Unternehmenssoftware ERP strebt ins Internet

Autor / Redakteur: Stéphane Itasse / Stéphane Itasse

Auch aus Südafrika oder Saudi-Arabien waren Interessenten nach München gekommen: Microsoft hatte erstmals für Europa, den Nahen Osten und Afrika zu einer Anwenderkonferenz eingeladen. Insgesamt waren es rund 2500 Teilnehmer, die den Kongress besuchten, um unter anderem Microsoft-Gründer Bill Gates zu hören.

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Auf der „Convergence 2006 EMEA“ rückte der Softwareriese seine Unternehmensanwendungen in den Mittelpunkt. Nach einigen Übernahmen in den vergangenen Jahren hat Microsoft mehrere Produkte im Portfolio, die nun unter dem Oberbegriff „Dynamics“ vermarktet werden: Dynamics AX für größere Mittelständler oder die Tochtergesellschaften von Konzernen, Dynamics NAV für kleine und mittlere Unternehmen und Dynamics CRM für das Management von Kundenbeziehungen.

Ein ähnliches Erscheinungsbild der Dynamics-Oberfläche wie bei den Office-Produkten ist dabei durchaus gewollt. „Dynamics soll dem Mitarbeiter vertraut sein“, erläuterte Gates. Außerdem soll die Produktfamilie zu den Softwaresystemen der Unternehmen passen, ihre Produktivität erhöhen und der Chefetage treffsicherere Entscheidungen dadurch ermöglichen, dass detailliertere Informationen über das Unternehmen vorliegen.

Die zentrale Frage war für Gates: Wie gelingt es Firmen, eine Brücke zu schlagen zwischen der ERP-Software im Hintergrund und der Anwendung, die die Produktivität des Mitarbeiters individuell fördert? Aus der Verzahnung von betriebswirtschaftlicher Software mit Webservices ließen sich Anwendungen entwickeln, die einfacher zu bedienen seien und Geschäftsprozesse produktiver gestalten könnten. „Geschäftsanwendungen sollen Unternehmen helfen, wettbewerbsfähig zu sein“, erläuterte Bill Gates. „In der Praxis ist dies allerdings längst noch nicht immer der Fall.“

Microsoft hat nach Aussagen von Gates eine solche Software präsentieren können, weil das Unternehmen hohe Summen in die Markt- und Nutzerforschung investiert hat. Außerdem bildet Dynamics die Betriebsabläufe nicht als Prozesse ab, sondern strukturiert die Vorgänge nach den Rollen der Anwender im Unternehmen. Dies soll es den Nutzern leichter machen, ihre eigenen Aufgaben zu finden und zu erfüllen.

Für die Zukunft hat Gates aber noch deutlich mehr vor: ERP-, Office-Software und Webservices sollen miteinander verschmelzen. So sollen online-basierte Geschäftsprozesse Kunden künftig erlauben, bestimmte Abläufe via Web in einer gesicherten Umgebung zu bearbeiten – beispielsweise den Austausch von Dateien mit anderen Unternehmen.

Zu den ersten zählen Marketing-, Vertriebs- und Service-Funktionen innerhalb von Dynamics Live CRM. Diese werden in Kürze durch eine „Ad-Center-Connect“-Funktion erweitert, mit deren Hilfe sich Online-Marketingkampagnen aufsetzen lassen. So kann ein Kunde beispielsweise mit wenigen Klicks Keyword-Werbung auf MSN, Yahoo oder Google platzieren. Weiter geplant ist mit „Ebay Merchandising“ ein Service, der es Kunden von Dynamics AX erleichtert, Produkte bei Ebay einzustellen und die Transaktionsdaten der verkauften Objekte speichert.

Als Analyse-Tool soll Dynamics Live Analytics als Online-Service die Leistungsfähigkeit des eigenen Unternehmens mit der des direkten Wettbewerbs vergleichen und Aussagen darüber erlauben, inwieweit sich die eigenen Geschäftsprozesse verbessert haben. Über eine Online-Community schließlich will Microsoft künftig Trainings-Tools als Online-Foren, Seminare und Fallstudien anbieten. Diese Seminare werden nach den Vorstellungen von Gates direkt aus Dynamics heraus gestartet und orientieren sich an der Branche und Funktion, in der der Mitarbeiter tätig ist, sowie an dem Arbeitsort.

