Luftfracht Für den Ansturm gerüstet mit Multi-User-Konzept am Airport

Autor / Redakteur: Karin Walter / Robert Weber

Im World Cargo Center Norderstedt verschmelzen luftfrachtspezifische Transport-, Sicherheits- und Verpackungsdienstleistungen, ein ausgefeiltes Logistikimmobilienkonzept und Investitionen in neueste Sicherheitstechnik zu einer gut durchdachten Gesamtlösung.

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Am Hamburger Flughafen setzt man auf moderne Scanner- und Röntgentechnik. Das WCC soll sogar erweitert werden.
Am Hamburger Flughafen setzt man auf moderne Scanner- und Röntgentechnik. Das WCC soll sogar erweitert werden.
(Bild: Garbe)

Ausweiskontrolle, Metalldetektoruntersuchung, Flüssigkeiten-Check, Gepäckröntgen und am Ende sogar noch ein Sprengstofftest für das Notebook: Wer eine Flugreise plant, muss seit einigen Jahren immer strenger werdende Sicherheitsvorkehrungen über sich ergehen lassen.

Sicherheitsbestimmungen bremsen auch die Luftfracht

Im weltweiten Luftfrachtverkehr ist das nicht anders. Verlader, die ihre Waren häufiger per Luftfracht nach Asien oder Übersee verschicken, müssen sich ab dem kommenden Frühjahr schon wieder auf eine EU-weit umgesetzte, neue Sicherheitsbestimmung einstellen.

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Mit dem Stichtag 25. März 2013 sind Luftfrachtverlader durch das Luftfahrt-Bundesamt dazu angehalten, die Idee der sicheren Lieferkette durch ein neues Zulassungsverfahren zum „bekannten Versender“ zu unterstützen. Lehnen sie es ab, ihre Prozesse, Sicherheitsvorkehrungen, Logistikeinrichtungen und Transportsysteme von Amts wegen genauestens in Augenschein nehmen und validieren zu lassen, bleibt die Fracht künftig so lange am Boden liegen, bis sie mittels Röntgenanlagen und Detektionssystemen zweifelsfrei als sicher eingestuft werden kann.

Am Hamburger Airport will man für 2013 gerüstet sein

Und das kann dauern, sofern die in der Nähe und an den deutschen Flughäfen angesiedelten Luftfrachtimmobilien die bis dahin benötigten Röntgenkapazitäten nicht in ausreichendem Maße zur Verfügung stellen können. Unter dem Dach des World Cargo Centers (WCC) Norderstedt, in Nachbarschaft zum Hamburger Flughafen, ist man für den Ansturm gerüstet: Das WCC kombiniert die planerischen Ideen des Hamburger Logistikimmobilienentwicklers Garbe Logistic AG mit modernen Sicherheitseinrichtungen und den eng miteinander korrespondierenden Transport-, Verpackungs- und Sicherheitsdienstleistungen der in der Luftfrachtimmobilie angesiedelten Mieter.

„Mit Pfister Logistic, ths aircargo services, LFS Service, STI Security Training International und akf siemers airport haben wir im WCC Norderstedt zwei Handling-Spezialisten, zwei Sicherheitsdienstleister sowie einen Verpackungsspezialisten direkt vor Ort“, sagt Jan Dietrich Hempel, Vorstand der Garbe Logistic AG. Mit dem in Norderstedt realisierten Immobilien-Gesamtkonzept könnten derzeit nicht einmal die Luftfrachtimmobilien an Deutschlands bedeutendstem Luftfracht-Umschlagstützpunkt Frankfurt konkurrieren, so der Logistikimmobilienexperte.

Röntgengeräte durchleuten bis zu 180 cm breite Frachtstücke in einem Durchgang

Zwei Röntgenanlagen bilden seit Anfang des Jahres das Herzstück der Luftfrachtimmobilie am Rande des Norderstedter Nordport-Geländes. Die rund 300.000 Euro teuren Geräte des Herstellers Smiths Heimann zählen zu den derzeit modernsten Anlagen im Markt, denn es handelt sich dabei um sogenannte Dual-View-Modelle. Das sind Anlagen, die in der Lage sind, Frachtstücke in einem Aufwasch sowohl von der Seite als auch von oben zu durchleuchten und selbst bis zu 6 cm dickes Metall zu durchdringen.

Eine der wenigen Einschränkungen, die das angewandte X-Ray-Scan-Verfahren mit sich bringt: Um die Frachtstücke durch die riesigen Röntgengeräte schleusen zu können, ist es zwingend erforderlich, dass diese nicht breiter als 180 cm sind. „Für den Fall, dass sich eine Sendung aufgrund ihrer Größe, ihres Gewichts, oder Inhalts nicht röntgen lässt, halten wir im WCC zusätzlich auch sogenannte Sniffer-Detektionsgeräte bereit“, erklärt Bianca Bazant, Geschäftsführerin des Luftfracht-Sicherheitsspezialisten und Geräteeigentümers LFS.

