Kommissioniersysteme Die Daten für den Kommissionierer kommen per Brille

Autor / Redakteur: Paul Reiners / Dipl.-Betriebswirt (FH) Bernd Maienschein

In der Logistik ist die Planung manueller Kommissioniersysteme eine Herausforderung. Im Fokus von Forschungsprojekten stehen deshalb Verfahren, die Planungsprozesse beschleunigen und im Ergebnis sicherer machen.

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Im Lager des technischen Großhändlers Ludwig Meister werden pro Tag über 1000 Positionen kommissioniert. Die Pick-by-Vision-Kommissionierung verfügt dabei im Vergleich zu intuitiven Papierlisten über einen Zeitvorteil. Bild: MTM
Im Lager des technischen Großhändlers Ludwig Meister werden pro Tag über 1000 Positionen kommissioniert. Die Pick-by-Vision-Kommissionierung verfügt dabei im Vergleich zu intuitiven Papierlisten über einen Zeitvorteil. Bild: MTM
( Archiv: Vogel Business Media )

Bei Ludwig Meister ist die Logistik das Herzstück des Unternehmens. Das Lager des technischen Großhändlers am Standort der Firmenzentrale in Dachau umfasst derzeit etwa 10 000 laufende Meter Hoch- und Handregalfläche. Mehr als 50 000 Artikel, vorrangig für den Maschinenbau, sind hier gelagert und sofort lieferbar.

Technischer Goßhändler mit illustren Kunden

Die Kunden – darunter namhafte Hersteller wie Audi, UPM oder Osram – profitieren nicht nur von der Lieferfähigkeit, dem Notfallservice oder den zusätzlichen Ingenieurleistungen von Ludwig Meister, sie senken mit dem Outsourcen von Logistikprozessen gleichzeitig ihre eigenen Materialbeschaffungs- und Lagerkosten.

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Aufgrund der Breite des Sortiments und der vielen Nebentätigkeiten wie Umverpacken oder Umetikettieren liegen Verbesserungspotenziale vor allem in der manuellen Kommissionierung. Hier setzt die Kooperation des Logistik-Unternehmens mit dem Lehrstuhl Fördertechnik Materialfluss Logistik (FML) an der TU München an.

Unternehmen und Hochschulinstitut profitieren von der Zusammenarbeit

Laut Max Meister, Junior-Chef der Ludwig Meister GmbH & Co. KG und Projektmanager Logistik, steckt die Idee dahinter, dass sein Unternehmen auf der einen Seite von neuen Ideen und neuen Konzepten profitiert und der Lehrstuhl auf der anderen Seite unbürokratisch neue Konzepte und Ansätze ausprobieren kann. Im Rahmen ihrer Forschungsprojekte nutzen die Wissenschaftler den realen Lagerbestand und die realen Auftragsdaten bei Ludwig Meister; die Zeitbausteine zur Analyse und Bewertung der Prozesse kommen von MTM.

Prof. Dr.-Ing. Willibald A. Günthner, Ordinarius des Lehrstuhls FML, sieht die größte Herausforderung für die Unternehmen darin, die Schwankungen bei der Nachfrage, die schlechte Prognostizierbarkeit, die hohe Dynamik der Märkte — also die „Volatilität der Realität“ – beherrschen zu lernen.

Materialflusstechnik und Logistik seien hier Schlüsselbereiche, stellte er eingangs des jüngsten Logistik-Seminars an der TU München fest. Entsprechend konzentrieren sich Forschungsarbeit und Erkenntnistransfer am Lehrstuhl FML auf die Optimierung von Materialflussprozessen durch innovative Ident-Technologien, die Entwicklung neuartiger digitaler Werkzeuge für die Planung von Lager- und Kommissioniersystemen und auf die Rolle des Menschen in der Logistik.

Manuell kommissioniereng per Augmented-Reality-Technologie

Eine der Neuentwicklungen des Lehrstuhls, die bei Ludwig Meister getestet werden, ist Pick-by-Vision, ein Konzept zur Optimierung der manuellen Kommissionierung per Augmented-Reality-Technologie. Der Mitarbeiter trägt eine spezielle Brille, die ihm alle für die Kommissionierung wichtigen Daten als Textinformation einblendet (ungetrackte Version) oder zusätzlich über ein Tracking-System (Darstellung der Blickrichtung und der Position im Raum) den Weg durch das Lager weist und den gesuchten Ablageplatz visuell hervorhebt.

Bei Ludwig Meister befindet sich zunächst die ungetrackte Version, die nur die Textdaten in das Blickfeld des Kommissionierers projiziert, im Praxistest. Durch einen Klick auf die tragbare Recheneinheit am Gürtel quittiert der Mitarbeiter die Erfüllung des Prozessschrittes beziehungsweise meldet den neuen Lagerbestand an das Lagerverwaltungssystem.

Kommissionier-Informationen werden optimal visualisiert

Junior-Chef Max Meister ist von der neuen Technologie sehr angetan. In seinem Unternehmen werden jeden Tag über 1000 Positionen kommissioniert. Man hatte bisher kein geeignetes System gefunden, das die Kommissionierer bei den wirklich wichtigen Tätigkeiten unterstützt. Dass die Mitarbeiter alle notwendigen Informationen sehr gut sehen können und immer beide Hände zur Verfügung haben, sind für ihn die großen Vorteile des Systems.

Zeitvorteil von Pick-by-Vision im Vergleich zur Papierliste

Mittels MTM-Analyse erfolgte am Lehrstuhl zunächst eine theoretische Betrachtung des Pick-by-Vision-Systems im Vergleich zu einer intuitiven Papierliste. In den Versuchsreihen konnte dann der Zeitvorteil von Pick-by-Vision und damit die Steigerung der Kommissionierleistung nachgewiesen werden. Potenzial bieten vor allem die Entnahme und – bei paralleler Kommissionierung mehrerer Artikel – die Ablage der Artikel, der Weg durchs Lager und die Fehlerquote. Die Entwicklung von Konzepten zur Vermeidung von Kommissionierfehlern und Untersuchungen zum Dauereinsatz von Pick-by-Vision – in den bisherigen Tests war das System nicht länger als vier Stunden im Einsatz – sind Inhalt eines Folgeprojekts 2010.

Einsatz von MTM steigert Kommissionierleistung

Die Forschungsarbeit im Logistikbereich wird auch in Zukunft geprägt sein von einer engen Kooperation zwischen Wissenschaft und Wirtschaft – und von dem Einsatz innovativer Verfahren und Methoden. MTM als im Montage- und Fertigungsbereich bereits weltweit verbreitete Prozesssprache kann auch alle in der Logistik vorkommenden Tätigkeiten und Prozesse abbilden.

Auf dieser Grundlage ist die sichere und schnelle Simulation von Arbeitsabläufen möglich, sind alle Logistikprozesse, die entsprechenden Durchlaufzeiten, die Auslastung von Förder- und Lagertechnik sowie der Personalbedarf im Voraus plan- und berechenbar. Der Einsatz von MTM nimmt also unmittelbar Einfluss auf die Logistikleistung und auf die Kosten, die verursacht werden.

Dipl.-Ing. Paul Reiners ist Bereichsleiter Logistik bei der Deutschen MTM-Vereinigung e.V. in 22609 Hamburg.

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