen Betriebsführung ist für einen klassischen Lagerbestand kein Platz.

Cross Docking auch im Krankenhaus

Und so wird auch im Neubau eine zeitgemäße Art der Lagerhaltung praktiziert: das Cross Docking. Dabei werden die Waren weitgehend vorkommissioniert in Containern an- und direkt dem Empfänger ausgeliefert. Hierzu fahren die Lkw an die Rampe im Wirtschaftshof in der Ebene —1. Dort werden die Container manuell aus den Lkw gerollt und den FTF zum Weitertransport bereitgestellt.

Da kein Raum für spezielle Lagerhaltung vor Ort vorhanden ist, wird die Ware erst zum benötigten Zeitpunkt bestellt und von außerhalb angeliefert. „Auch die Mahlzeiten gelangen aus unserer etwa 30 km entfernten Küche in gekühltem Zustand (Cook & Chill) just in time zu den Stationen, wo sie fertig regeneriert werden“, erklärt Kinzler.

„Das geschieht drei Mal am Tag mit speziellen Essenscontainern, die jeweils 20 Essen aufnehmen können. Jeder Container im System ist mit einem RFID-Tag versehen, in den schon vor dem Beladen der Lkw der genaue Empfängerort eingegeben wurde. Alle Transporte zahlenmäßig aufsummiert ergeben täglich rund 1000 Containerbewegungen.“

Versorgungsfahrten im Leitsystem priorisiert

Bei derart vielen Quellen und Senken ist ein ausgefeiltes, ausfallsicheres Steuerungs- und Verwaltungssystem unentbehrlich. Für solche Aufgaben hat MLR die inzwischen vielfach bewährte Software Logos-Hospital entwickelt, die in Offenbach auf zwei PC im Hot-Standby-Betrieb arbeitet.

Wichtig ist die rechtzeitige Bereitstellung der erforderlichen Fahrzeuge an den Transportquellen. Da im NKO die Waren-Container von der Cross-Docking-Station, dem zentralen Warenumschlagplatz, direkt zum Empfänger gebracht werden, sind im Leitsystem diese Versorgungsfahrten priorisiert.

Um dies zu gewährleisten, funktioniert es als Taxi-System. Das heißt, die Fahrzeuge fahren nicht in festgelegten Intervallen zu den Stationen, sondern die Transporte werden durch die Belegung der Sendestationen initiiert. Der Leitrechner schickt erst dann ein FTF zu einer Sendestation, wenn ein Container auf dieser Station detektiert wird.

RFID-Tags identifizieren Container während der Aufnahme

Die Identifizierung des Containers erfolgt während der Aufnahme durch das FTF mittels des am Container angebrachten RFID-Tags. Zudem kombiniert das Leitsystem automatisch einzelne Transporte (Doppelspiele), um Leerfahrten zu minimieren. So können bei Leerfahrten zu Parkstationen Fahrzeuge unterwegs umdisponiert werden und sie können dadurch Container „mitnehmen“, ohne dass ein anderes Fahrzeug disponiert werden muss.

Logos-Hospital übernimmt nicht nur die Auftragsvergabe an die FTF und die Verkehrsregelung auf der rund 1700 m langen Strecke über W-Lan, sondern gibt den speicherprogrammierbaren Steuerungen der Fördertechnik und der acht Aufzüge die notwendigen Anweisungen und verarbeitet die Ident-Informationen aller beteiligten Komponenten und Gewerke — einschließlich die der RFID-Tags an den insgesamt 800 Containern.

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