Kriminalität im Unternehmen Die Gauner sind unter uns

Autor / Redakteur: Stephan Brannys / Claudia Otto

Wenig Aufwand und geringes Risiko für großes Geld – so sieht in vielen Fällen die Rechnung von Wirtschaftskriminellen aus. Besonders in Zeiten befristeter Arbeitsverträge und hoher Fluktuation sollten Arbeitgeber ihren Mitarbeitern daher nicht uneingeschränkt vertrauen.

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Teure Technik zur Abwehr ist gar nicht notwendig. Mit mehr Zwischenkontrollen und einer stärkeren Aufsicht durch Vorgesetzte wäre vielen Unternehmen schon geholfen. (Bild: Klaus Eppele - Fotolia.com)
Teure Technik zur Abwehr ist gar nicht notwendig. Mit mehr Zwischenkontrollen und einer stärkeren Aufsicht durch Vorgesetzte wäre vielen Unternehmen schon geholfen. (Bild: Klaus Eppele - Fotolia.com)

Wirtschaftskriminalität kann jeder. Gleichzeitig hält das Unternehmen die Belegschaft für vertrauensvoll, ein fataler Irrtum. Denn Gelegenheiten machen Diebe. Unternehmen machen es Wirtschaftsstraftätern oft viel zu leicht, da es viele Schwachstellen im Unternehmen gibt.

Durch das geschickte Ausnutzen dieser Schwachstellen fallen selbst hohe Schäden zunächst nicht auf. Erst die Jahresinventur oder ein Zufall bringen Differenzen zutage. Doch selbst dann gehen viele Unternehmen nicht sofort von Wirtschaftskriminalität aus.

Privathandys am Arbeitsplatz werden zum Sicherheitsrisiko

Die Denk-, Verhaltens- und Vorgehensweise krimineller Mitarbeiter ist den meisten Unternehmen nicht bekannt – ein Vorteil für den Täter. Das Benutzen von privaten Handys und I-Pads am Arbeitsplatz wird von vielen Unternehmen zunächst freudig befürwortet, man spart ja an der eigenen Anschaffung und die Mitarbeiter sind motivierter.

Mitarbeiter animiert dies aber zu kriminellen Handlungen, denn sie haben es nun noch leichter, können Firmendaten abgreifen, vieles vorab zu Geld machen und dann direkt auf Bestellung entwenden. Auch kann ein krimineller Mitarbeiter direkt mit seinem Kollegen außerhalb des Unternehmens die Bedarfs- und Absatzfrage regeln, wenn er sein Handy am Arbeitsplatz nutzen darf.

Die Realität zeigt, dass das Vertrauen nicht auf die Goldwaage gelegt werden darf. Die Kombination aus Gelegenheit, Risiko und Gewinn ist entscheidend, wann also ein Mitarbeiter eine Straftat im Unternehmen für sich befürwortet und für sich als Vorteil betrachtet. Oft müssen Motive gar nicht vorhanden sein. Es wird gemacht, weil es eben geht, und Geld ist immer ein Grund zur Tat. Das Bundeskriminalamt gab bereits 2008 bekannt, dass Innentäter eine unterschätzte Gefahr für Unternehmen sind.

Arbeitsplätze sind aus Tätersicht ideale Tatorte

Übersehen wird oft, dass Kriminalität in Unternehmen weitaus wahrscheinlicher ist als im gesamtgesellschaftlichen Umfeld. Arbeitsplätze sind aus Tätersicht Tatorte, wie sie idealer kaum strukturiert sein könnten. Kein Mitarbeiter muss Objekte auskundschaften, zu denen er per Betriebsausweis freien Eintritt hat.

Niemand muss Prozesse aufwendig rekonstruieren, an denen er selbst beteiligt ist oder über deren Details er leicht Informationen erlangen kann. Gleichzeitig gibt es keine anderen Personen, die so viel über Kontrollmechanismen und deren Schwachpunkte wissen wie die sogenannten Innentäter. Der Feind im eigenen Haus kann den Tatort in aller Ruhe ausbaldowern, ohne dass er Argwohn erregt. Viele Unternehmer und Manager vollziehen nicht nach, wie kriminelle Karrieren beginnen können. Kaum jemand wird über Nacht zum Dieb oder Betrüger, sondern er entwickelt sich nach und nach zum Täter.

