Expertenbeitrag

 Sebastian Hofmann

Sebastian Hofmann

Journalist, Vogel Communications Group

125 Jahre MM Maschinenmarkt Die Geschichte der Logistik: Über eine Branche, die man lieben muss

Autor Sebastian Hofmann

Gäbe es die Logistik plötzlich nicht mehr, wären wir schlagartig zurückversetzt in die frühe Antike. Den meisten Menschen ist aber gar nicht bewusst, wie sehr unser Wohlstand von einer funktionierenden Materialwirtschaft abhängt. Höchste Zeit also, einmal einen genaueren Blick auf unsere gemeinsame Geschichte zu werfen!

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Die Logistik ist heute ein Milliardengeschäft und die Grundlage für unseren Wohlstand. Mit ihr verbindet unsere Zivilisation eine jahrtausendelange Geschichte.
Die Logistik ist heute ein Milliardengeschäft und die Grundlage für unseren Wohlstand. Mit ihr verbindet unsere Zivilisation eine jahrtausendelange Geschichte.
(Bild: ©MAGNIFIER - stock.adobe.com)

Dank der modernen Logistik ist unsere Welt schneller, kurzwegiger und vor allem komfortabler geworden. Annehmlichkeiten wie Onlineshops oder Same-Day-Delivery sind für uns genauso zur Verständlichkeit geworden wie täglich frisch aufgefüllte Supermarktregale mit allerlei exotischen Köstlichkeiten. Von den hochkomplexen Beschaffungsprozessen im Hintergrund und der unermüdlich arbeitenden Armada aus Hunderttausenden Logistikerinnen und Logistikern bekommen wir so gut wie nichts mit. Dabei prägt kaum ein Industriezweig unsere Gesellschaft so nachdrücklich wie die Logistik. Mit ihr verbindet unsere Zivilisation eine jahrtausendelange gemeinsame Geschichte, die gespickt ist mit bahnbrechenden Erfindungen, erbitterten Kriegen und florierenden Bündnissen.

Am Anfang war der Steinblock: die Geburtsstunde der Logistik

Das Ergebnis der wohl ersten logistischen Spitzenleistung der Menschheitshistorie kann man auch heute noch besichtigen. Es steht nur wenige Meter außerhalb der ägyptischen Millionenstadt Gizeh am Rande des Niltals: die Cheopspyramide. Vor über 4500 Jahren errichteten den Grabbau Tausende Arbeiterinnen und Arbeiter im Schweiße ihres Angesichts und schufen damit eines der bedeutendsten Bauwerke der Geschichte.

Mit einer bis ins letzte Detail ausgeklügelten Logistikstrategie gelang es ihnen, innerhalb von 20 Jahren knapp 2,5 Mio. m3 Kalkstein über 140 m hoch zu einem der sieben Weltwunder der Antike aufzutürmen. Bis heute haben es Wissenschaftler noch nicht geschafft, zweifelsfrei zu klären, wie den Ägyptern dieses logistische Meisterwerk völlig ohne moderne Hilfsmittel gelingen konnte. Fest steht nur: Dieses Megaprojekt war der Startschuss für den Siegeszug des wohl wichtigsten Wirtschaftszweigs unserer Geschichte.

Über 140 m hoch und aufgebaut aus Tausenden bis zu 50 t schweren Kalksteinen: Die Cheopspyramide gilt als erste logistische Meisterleistung der Geschichte.
Über 140 m hoch und aufgebaut aus Tausenden bis zu 50 t schweren Kalksteinen: Die Cheopspyramide gilt als erste logistische Meisterleistung der Geschichte.
(Bild: ©WitR - stock.adobe.com)

In den folgenden Jahrhunderten und Jahrtausenden war die Logistik vor allem eng mit dem Militär verbunden. Für Herrscher auf der ganzen Welt war es ausschlaggebend, ihre Heere mit Lebensmitteln, Kämpfern und Waffen zu versorgen. Die richtige Logistikstrategie entschied über Leben und Tod und Sieg oder Niederlage. Ab und an kamen kriegslogistische Entwicklungen aber auch der Bevölkerung zugute. So zum Beispiel im Jahr 300 v. Chr.: Nach dem plötzlichen Tod Alexander des Großen wollten die Athener die politische Instabilität in der griechischen Welt nutzen und das gesamte Territorium ein für allemal an sich reißen. Ihre Geheimwaffe: eine neue Generation von Kriegsschiffen, die besonders wendig, stabil und leicht waren. Letztendlich verhalfen sie den Athenern zwar nicht zum Sieg, den maritimen Handel in der Region brachten die dynamischen Schiffsmodelle in den folgenden Jahren allerdings schlagartig zum Florieren.