Bei der seit November auch in Deutschland ausgelieferten NAV-Version 4.0 hat es schon einige Verbesserungen gegeben. So ist die CRM-Software ab sofort in AX oder NAV integriert, berichtete Mogen Elsberg, General Manager von Microsoft Business Solutions. Weiter können Nutzer selbst Shortcuts definieren, um ihre Aufgaben im System schneller anzusteuern, sagte Microsoft-Manager Henrik Eriksen. Zudem lassen sich Finanzbuchungen mit wenigen Mausklicks rückgängig machen – und werden dennoch ordnungsgemäß verbucht.

Für die Versionen 5.0 und 5.1, die 2007 auf den Markt kommen sollen, sind weitere Features geplant, sagte Jan Sillemann, Leiter des technischen NAV-Produktmanagements: Ganz oben auf der Liste steht hier die Integration von Office und Outlook. Künftig sollen die Anwender nicht mehr zwischen den Programmen hin- und herschalten können. Weitere Beispiele sind die verbesserte Zuteilung von Aufgaben, eine bessere Handhabung von Dienstleistungs-Aufträgen.

In der praktischen Anwendung zeigen sich die Kunden durchaus zufrieden: „Das System läuft super“, berichtet beispielsweise Thilo Kretschmer, IT-Verantwortlicher der Berliner Pantrac GmbH. Die Schwachpunkte seien im Wesentlichen mit dem neuesten Update ausgemerzt. Auch die Ablösung der beiden alten Systeme SAP R/3 und IS sei vollkommen glatt verlaufen: „Wir haben die Entscheidung für Microsoft im November 2003 getroffen, im April 2004 waren wir bereits produktiv.“

Auch Bernhard Röber, Leiter der Materialwirtschaft beim Spezialmaschinenbauer Benz & Hilgers in Neuss, ist zufrieden. Mit NAV habe das Unternehmen eine Lösung für den Mittelstand, „die man auch selber handhaben kann“. Probleme würden unheimlich schnell gelöst, nach einer Woche sei alles erledigt. Ein Update habe die IWKA-Tochter noch nicht durchge-führt: „Mit der Lösung, die wir haben, sind wir zufrieden“, erläutert Röber.

Dietmar Ilg, IT-Verantwortlicher beim Druckmaschinenhersteller Tampoprint in Ditzingen, zeigt sich hingegen etwas kritischer: „Ein Schwachpunkt ist die Kostenermittlung bei etwas komplexeren Stücklisten. Da sind die Berechnungen sehr langwierig.“ Dies sei zwar in der Version 4.0 behoben worden, allerdings steht bei Tampoprint das Upgrade erst noch bevor. Gehakt habe es auch bei der Einführung der Branchenlösung, die auf der Standard-ERP-Software aufsetzt. Zum Zeitpunkt der Umstellung hatte der Partner Tectura sein Angebot noch nicht der neuesten Version von Microsoft angepasst, obwohl dies innerhalb von drei Monaten hätte geschehen sollen, berichtet Ilg. Dafür lobt er die Benutzerfreundlichkeit von NAV: „Bedienung und Handling waren wesentlich besser als bei den anderen Systemen, die zur Auswahl standen.“MM

Microsoft hat ein neues Lizenzmodell angekündigt: Kunden können künftig ihre ERP-Software mieten. Im Rahmen des „Microsoft-Service-Provider-License-Agreement“-Programms werden Service-Provider als Partner von Microsoft ihren Kunden diese Möglichkeit anbieten. Auf Basis eines monatlichen Mietpreises können die Anwender die ERP-Software Dynamics nutzen, obwohl die Software auf dem Server des Service-Providers läuft. Dies senkt nach Angaben von Microsoft-Gründer Bill Gates die Zeitdauer für die Einrichtung der Software deutlich, was besonders für Unternehmen interessant ist, die eine ERP-Anwendung unmittelbar nutzen wollen.

Die Idee stößt allerdings auch auf Kritik. IT-Berater Wolfgang Weber hält beispielsweise wenig davon: „Die ERP-Software muss für jedes Unternehmen maßgeschneidert werden, nach der Konfiguration ist aber kein NAV wie das andere.“

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