Wie immer gilt: Gelegenheit macht Diebe

Doch es gibt auch Täter aus Anpassung. Das sind praktisch kriminelle Mitläufer, die beim bösen Spiel mitmachen, weil es bei den anderen so gut läuft. Und weil es dumm scheint, die Gelegenheit nicht zu nutzen. Als Faustregel kann der oft zu hörende Satz gelten, dass je 25% der Mitarbeiter ehrlich oder unehrlich sind und bei den verbleibenden 50% generell offen ist, welchem der beiden Flügel sie sich anschließen.

Allein Jahresberichte der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG zeigen, warum kriminelle Mitarbeiter viel Erfolg haben und hohen Schaden anrichten können. Diebstahl steht daher ganz oben in der Statistik.

Viele Unternehmen scheuen die Prävention vor Straftaten aus Kostengründen

Auch wenn Unternehmen gerne behaupten, ihre Belegschaft sei vertrauenswürdig, ist die Realität nicht zu leugnen: Milliardenschäden, oft durch Mitarbeiter verursacht, sprechen eine deutliche Sprache. Doch wenn ein größerer Schaden erkannt wird, ist es bereits viel zu spät. Oft hatte der Täter über Monate Zeit, seinem Geschäft nachzugehen. Eine Prävention soll vorbeugen, daher sollte die Frage gestellt werden, wer der Gegner ist und wie dieser vorgehen kann.

In der Regel werden im Unternehmen bereits vorhandene Schwachstellen erkannt, die Idee zur Straftat wird durch Gelegenheit geboren und dann wird das ausgenutzt. Für einen erfolgreichen Diebstahl will der kriminelle Mitarbeiter vorab wissen, wie hoch sein Risiko ist. Dafür holt er überall Informationen ein, die er benötigt. Ob SAP, Intranet, das Befragen von Kollegen oder einfaches Beobachten: Unbemerkt kann der Täter sein Risiko kalkulieren und sich die beste Vorgehensweise ausdenken.

Teuere Sicherheitstechnik ist oft gar nicht notwendig

Mithilfe von Seminaren lassen sich die Denk-, Verhaltens- und Vorgehensweisen krimineller Mitarbeiter kennenlernen sowie typische Fehler und Schwachstellen von Unternehmen identifizieren. Leider scheuen viele Unternehmen Prävention schon aus Kostengründen. Auch befürchten sie, die Mitarbeiter könnten weniger Motivation am Arbeitsplatz zeigen, was sich letztlich negativ auf den Umsatz auswirkt.

Doch teure Technik ist zur Abwehr gar nicht nötig. Die Sicherheitslücken liegen eher darin, dass es häufig kaum Zwischenkontrollen gibt, Mitarbeiter oft längere Zeit ohne Aufsicht der Vorgesetzten sind und besonders in der Spätschicht in vielen Unternehmen gar kein Vorgesetzer mehr vor Ort ist.

In der Spätschicht tanzen die Mäuse auf den Tischen

Da tanzen die Mäuse auf den Tischen, Pausen werden verlängert, Musik läuft und es wird gemacht, was Spaß macht – Diebstähle inklusive. Kurz vor Feierabend wird dann der Turbo eingeschaltet und das Tagessoll erfüllt, wenn auch nur mit minderwertiger Qualität. Die mit an den Arbeitsplatz genommenen Privattaschen sind dann zum Feierabend oft schwerer, als am Morgen.

Hier zeigt es sich dann deutlich, dass das Unternehmen erneut zum Opfer wird. Oft bekommen die Täter Milderungsgründe, wenn es ihnen zu leicht gemacht wurde. Das Unternehmen bekommt so Mitschuld (Beihilfe). Im Zivilprozeß hat dann das Unternehmen das Problem, nachzuweisen, wer wann etwas Strafbares gemacht hat und welcher Schaden entstanden ist. Wenn man erst bei einer Jahresinventur Schäden feststellt oder per Zufall, wie will man dann an die dafür erforderlichen Beweise kommen?

Eine Schadenersatzforderung wird daher von den Gerichten in solch einer Situation schnell abgewiesen. Ein Inhouse-Seminar mit solchen Themen ist zu empfehlen, um sich einen Blick über die heutige Wirtschaftskriminalität zu verschaffen.

* Stephan Brannys ist ehemaliger Wirtschaftsstraftäter und hält heute Seminare zur Prävention von Wirtschaftskriminalität ab.

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