Kommissioniertechnik Flexibel und wirtschaftlich durch Mechanisierung

Autor / Redakteur: Ulrich Schlosser / Dipl.-Betriebswirt (FH) Bernd Maienschein

Der Schweizer Einzelhändler Migros betreibt seit 2011 eine der modernsten Logistikanlagen in Europa. Eine ausgeklügelte Prozesskette und 28 COM-Maschinen von Witron sorgen dafür, dass an einem Spitzentag bis zu 315.000 Handelseinheiten pünktlich, filialgerecht und in bester Qualität in die Verkaufsfilialen gelangen.

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Aus dem Migros-Verteilzentrum in Suhr werden über 600 Filialen in der Schweiz mit Ware beliefert. An einem Spitzentag kommissionieren 28 COM-Maschinen bis zu 315.000 Handelseinheiten, Behälter oder PET-Flaschen filialgerecht auf Auftragspaletten.
Aus dem Migros-Verteilzentrum in Suhr werden über 600 Filialen in der Schweiz mit Ware beliefert. An einem Spitzentag kommissionieren 28 COM-Maschinen bis zu 315.000 Handelseinheiten, Behälter oder PET-Flaschen filialgerecht auf Auftragspaletten.
(Bild: Witron)

Seit dem Jahr 2000 betreibt Migros am Standort Suhr durch die eigenständig fungierende Logistik-Tochtergesellschaft Migros Verteilzentrum Suhr (MVS) AG das nationale Schweizer Verteilzentrum für das Trockensortiment. Die über 600 Migros-Filialen unterschiedlichster Art und Größe erhalten ihre Ware in individuellen Belieferungsrhythmen nach dem Abverkaufsprinzip in der Regel innerhalb von 24 beziehungsweise 48 Stunden nach Bestellung. Bisher wurde in Suhr vor allem manuell beziehungsweise teilautomatisiert kommissioniert.

Um die Logistikprozesse hinsichtlich Filial-Service, Ergonomie, Flexibilität und Nachhaltigkeit optimal auf kommende Anforderungen auszurichten, fiel 2008 die Entscheidung für die Realisierung eines zukunftsweisenden Logistiksystems.

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Optimale Prozessausrichtung durch Logistiksystem von Witron

Wie Daniel Nussbaumer, Mitglied der Unternehmensleitung bei Migros und verantwortlich für den Bereich Betrieb & Technik, angibt, ist eine hohe Qualität und Flexibilität in der Auslieferung für das Geschäft von Migros von ganz entscheidender Bedeutung. Das Kaufverhalten der Kunden hat sich in den letzten Jahren verändert. Somit muss Migros für die Zukunft noch flexibler und logistisch effizienter werden als bisher, um auf Schwankungen im Abverkauf schnell reagieren zu können.

Die jetzt mit Witron umgesetzte Lösung Order Picking Machinery (OPM) könne diese Anforderungen und Dynamik entlang der gesamten Prozesskette abbilden – beginnend bei den Lieferanten, über das Distributionszentrum, den Transport bis hin in die Filiale – und erhöhe zudem die Wirtschaftlichkeit bei Migros erheblich. Darüber hinaus sei mit OPM ein betriebswirtschaftlich hochattraktives System „state of the art“ geschaffen worden, das seine Wirtschaftlichkeit auch in der effizienten Nutzung der bestehenden Gebäudestruktur beziehungsweise bei einem begrenzten Platzangebot nachweisen könne.

Als Logistik-Generalunternehmer plante und realisierte Witron in diesem Projekt sämtliche Materialfluss-, IT-, Steuerungs- und Mechanikkomponenten. Die Fördertechnikelemente wurden von der Witron-Tochter FAS designt und produziert. Innovatives Element des automatischen Lager- und Kommissioniersystems OPM (Order Picking Machinery) ist die Case Order Machine (COM), welche auf Basis eines Schlichtalgorithmus Handelseinheiten unterschiedlichster Art, Gewichts und Größe, Behälter und PET-Flaschen filialgerecht auf Auftragspaletten schichtet.

