Pharma-Logistik Digitalplattform beschleunigt die Impfprozesse

Autor / Redakteur: Nikolaus Hagl / Dipl.-Betriebswirt (FH) Bernd Maienschein

Von Pharmaherstellern über Logistiker und öffentliche Verwaltung bis zu Impfzentren oder Hausärzten: Bis der Covid-19-Impfstoff beim Patienten ankommt, hat er meist einen langen Weg hinter sich. Digitale Plattformen wie der SAP Vaccine Collaboration Hub helfen den Beteiligten, alle Lieferprozesse zu überblicken und auf unerwartete Ereignisse schnell reagieren zu können.

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Wenn sich Liefermengen oder Liefertermine ändern, lassen sich mit dem Vaccine Collaboration Hub Impftermine, die bereits vergeben sind, automatisiert aktualisieren und die Planungen dafür anpassen.
Wenn sich Liefermengen oder Liefertermine ändern, lassen sich mit dem Vaccine Collaboration Hub Impftermine, die bereits vergeben sind, automatisiert aktualisieren und die Planungen dafür anpassen.
(Bild: © luchschenF - stock.adobe.com)

Eine Million Impfstoffdosen passen in 100 durchschnittlich große Kartons. Verteilt auf mehrere Paletten reicht meist ein einziger Lkw für den Transport. Die Menge der Impfstoffe stellt für eine reibungslose Impfstofflogistikkette also keine große Herausforderung dar. Deutlich komplexer hingegen gestalten sich die Verteilstrukturen, die Impfstoffhersteller, Regierungen, Behörden und medizinische Einrichtungen aufbauen und koordinieren müssen.

Was macht das Steuern der Impfstofflogistik so schwierig? Zum einen sind unterschiedlichste Parteien auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene involviert. Zum anderen wurde hierzulande mit den Impfzentren und mobilen Impfteams in kurzer Zeit eine komplett neue Infrastruktur aufgebaut. Und auch die Pharmaindustrie ist gefordert: Noch nie mussten die Hersteller so viel Impfstoff in so kurzer Zeit produzieren und versenden. Die Größenordnungen sind gewaltig: Erhält die Bundesregierung alle bisher bestellten Vakzine, kommen in Deutschland etwa 300 Millionen Impfdosen an. Die Europäische Union hatte sich bis Ende April 2021 sogar rund 2,6 Milliarden Dosen Coronaimpfstoff gesichert.

Ob in der Bundesrepublik oder auf europäischer Ebene – alle Vakzine müssen sicher und pünktlich an ihren Bestimmungsort gelangen. Für die Beteiligten gilt es, die Abläufe entlang der Impflogistikkette minutiös zu planen und flexibel genug zu sein, um sie bei besonderen Vorkommnissen kurzfristig anpassen zu können.

Hat ein Pharmahersteller mehrere Millionen Vakzine produziert, erhalten die Abnehmer – in der Regel staatliche Institutionen – einen festen Liefertermin. Die Behörden müssen die meist per Luftfracht verschickten Impfstoffe mit ausreichend Personal und entsprechender Kühllogistik empfangen und verteilen. In Deutschland organisieren die Bundesländer weitere Schritte.

Impfstoffe zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Sie informieren Impfstofflager oder Pharmagroßhändler über Liefertermine und die zu erwartenden Mengen. So ist sichergestellt, dass auch dort Fachpersonal vor Ort ist, um die Impfstoffe entgegenzunehmen und sicher aufzubewahren. Zudem werden Impfzentren, Impfteams und Arztpraxen informiert, die ebenfalls ausreichend medizinisches Fachpersonal einplanen müssen. Parallel dazu läuft das Terminmanagement, damit Patienten und Impfstoffe gleichzeitig am geplanten Ort sind.