Zeitlicher und finanzieller Vorteil für die Unternehmen

Laut ihrer Schilderung ist das dazugehörige Verfahren aber noch etwas komplizierter als das Röntgen: Damit die betreffenden Sendungen mittels Wisch-Pads auf Sprengstoff oder andere gefährliche Inhalte untersucht werden können, müssen sie zuvor geöffnet werden, sodass die Fracht von allen Seiten für die Sicherheitskontrollkräfte zugänglich ist. „Die Prozesse im WCC gehen hier Hand in Hand“, unterstreicht der Garbe-Logistic-Vorstand Hempel den resultierenden Nutzeneffekt. Im schnellen Luftfrachtgeschäft sei es für die Verlader nicht nur von großem zeitlichen, sondern auch von finanziellem Vorteil, wenn die Frachtstücke gleich im Anschluss an die Prüfung durch einen spezialisierten und anerkannten Verpackungsbetrieb wieder verschlossen werden können.

Nach Ansicht Hempels zählen in dem Nutzungskonzept des WCC Norderstedt eindeutig aber auch die Dienstleister zu den Profiteuren. „Wir haben im WCC Norderstedt die Besonderheit, dass sich die Dienstleister symbiotisch ergänzen“, sagt der Hamburger Logistikimmobilienexperte. „Während im oberen Teil des Immobilienkomplexes die Büros zahlreicher Luftfrachtspediteure untergebracht sind, verteilt sich die auf etwa 20.000 m² ausgebaute Nutzfläche in dem durch Sicherheitsschleusen abgetrennten unteren Teil der Immobilie auf alle Dienstleistungen rund um die direkte Luftfrachtabwicklung.“ Das minimiert die Wege zwischen Auftraggebern und Auftragnehmern und schafft somit eine wichtige Voraussetzung für sichere und effektive Dienstleistungen im schnellen Luftfracht-Tagesgeschäft.

Die baulichen Besonderheiten der in rund 4,5 km vom Flughafen entfernten Luftfrachtimmobilie verstärken diesen Effekt: Neben den 49 fest installierten Lkw-Verladestationen bietet die vollständig stützenfrei gebaute Immobilie auf der oberen Ebene der Halle zusätzliche Abstellmöglichkeiten für ankommende Lkw. Das für etwa 500 Fahrzeuge konzipierte Pkw-Parkdeck auf dem Dach des WCC hilft darüber hinaus, Platz zu sparen und sämtliche ein- und ausgehenden Verkehre strikt voneinander zu trennen.

Ein Luftfracht-Erweiterungsbau ist von den Entwicklern schon geplant

Neben den beiden neuen Röntgenanlagen beherbergt die vollständig umzäunte Luftfrachtimmobilie noch eine Reihe weiterer, für das Luftfracht-Handling vorgeschriebener Sicherheitsdetails. „Im WCC Norderstedt existieren Zutrittskontrollen für sämtliche Bereiche“, verdeutlicht der Garbe-Logistic-Vorstand Hempel. Die Umschlaghallen dürfen grundsätzlich nur durch überprüftes und geschultes Personal betreten werden. Videokamerasysteme, die sowohl im Innen- als auch im Außenbereich installiert wurden, bewachen die Immobilie rund um die Uhr. Sie geben den Mietern darüber hinaus aber auch die Sicherheit, dass alle ein- und ausgehenden Sendungen im Falle eventueller Ungereimtheiten innerhalb kürzester Zeit nachverfolgt werden können.

Sorgen, das WCC Norderstedt könne ab dem kommenden Frühjahr einer explosionsartig steigenden Nachfrage auf die vorhandenen Röntgen- und Stauflächenkapazitäten nicht standhalten, treiben den Chef des Hamburger Logistikimmobilienentwicklers bishernoch nicht um. „Klar ist aber, dass der Frachtumschlagbereich schon heute sehr stark ausgelastet ist und die Immobilie auch im Bürobereich zunehmend an gewisse Auslastungsgrenzen stößt“, sagt Hempel. Bei Garbe Logistic plant man deshalb einen 10.000 m² großen Erweiterungsbau, der im Oktober 2013 bezugsfertig sein wird.

Kein Referenz-Konzept für andere Standorte in Deutschland

Angedacht, so heißt es, ist darüber hinaus auch ein 6500 m² umfassender Erweiterungsbau in Richtung Flughafen. Wann dieser jedoch fertiggestellt sein wird, lassen die Immobilienentwickler derzeit noch offen. „Wir gehen von einer rund sechsmonatigen Bauzeit aus“, sagt Hempel. Einen konkreteren Zeithorizont gebe es dafür im Moment jedoch noch nicht.

Obwohl sich das WCC in den bisherigen vier Jahren seines Bestehens insbesondere als Umschlagader für den in Hamburg dominierenden Teil nicht geflogener Luftfrachtsendungen etabliert hat: Als Referenzkonzept für ein großflächiges bundesweites oder sogar europäisches Netz sieht der Garbe-Logistic-Vorstand den norddeutschen Luftfrachtumschlag-Stützpunkt entgegen früheren Ankündigungen derzeit nicht. „In Norderstedt profitieren wir davon, nicht direkt in den Flughafenbereich integriert zu sein“, sagt Hempel. An Luftfrachtstützpunkten, die mit einem direkten Vorfeldzugang ausgestattet sind, sei die Situation weitaus schwieriger. Die Gefahr, von örtlichen Behörden als Teil der Infrastrukturpolitik verstanden zu werden, treibe den Kostenaufwand in die Höhe. Im Bereich der drittverwendungsfähigen Kontraktlogistikobjekte seien die Planungs- und Realisierungskosten deutlich geringer.

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