Lager- und Kommissioniersystem COM produziert automatisch

Mit der COM-Technik werden die Auftragspaletten sozusagen automatisch produziert. Statt zu greifen, schieben die COM die Artikel exakt auf die vom System via Schlichtalgorithmus berechnete Position der Auftragspaletten. Der gesamte Vorgang läuft sensorüberwacht, um eine hohe Verfügbarkeit sicherzustellen.

Wie Josef Pollinger, auf Seiten von Witron Leiter des Migros-Projekts, erklärt, würden herkömmliche Greiftechniken die Bandbreite automatisch kommissionierfähiger Waren enorm einschränken und das Gesamtsystem wirtschaftlich wesentlich uninteressanter machen. Vorausgehend wurden die Produkte im Wareneingang automatisch verifiziert und vereinnahmt, als sortenreine Paletten in ein Palettenhochregallager eingelagert, bedarfsgerecht wieder ausgelagert, lagenweise depalettiert, mit Trays unterschiedlicher Größe „verheiratet“, in vorgelagerten Fine-Tuning-Prozessen mechanisiert sortiert und vor der filialgerechten Kommissionierung wieder vom Tray getrennt. Sind die Paletten fertig kommissioniert, schleust das OPM-System diese an die Wickelstationen aus, wo sie mit Folie gesichert werden. Dann werden die Paletten über ein Fördertechniknetzwerk Richtung Warenausgang in einen Pufferbereich befördert, mit weiteren Kundenaufträgen tourengerecht konsolidiert und stehen anschließend für den Versand bereit.

Lager- und Kommissioniersystem punktet mit hoher Wirtschaftlichkeit

Die Witron-OPM-Lösung, die im Jahr 2005 von der VDI-Gesellschaft FML mit dem „Innovationspreis für Logistik“ ausgezeichnet wurde, zeichnet sich gegenüber herkömmlichen Kommissionierverfahren durch ihre enorm hohe Wirtschaftlichkeit, die Kommissionierqualität und die Kommissionierquantität aus. Sämtliche Prozesse innerhalb der gesamten Supply Chain werden durch OPM optimiert. Zahlreiche marktführende Lebensmitteleinzelhändler in Europa und Nordamerika setzen bereits in ihren Logistikzentren auf die innovative Technik.

Insgesamt sind bisher schon mehr als 400 COM-Maschinen im Betrieb beziehungsweise in der Inbetriebnahme, sowohl im Trockensortiment als auch im Frische- und Tiefkühlbereich. Das Spektrum reicht dabei bis hin zu 18.000 verschiedenen Artikeln. Durch das enorme Branchen-Know-How von Witron im Lebensmitteleinzelhandel wird die Lösung permanent weiterentwickelt. So arbeitet Migros mit einem System der neuesten Generation. Funktionalitäten wie die Channelizer-Funktion, Gegenpusher, TCC (Tray Collection Conveyor System), SBR (Sequenz Buffer Rack) oder Regalbediengeräte mit doppeltem Lastaufnahmemittel machen die Lösung noch schneller, noch effizienter und noch flexibler – bei gleichzeitig geringem Energieverbrauch.

Effiziente Getränkekommissionierung

Da Migros bei einem mengenmäßigen Anteil zwischen 20 und 30 % eine große Anzahl an Auftragspaletten mit Getränken und PET-Flaschen kommissioniert, war eine effiziente Abwicklung im Getränkebereich ein wichtiges Entscheidungskriterium für einen Einsatz von OPM. Einfache, praxisnahe Prozesse erfüllen auch hier die hohen Qualitätsansprüche von Migros. So führt das automatische Einlegen einer zusätzlichen Kartonschicht als Lagenverstärker – direkt durch die COM – zu einer signifikanten Erhöhung der Stabilität bei den automatisch gebildeten Getränkepaletten.

