Porträt J. D. Neuhaus

Eine echte Familienangelegenheit

| Autor: Benedikt Hofmann

Die historische Windenschmiede auf dem Werksgelände ist noch heute funktionsfähig.
Die historische Windenschmiede auf dem Werksgelände ist noch heute funktionsfähig. (Bild: J.D Neuhaus)

Heute ist das Unternehmen J.D. Neuhaus vor allem für hydraulische und pneumatische Hebezeuge sowie Krananlagen bekannt. Doch die 272-jährige Geschichte des Unternehmens bietet noch sehr viel mehr, das es zu erzählen lohnt.

Die Association les Hénokiens ist ein ziemlich exklusiver Club, was vor allem an der Bedingung liegt, die er an mögliche Mitglieder stellt: Beitreten dürfen nur Unternehmen, die sich seit mindestens 200 Jahren in Familienbesitz befinden. Diese Vorgabe erfüllen gerade einmal 38 Mitgliedsunternehmen in Europa und Japan. Eines davon ist J. D. Neuhaus, ein Hersteller von hydraulischen und pneumatischen Hebezeugen und Krananlagen, der 1745 gegründet wurde und sich seitdem in Familienbesitz befindet. Der erste in dieser Ahnenreihe war Johann Diederich Conrad Neuhaus, der sich als „Fabrickant“ im „Sprockhövelschen Fabrickenbuch“ eintrug. Ein „Fabrickant“ war in der damaligen Zeit ein Handwerksmeister mit eigenem Betrieb, der eine „Fabrick“ belieferte. In diesem Fall war das die „Sprockhövelsche Metallwaren Fabrick“, eine Art Genossenschaft selbstständiger Schmiedemeister, die deren Erzeugnisse im In- und Ausland an den Mann bringen sollte. „Begonnen hat das Unternehmen damals als Windenschmiede“, erklärt Wilfried Neuhaus-Galladé, geschäftsführender Gesellschafter des Unternehmens. „Hier wurden Holzschaftwinden hergestellt, die den Fuhrleuten der damaligen Zeit als Wagenheber dienten. Außerdem wurden die unterschiedlichsten Lasten mit diesen Winden gehoben. Alle metallischen Teile dieser Winden, wie zum Beispiel die Zahnstange und Zahnräder, wurden von Hand geschmiedet. Ebenso führte der Schmied die Holzbearbeitung für den Korpus der Winde durch.“

Damit gibt es nicht nur bei den Besitzern von J. D. Neuhaus eine ungewöhnliche Kontinuität, sondern auch bei dem Unternehmensgegenstand, denn das Heben schwerer Lasten steht immer noch im Mittelpunkt der Geschäftstätigkeit. Auch wenn sich die Ansprüche an die Produkte deutlich geändert haben. Die Qualitätskontrolle im 18. Jahrhundert hatte beispielsweise eher wenig mit dem zu tun, was man heute darunter versteht. Wollte ein Schmied überprüfen, ob die Verzahnung der Zahnstangen im „Toleranzbereich“ lagen, legte er einen Finger zwischen zwei Zähne und strich mit der anderen Hand darüber.

Auch schwere Zeiten überstanden

Wie so viele Erfolgsgeschichten kommt auch die von J. D. Neuhaus nicht ohne Rückschläge aus. Mit dem ersten Rückschlag musste schon der zweite Spross der Familie an der Spitze des Unternehmens, Heinrich Wilhelm Neuhaus, fertig werden. Durch den Frieden von Tilsit im Jahr 1807 wurde Westfalen zum Königreich von Napoleons Gnaden erhoben und die Zeit der „Sprockhövelschen Fabrick“ endete. Das hätte auch das Ende des neuhausschen Unternehmens bedeuten können, aber nicht mit Heinrich Wilhelm. Er ging dazu über, seine Produkte selbst zu vermarkten und überstand diese schweren Zeiten nicht nur, sondern übergab seinem Sohn Johann Diederich II. 1831 ein florierendes Geschäft. Auch er sollte vor gänzlich neue Herausforderungen gestellt werden: Die von Großbritannien ausgehende industrielle Revolution veränderte die wirtschaftlichen Bedingungen grundlegend, was sich natürlich auch auf die Produke von J. D. Neuhaus auswirkte.

Zwar blieb das Unternehmen den Winden treu, doch mussten diese immer höheren Anforderungen genügen. Die Tragfähigkeiten, die plötzlich bis zu 20 t erreichten, forderten sowohl dem Material als auch den vielen immer noch in Handarbeit hergestellten Teilen einiges ab. In dieser Zeit liegt auch die enge Verbundenheit des Unternehmens zum Bergbau, der ein immer wichtigerer Kunde wurde, begründet. In vielen Kohlegruben der Region kamen Winden aus der Schmiede zum Einsatz.

Der Weg in die Neuzeit

An dieser Stelle machen wir eine kleine Zeitreise und springen in das für ganz Deutschland äußerst bewegte 20. Jahrhundert. Nach dem Ersten Weltkrieg befand sich das Unternehmen, wie so viele, in einer tiefen Krise. In der Werkstatt wurden keine Winden mehr gefertigt, sondern nur Reparaturen durchgeführt. Denkbar schlechte Voraussetzungen also für Max Neuhaus, der 1919 mit gerade einmal 19 Jahren Prokura übertragen bekam. In der Folge baute er den bereits begonnenen Handel mit Winden und Hebezeugen aus und nahm auch die Produktion wieder auf. Einen wichtigen Meilenstein auf diesem Weg markierte das Jahr 1925, als der Betrieb vom Reichsbahn-Zentralamt in Berlin einen Auftrag über 300 Stück Gleishebewinden bekam. Mit dieser Bestellung war die Grundlage für weiteres Wachstum gegeben und als ein weiterer Auftrag über 300 Gleishebewinden gewonnen werden konnte, wurde die Belegschaft auf 25 Mitarbeiter erhöht. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren es dann wieder die Zechen, die zuerst nach Geräten von Neuhaus verlangten.

Max' Sohn J. Diederich Neuhaus war es dann, der den Weg in die erfolgreiche Zukunft des Unternehmens ebnete. Er trat 1952 in das Unternehmen ein und hatte die Idee, den bis dahin üblichen Handantrieb für JDN-Hebezeuge durch einen Druckluftmotor zu ersetzen. „Die Idee kam beim Arbeiten unter Tage. Hier waren pneumatische Bohrhämmer im Einsatz, also lag der Gedanke nahe, diese Technologie auch für Hebezeuge zu verwenden“, erklärt Neuhaus-Galladé. „Für unseren Hauptabnehmer, den Untertagebergbau, war das ein entscheidender Fortschritt, denn mit den neuen Druckluft-Hebezeugen konnte wesentlich effektiver, wirtschaftlicher und sicherer gearbeitet werden. Der Beginn unseres eigenen Wirtschaftswunders!“ Das markierte dem Geschäftsführer zufolge auch den Eintritt in den globalen Markt. Belieferte das Unternehmen bis dahin überwiegend regionale Kunden, so bezeichnet es sich heute als Weltmarktführer im Bereich pneumatischer Hebezeuge und Krananlage. Um das Jahr 1980 lag der Exportanteil der Produkte von J. D. Neuhaus bei circa 3 %, heute beläuft er sich auf über 80 %.

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