Um Risiken zu vermeiden, darf die Logistikkette an keiner Stelle stillstehen. Schlimmer als geplatzte Impftermine wäre es, wenn die Vakzine aufgrund von Verzögerungen nicht mehr haltbar sind. Oder die Kühlkette – wenn auch nur kurzzeitig – unterbrochen wird und die Impfstoffe nicht mehr wirken. Apropos Kühlung: Wie bei vielen anderen Medikamenten erfolgen auch der Transport und die Lagerung von Impfstoffen nach streng definierten Temperaturintervallen. Für einige Vakzine reichen gewöhnliche Gefriertruhen oder Kühlschränke aus. Andere hingegen verlangen Trockeneisbehälter, die Temperaturen von bis zu minus 70 Grad ermöglichen. Ein Umstand, der in der Lieferkette zu berücksichtigen ist.

Um alle Herausforderungen entlang der Impfstofflogistikkette zu meistern und die Vakzine von der Herstellung bis zum Patienten zügig und sicher zu transportieren, eignen sich digitale Plattformen. Hierüber können sich alle Beteiligten schnell und unkompliziert vernetzen, informieren und austauschen. Wichtige Voraussetzung: Impfstoffhersteller, Logistiker, öffentliche Verwaltung und medizinische Einrichtungen teilen ihre Daten über das Netzwerk. Erst dadurch entsteht die nötige Transparenz, um Einblick in alle Abläufe zu erhalten und Impfstoffe sicher und effizient verteilen zu können.

Auf Basis des Vaccine Collaboration Hub (VCH) von SAP lassen sich alle Schritte der Impfstofflogistik koordinieren. In Deutschland nutzt beispielsweise das Bundesland Sachsen die Plattform, um Vakzine digital zu beschaffen, auszuliefern und ihre Bestände zu verwalten. Sachsen führte die Lösung innerhalb von vier Wochen ein, auf Basis von SAP S/4HANA und einer Komponente für das Inventory Management. Die offene Plattform, vordefinierte Templates und eine flexible As-a-Service-Bereitstellung machten die schnelle Umsetzung möglich.

Verändern sich Liefertermine und -mengen, lassen sich mit dem Vaccine Collaboration Hub bereits vergebene Impftermine automatisiert aktualisieren und alle Planungen dafür anpassen. Liefert ein Hersteller in einer Woche mehr Impfstoff als avisiert, können Behörden über den Hub auch den zu impfenden Personenkreis neu priorisieren und erweitern.

Für die nötige Transparenz beim Impfmanagement sorgen cloudbasierte Anwendungen wie SAP Logistics Business Network, SAP S/4HANA oder SAP Analytics Cloud. Die Lösungen sind in der offenen Kollaborationsplattform integriert, die beteiligten Parteien arbeiten darüber effizient zusammen. Sie erhalten umfassende Einblicke in Verfügbarkeit, Liefermengen und Fortschritte der Impfstoffverteilung und Impfprogramme.

Serialisierung bietet Kriminellen keine Chance für Fälschungen

Um sicherzustellen, dass Impfstoffe nicht gefälscht sind, verifizieren Ärzte oder medizinisches Personal die gelieferten Vakzine. Die seit Februar 2019 geltende Richtlinie Falsified Medicines Directive (FMD) der Europäischen Union sieht dieses Verfahren für alle Medikamente vor.

Pharmahersteller nutzen mit der Serialisierung einen Prozess, mit dem sich Arzneimittelverpackungen eindeutig identifizieren lassen. Der US-amerikanische Pharmaspezialist Moderna arbeitet mit der Branchenlösung SAP Advanced Track and Trace for Pharmaceuticals, um internationale Vorgaben für die packungsgenaue Kennzeichnung von Impfstoffen und anderen verschreibungspflichtigen Medikamenten einzuhalten. Mit einem internen Serialisierungsverzeichnis verfolgt der Hersteller alle Impfdosen bis in die Produktion zurück. So können die Abnehmer prüfen, ob der Impfstoff aus legalen Quellen stammt, und Fälschungen unlauterer Anbieter rechtzeitig erkennen.

* Nikolaus Hagl ist Senior Vice President Sales Public & Energy und Mitglied der Geschäftsleitung bei der SAP Deutschland SE & Co. KG in 69190 Walldorf, Tel. +49 6227 7-47474, info.germany@sap.com

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