Die optimale Palettenstruktur ist generell ein zentrales Qualitätsmerkmal für den Schweizer Einzel- beziehungsweise Detailhändler. Die Palettenstabilität und die Sortierung der Artikel auf den Paletten ist für den Filialprozess ganz entscheidend. Mit dem Projekt „Future COM“ ist es gelungen, den Migros-Filialen mit auf Basis eines Schlichtalgorithmus gebildeten Paletten einen hohen Servicegrad zu bieten. Dabei werden die Artikel schon bei der Kommissionierung so auf der Palette sortiert, dass diese in der Filiale auf kürzestem Weg in die Regale verräumt werden können. Des Weiteren ist Migros beim Füllgrad der Paletten völlig flexibel. Wenn ein Markt aufgrund seiner bestehenden Rahmenbedingungen nur mit Paletten in einem bestimmten Höhenraster beliefert werden kann beziehungsweise er bei der Anlieferung von bestimmten Produkten Höhenvorgaben vorgibt, kann die COM-Maschine diese Parameter filialspezifisch umsetzen.

Out of Stock ist out

Durch eine effiziente Abwicklung im Logistikzentrum gibt es in den Filialen darüber hinaus keine Out-of-Stock-Situationen. Da das Logistiksystem dichtgepackte Paletten generiert, konnte des Weiteren die Zahl der Lkw-Fahrten reduziert werden.

Bei der Umsetzung wurde auf die vorhandene Logistikstruktur aufgesetzt. Als Nachschublager dient ein bestehendes Hochregallager mit 68.500 Palettenstellplätzen, das Witron bereits im Jahr 2002 bei Migros implementiert hat. Das neue OPM-System wurde kompakt und platzsparend auf dem Dach eines bereits bestehenden Gebäudes installiert – eine ganz besondere Herausforderung für das Design-Team von Migros und das Planungs-Team von Witron. Des Weiteren wird ein Teil der früheren Anlage unter anderem für das Handling von Aktionsware und Tierfutterprodukten, als Pufferlager für Versandpaletten sowie für die Wareneingangs- und Warenausgangsabwicklung weiter genutzt. Insgesamt hat Migros 85 Mio. Schweizer Franken in das Gesamtprojekt investiert.

Schneller Anlagenhochlauf

Um bei einem Projekt dieser Größe die Möglichkeiten und Grenzen innerhalb des Gesamtkonzepts bestmöglich bestimmen zu können und in jeder Projektphase termingerecht umzusetzen, ist eine ausführliche Informationsphase im Vorfeld enorm wichtig. Was Migros auf der Suche nach dem richtigen System sehr geholfen hat, war, dass Migros-Mitarbeiter bei zahlreichen Witron-Kunden Referenzbesuche vor Ort machen konnten, und zwar auf allen Unternehmensebenen, beginnend bei der Geschäftsführung über das Projekt-Team, das Realisierungs-Team bis hin zu den Mitarbeitern für den späteren Lagerbetrieb. Durch diesen intensiven Informationsaustausch, den Witron mit seinen OPM-Kunden ermöglicht hat, konnte Migros alle Prozessabläufe detailliert hinterfragen. Ebenso hat man gemeinsam mit Witron ein exaktes Schulungskonzept erarbeitet, das die Migros-Mitarbeiter mit der neuen Anlage vertraut gemacht hat.

Nachdem die Mitarbeiter mithilfe der Witron- und Migros-Trainer gründlich auf ihre Aufgaben vorbereitet wurden, betreibt man die Anlage sowohl von der IT- als auch von der Mechanikseite her mit eigenem Personal. Alle Service- und Wartungsarbeiten inklusive der Anlagensteuerung werden von Migros selbst durchgeführt. Des Weiteren hatte sich Migros viele Tipps und Anregungen bei anderen OPM-Anwendern geholt.

Umstellung auf neues Lager- und Kommissioniersystem im laufenden Betrieb

Da die Umstellung während des laufenden Betriebes erfolgte, mussten sämtliche Einzelabläufe genauestens geplant und abgestimmt werden – dies war eine anspruchsvolle Aufgabe für alle Beteiligten. Somit waren intensive Testphasen integraler Bestandteil der Umsetzungsstrategie. Dies betraf sowohl die entsprechende Simulation des Echtbetriebs als auch die Durchführung umfangreicher Softwaretests, um sich optimal auf den späteren Livebetrieb vorzubereiten. Gerade der Hochlauf einer solchen Anlage ist immer eine Frage der Risikoabwägung – es geht in erster Linie darum, mögliche Risiken für die Filialen und damit für das Endkundengeschäft auf ein Minimum zu reduzieren. Die Filialen dürfen im optimalen Fall am Anfang gar nichts von der Systemumstellung merken und sollen anschließend schnell von den Vorzügen des neuen Systems profitieren.