Prosperierender Handel sorgt für mittelalterlichen Prunk

Deutsche Hafenmetropolen wie Hamburg verdanken ihre heutige Bedeutsamkeit zum großen Teil den Bemühungen der Hansekaufleute ab dem 12. Jahrhundert.
Deutsche Hafenmetropolen wie Hamburg verdanken ihre heutige Bedeutsamkeit zum großen Teil den Bemühungen der Hansekaufleute ab dem 12. Jahrhundert.
(Bild: post@jan-schuler.de)

Ihre erste üppige Blütezeit erlebte die Logistik aber erst im Mittelalter. Zunehmend wuchsen damals Königreiche enger zusammen und der Adel hatte so viel Geld, dass er imposante Paläste, Kathedralen und Moscheen in Auftrag geben konnte. Für die Prachtbauten scheute man keine Investitionen und ließ sündhaft teure und seltene Baustoffe von überall herschaffen. Innerhalb kürzester Zeit wuchs das Handelswesen explosionsartig und verhalf unzähligen findigen Geschäftsleuten zu einem mehr als bescheidenen Einkommen. In den deutschen Hansestädten rollte der Gulden sogar so gut, dass sich zur Mitte des 12. Jahrhunderts eine eigene kleine vermögende Bevölkerungsschicht herausbildete: die Hanseaten. Getrieben von der Aussicht auf klingelnde Kassen riefen sie umfangreiche Handelsnetze ins Leben und schlossen gewinnbringende Bündnisse. Ihrem Zutun ist es zu verdanken, dass Deutschland auch heute noch über boomende Hafenmetropolen wie Hamburg und Bremen verfügt.

Technologische Quantensprünge der Moderne

Gleichzeitig mehrere Paukenschläge rüttelten die Logistik dann vom 19. bis zum 20 Jahrhundert noch einmal gehörig auf: Mit der Erfindung der Dampflokomotive, dem Lastkraftwagen und dem Flugzeug waren innerhalb kürzester Zeit drei neue Modalitäten entstanden, mit deren Hilfe Händler Waren deutlich schneller und zuverlässiger ans Ziel bringen konnten als zuvor. Durch die Erfindung des Seecontainers 1965 florierte auch die logistische Schifffahrt immer weiter. Beflügelt von diesen technischen Innovation wurden die Lieferketten weltweit immer kürzer und internationaler – eine Entwicklung war in Gang gesetzt, der auf lange Sicht auch die Zäsur durch zwei Weltkriege nichts anhaben konnte.

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Dieser Flug ist der Beginn der kommerziellen Motorflugs wie wir ihn heute kennen.
Dieser Flug ist der Beginn der kommerziellen Motorflugs wie wir ihn heute kennen.
(Bild: gemeinfrei / CC0 )

Als sich der Wirtschaftssektor in der Nachkriegszeit wieder weitgehend erholt hatte, ging es für Logistikerinnen und Logistiker vor allem um die Bewältigung von zwei Problemen: Einerseits stand die Verkürzung von Lieferzeiten im Mittelpunkt ihrer Arbeit. Andererseits brachte der Trend weg vom Verkäufermarkt hin zum Käufermarkt weitere Herausforderungen auf die Tagesordnung. Abnehmer verlangten nach immer individualisierteren Waren und Konsumgütern – egal ob Kleidung oder Wohnungsmöbel. Ganz besonders deutlich zeigte sich das auch an der Automobilindustrie: Während die klassische Serienfertigung immer mehr in den Hintergrund trat, ging es nun vor allem um die spezifische Auftragsfertigung. Wer einen Eigenwagen haben wollte, kaufte nicht mehr von der Stange, sondern entschied sich gemeinsam mit seinem Autohändler für seinen Traumwagen. Die ersten Fundamente digitaler Pkw-Konfiguratoren wie wir sie heute kennen waren geboren – auch wenn es damals natürlich deutlich weniger Individualisierungsoptionen gab.

Logistik auf der Schwelle zum 21. Jahrhundert

In den 80er- und 90-Jahren stand für die Logistik durch den steigenden internationalen Konkurrenzdruck alles im Zeichen der Kostensenkung. Rationalisierungskonzepte wie Lean Production feierten jetzt ihren Erfolgszug. Neuartige Enterprise-Resource-Planning-Systeme gaben Unternehmen in dieser Zeit erstmals die Möglichkeit, ihre Bestände mit wenigen Mausklicks zu erfassen und zu kontrollieren. Getrieben durch die Globalisierung wurde auch die zunehmend ganzheitliche Betrachtung der Wertschöpfungskette immer wichtiger. Wer in der Industrie Erfolg haben wollte, musste wissen, woher und auf welchem Weg seine Waren kommen, um im Notfall rechtzeitig entgegensteuern zu können – etwa bei Lieferausfällen. An dieser Tatsache hat sich bis 2019 nichts geändert.

