Übernahmen in der Logistik Hersteller von Lager- und Fördertechnik werden es schwerer haben

Redakteur: Robert Weber

Er ist Mathematiker und einer der renommiertesten Logistikberater der Republik: Günter Nolte. Der seit 2005 in Ostwestfalen ansässige Weltbürger kennt sich aus – bei den großen OEMs und im Mittelstand. MM Logistik verrät er, wie er die jüngsten Übernahmen in der Logistiklandschaft bewertet.

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Günter Nolte ist einer der renommiertesten Logistikberater Deutschlands.
Günter Nolte ist einer der renommiertesten Logistikberater Deutschlands.
(Bild: privat)

MM Logistik: Wie bewerten Sie die jüngsten Übernahmen?

Nolte: Zunächst einmal gibt es wie bei Kinderärzten oder Psychologen auch in der Industrie Modetrends – es gibt einen vorherrschenden Mainstream, dem sich andere anschließen. In der Automobil- und Zulieferindutrie sind das beispielsweise die Routenzüge und weitere als "lean" deklarierte Methoden oder Techniken. Viele Logistiker und Manager denken, wenn es so viele andere machen, kann es doch nicht völlig falsch sein. Dieser Eindruck entsteht vielleicht eher aus dem Bauchgefühl oder wird bei Kongressen, Messen und ähnlichen Veranstaltungen – oder auch über die Fachpresse – weitergetragen. Das soll aber nicht bedeuten, dass der betreffende Trend nicht auch wirtschaftlich sein kann. Wenn ich mich recht entsinne, hat Amazon mit den Übernahmen angefangen. Warum? Ein expandierendes Unternehmen ab einer bestimmten Größe hat ziemlich regelmäßig Fragestellungen zu lösen, die fundiertes Fachwissen verlangen. Und stets Ausschreibungen erstellen, dann den Markt befragen, Angebote einholen, vergleichen,Vergabeverhandlungen führen –das ist ein nicht zu unterschätzendes aufwendiges Unterfangen. Zumal Konzerne meist aus Gründen der Compliance mehrere Bieter anfragen und bewerten müssen, selbst wenn sie beispielsweise mit ihrem vorherigen Lieferanten sehr zufrieden waren. Das Controlling wird das schon durchsetzen, und am Ende entscheidet der Einkäufer ohne tiefere Sachkenntnis einfach über den Preis. Und nach mehreren Projekten hat das Unternehmen einen "Anlagenzoo" von unterschiedlichsten Herstellern, was den Wartungs- und Instandhaltungsabteilungen oft ziemlich Bauchschmerzen verursacht, allein schon wegen der Vorhaltung von Ersatzteilen. Hat man ein Tochterunternehmen, das in diesem Markt aktiv ist, dann sind die Entscheidungen wesentlich einfacher, die Präferenz ist immer gesetzt.

Ein großer Vorteil ist natürlich auch der direkte Zugriff auf den Lieferanten und sein Personal. Wir alle wissen, in der Ausschreibung kann stehen, was will, Pönalen können festgelegt sein, trotzdem ist der Durchgriff auf externe Lieferanten nicht so ohne weiteres zufriedenstellend. Der Lieferant entscheidet seine Prioritäten nach eigenen Kriterien.

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Warum engagieren sich OEMs zunehmend in der Intralogistik?

Eben genau aus den oben genannten Gründen. Wobei, in der Automobilindustrie ist mir solches noch nicht bekannt geworden. Für ein expandierendes Unternehmen wie beispielsweise den Volkswagen-Konzern, der ziemlich häufig irgendwo auf der Welt neue Werke errichtet, sehe ich da schon einen wirtschaftlichen Nutzen. Logistikplaner hat man ohnehin schon im Haus, Instandhalter auch, da ist nur noch eine kleine Lücke zu schließen. Und nicht zuletzt kann man sich auf die unternehmensspezifischen Themen noch mehr spezialisieren.

Wie verändert das den Markt?

Die etablierten Hersteller von Lager- und Förderetechnik werden es schwerer haben. Sie müssen schon gewaltige Vorteile bieten, um gegen konzerneigene Töchter mithalten zu können. Vielleicht müssen sie sich auf andere Marktsegmente einstellen, beispielsweise Mittelständler, für die sich der Aufbau einer eigenen "Truppe" nicht lohnt, weil es zu wenig Projekte gibt. Der Markt könnte sich so entwickeln, dass es hoch spezialisierte Konzerntöchter gibt, die deren Bedürfnisse extrem gut bedienen können und auf der anderen Seite "Generalisten", die eben den Rest der Wirtschaft bedienen. Dieser Rest ist für die spezialisierten Konzerntöchter gar nicht interessant.

Welche Risiken oder welche Chancen hat das für die Übernommenen?

Chancen für solche übernommene Firmen sind sicherlich in der finanziellen Kraft des Mutterkonzerns gegeben. Selbst wenn man mal 2 oder 3 Jahre negative Ergebnisse einfährt, hält das der Mutterkonzern locker aus. Allerdings ist die Konzernstruktur auch zugleich ein Risiko. Manchmal gibt es den einen oder anderen "Erdrutsch" in der Führungsetage, und von einem Tag auf den anderen hat sich die Politik um 180° gedreht. Das Tochterunternehmen wird schnellstmöglich abgestoßen, möglicherweise an einen Finanzinvestor, und dann hat man es schwer. Vor allem dann, wenn man sich im bequemen "Konzernbiotop" erst einmal richtig häuslich eingerichtet hat.

Werden wir in Zukunft noch mehr Übernahmen sehen? Wenn ja – warum?

Ich denke, dass so wie Otto mit Hermes oder Amazon mit Kiva, Krones mit Klug auch weitere Unternehmen im Handelssektor dieses Modell übernehmen werden. Immer dann, wenn es wirtschaftlich ist. Denn eines kann man dem Handel mit Sicherheit nicht nachsagen: dass er nicht genau rechnen kann. Was die OEMs der Automobilindustrie angeht, bin ich selbst gespannt.

Es gäbe ja noch ein alternatives Modell, das ich einem meiner Auftraggeber schon einmal vorgeschlagen habe: nicht nur das Lager zu bauen, sondern es gleich dauerhaft zu betreiben. Die ganzen Querelen mit Kundenbeschwerden fallen weg, denn es sind qualifizierte Fachleute im Leitstand und für einen schwierigeren Störungsfall kann man auf die Spezialisten zurückgreifen. Auch solche Modelle sind teils schon umgesetzt..

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