Guter Support der 25 Vorreiter-Filialen bringt Erfahrungen für die weitere Umstellung

Die Art der Kommunikation ist hierfür ein ganz zentrales Instrument. So hat man beispielsweise die ersten 25 Migros-Filialen in der Phase des Hochlaufs täglich betreut und einen eigenen Support dafür aufgebaut. Das hat Migros perfekt organisiert.

Das Feedback, das man während der Umstellung aus den Filialen bekommen hat, gab täglich neue Impulse für die nächsten Schritte. Und auch die Lieferanten wurden weit vor der Umstellung schon auf das neue Migros-System vorbereitet: Produktqualität und Stammdatenhandling sind wichtig, damit die Anlage tagtäglich hochverfügbar arbeiten kann. Und auch diese Aufgabe wurde erfolgreich bewältigt, denn der Anteil der Produkte, die nicht „COM-fähig“ sind, geht bei Migros mittlerweile gegen 0 % – ein unverkennbares Zeichen für eine gut abgestimmte Zusammenarbeit zwischen Migros und seinen Lieferanten. Durch die sehr gute Vorbereitung war der Anlagenhochlauf schon nach etwas mehr als drei Monaten erfolgreich abgeschlossen. Von der ersten Nachschubbearbeitung bis zur Belieferung aller über 600 Filialen hat es gerade einmal 14 Wochen gedauert.

Termintreue signifikant gestiegen

Die Einführung von OPM hat sich für Migros ausgezahlt – die Ergebnisse können sich sehen lassen. Heute sind die Lieferketten von Migros kaum noch anfällig für saisonale oder witterungsbedingte Einflüsse und damit in weiterer Konsequenz auch für Out-of-Stock-Situationen in den Verkaufsregalen. Früher hat Migros im Vergleich zu heute einen viel größeren Vorlauf benötigt und konnte auch nicht so zeitgenau kommissionieren. Auch eine filialgerechte Kommissionierung, ausgerichtet an den Anforderungen des jeweiligen Marktes, war nicht möglich. Mit der OPM-Lösung ist man in der Lage, das zu tun, und hat außerdem zu jeder Zeit die volle Transparenz über alle logistischen Abläufe. Und diese Abläufe passen exakt auf das Geschäft von Migros. Mit Beginn des Anlagenhochlaufs hat man die kommissionierten Paletten bis zum jetzigen Zeitpunkt immer termingerecht sowie in der geforderten Menge und Qualität an den Kunden geliefert. Bereits während der Hochlaufphase hatte Migros einen Auslieferungsgrad von 99,2 %. Alle von der Geschäftsführung vorgegebenen betriebswirtschaftlichen Ziele sowie alle vorgegebenen Qualitätskennzahlen gegenüber den Kunden wurden erreicht.

Weil auch die Ergonomie in sämtlichen Prozessen ein wichtigeres Thema ist, sieht sich Migros mit dem neuen System bestens aufgestellt. Das Unternehmen hat eine unternehmerische Verantwortung gegenüber seinen Mitarbeitern, für die es zukunftsweisende Arbeitsplätze in einem attraktiven Arbeitsumfeld bereitstellen kann. Dieser Verantwortung wird man mithilfe der Witron-Kommissionierlösung ebenfalls gerecht.

Und auch über weitere Ausbauschritte denken die beiden Logistikpartner bereits nach. So ist unter Umständen ein Ausbau der gemeinsamen Aktivitäten im Bereich der Lagerkapazitäten für die Migros-Lieferanten geplant.

* Ulrich Schlosser ist Mitglied der Geschäftsleitung und Leiter Vertrieb Logistiksysteme bei der Witron Logistik + Informatik GmbH in 92711 Parkstein

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