Ein historisches Zeugnis: Dieses Bild zeigt den ersten Vorläufer des modernen Gabelstaplers, den „Tructractor“ von Bradley Clark.
Ein historisches Zeugnis: Dieses Bild zeigt den ersten Vorläufer des modernen Gabelstaplers, den „Tructractor“ von Bradley Clark.
(Bild: CLARK Europe GmbH)

Heute ist die Logistik auch als interdisziplinäre Wissenschaft zwischen BWL, VWL, Informatik und weiteren anerkannt – kein Wunder bei einem Jahresumsatz von über 260 Mrd. Euro alleine in Deutschland. Das Supply-Chain-Management hat sich als eigenes Berufsfeld herausgebildet und beschäftigt sich mit der intelligenten Planung und Steuerung von Wertschöpfungsketten. Die Warenwirtschaft wird nicht mehr nur als Hilfsdisziplin gesehen, sondern als ein Kernprozess, der ausschlaggebend ist für den Erfolg von Unternehmen: Wer es zum Logistikanführer geschafft hat, ist in vielen Fällen auch Marktführer. Konzerne wie die Deutsche Post DHL, Deutschlands größtes Logistikunternehmen, fahren mit Ihren Geschäftsmodellen jährliche Umsätze von mehreren Milliarden ein.

Wer sich langfristig im Wirtschaftssektor behaupten will, muss sich vor allem mit den neuen digitalen Technologien auseinandersetzen. Fahrerlose Transportfahrzeuge, smarte Kommissioniersysteme und Co. lassen wahr werden, wovon vor wenigen Jahren noch keiner zu träumen wagte.

Die digitale Revolution wird zur obersten Maxime

Durch diese Technologien vorangetrieben überschlägt sich die Logistik geradezu und bringt eine bahnbrechende Innovation nach der anderen zustande – egal ob in Form von autonom agierenden Regalbediengeräten oder intelligenten Lagerrobotern. Letztendlich sind diese Fortschritte auch die Grundlage dafür, dass der Onlinehandel in Deutschland so prosperiert und jährlich ein Umsatzwachstum von knapp 10 % verzeichnen kann. Das Supply-Chain-Management gewinnt derweil massiv an Flexibilität dazu und Lieferketten werden effektiver und transparenter. Logistikentscheider haben ihre Zulieferer besser im Blick und schaffen so die Grundlage für die Produktion umfangreicherer und kleinteiligerer Produktsortimente. Die Kunden freuen sich über ein breites Angebot und Annehmlichkeiten wie die Paketzustellung schon am nächsten Morgen oder sogar noch am selben Tag.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass sich viele Betriebe mit der Umsetzung von „Logistik 4.0“ schwer tun. Mehrere Untersuchungen belegen, dass die Digitalisierung logistischer Prozesse in weiten Teilen der Industrie eher schleppend vorangeht. Während große Unternehmen und Konzerne bereits gut aufgestellt sind, gibt es vor allem im Mittelstand noch Nachholbedarf. Immerhin hat mehr als die Hälfte der Logistikentscheider die digitale Transformation in ihrer Geschäftsstrategie verankert.

Das Internet of Things gilt heute als eine der wichtigsten Zukunftstechnologien für die Logistik – neben Big Data und Clouds.
Das Internet of Things gilt heute als eine der wichtigsten Zukunftstechnologien für die Logistik – neben Big Data und Clouds.
(Bild: ©kwanchaift - stock.adobe.com)

Blick in die Glaskugel: die Logistik der Zukunft

Für die Materialwirtschaft der nächsten Jahre wird es weiterhin vor allem um Nachhaltigkeit, neue Technologien und eine noch stärkere Kundenorientierung gehen. Dafür braucht es im Industriezweig nach wie vor intensive Anstrengungen im Bereich Forschung und Entwicklung. Schon heute legen Logistikerinnen und Logistiker wichtige Grundsteine für komplett durchdigitalisierte Supply-Chains, die autonome Lieferung durch selbstfahrende Lkw und Drohnen und die Smart Factory. Auf lange Sicht könnten durch Künstliche Intelligenz unterstützte Systeme außerdem sogar Bedarfe erkennen, bevor sie entstehen und so dafür sorgen, dass Waren innerhalb kürzester Zeit beim Abnehmer ankommen. Ganz sicher ist jedenfalls, dass die Logistik auch in den kommenden Jahrzehnten untrennbar mit den wichtigsten Meilensteinen der Menschheit verbunden sein und enorme Verbesserungen für unseren Alltag und unsere Wirtschaft hervorbringen wird. Unsere gemeinsame Erfolgsgeschichte ist noch lange nicht zu Ende.

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