Personalintegration Integration wird großgeschrieben

Autor / Redakteur: Marcus Meier / Dipl.-Betriebswirt (FH) Bernd Maienschein

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind sich einig: Ihr neuer Lieblingskollege bei der SSI Schäfer Noell GmbH im unterfränkischen Giebelstadt heißt Jimmy. Der zweieinhalbjährige Labrador ist kein normaler Vierbeiner, sondern ein speziell geschulter Führhund. Sein blinder Besitzer absolviert ein Praktikum bei SSI Schäfer.

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Jimmy, ein speziell geschulter Führhund, sorgt nicht nur dafür, dass sein 25-jähriger blinder Besitzer problemlos zum Arbeitsplatz und zurück gelangt. „Genauso wichtig ist Jimmys Eisbrecherfunktion“, betont Jann Schneider und weiß um die Befangenheit, die viele Normalsehende beim ersten Kontakt mit Blinden haben.

Blindenhund hilft beim Gesprächseinstieg

„Für einen lockeren Gesprächseinstieg ist Jimmy ideal“, erzählt der Informatikkaufmann von seinen ersten Wochen bei SSI Schäfer. Mit Jimmys Unterstützung dauerte es nur wenige Tage, bis er eine Fahrgemeinschaft fand, mit der er nun täglich die Wegstrecke zwischen seinem Wohnort Würzburg und Giebelstadt absolviert. Aber auch das Pendeln mit dem Bus hätte der blinde Praktikant auf sich genommen.

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Jann Schneider absolviert zur Zeit eine Fortbildungsmaßnahme im Berufsförderungswerk (BFW) Würzburg. Dort hat man sich auf die berufliche Wiedereingliederung von blinden und sehbehinderten Erwachsenen spezialisiert. Während seines jetzigen Praktikums will sich der gebürtige Kasseler für eine spätere Übernahme bei dem Spezialisten für komplexe Logistiksysteme empfehlen. Die Unvoreingenommenheit von SSI Schäfer gegenüber Behinderten und der anhaltende Expansionskurs des Unternehmens kommen ihm da entgegen.

„Wir haben mit den blinden und sehbehinderten BFW-Absolventen beste Erfahrungen gemacht“, betont SSI-Personalchefin Ramona Vian. „Unsere Mitarbeiter mit Handicap wissen es sehr zu schätzen, hier zu arbeiten, und bringen ein hohes Maß an Engagement mit“, unterstreicht sie. Rückendeckung bekommt sie von Geschäftsführer Harrie Swinkles, der die Schwerbehindertenquote bei SSI Schäfer weiter ausbauen möchte. „Nicht aus Barmherzigkeit“, betont Vian, „sondern aus Überzeugung.“

Wertschätzung für ihre Arbeit empfindet auch die sehbehinderte Katharina Ljaschenko. Nachdem sie ihren Job als Fremdsprachensekretärin an den Nagel hängen musste, kam auch sie über das BFW Würzburg und ein Langzeitpraktikum zu SSI Schäfer. Die 26-Jährige überzeugte auf Anhieb, bestach durch Motivation und Vielseitigkeit und bekam Ende 2006 eine feste Anstellung. Heute assistiert sie bei SSI Schäfer dem Abteilungsleiter des Wartungs- und Servicebereichs.

Mit spezieller Vergrößerungssoftware und Bildschirmlesegerät arbeitet sie genauso effizient wie ihre normalsichtigen Kollegen. Spaß mache die Arbeit, vor allem aber die Personalarbeit in ihrer Abteilung. „Jeder Tag ist eine neue Herausforderung, der ich mich gerne stelle“, unterstreicht sie und ergänzt: „Ich lerne jeden Tag dazu.“

Arbeitgeber sollten stärker auf Behinderte zugehen

Von ihren umfangreichen Fremdsprachenkenntnissen profitiert die stark sehbehinderte Natalja Romano. Die BFW-Absolventin und gelernte Informatikkauffrau nutzte ihre Chance im Februar 2007. Im Anschluss an ihr Praktikum wurde auch ihr ein Arbeitsvertrag angeboten. Heute arbeitet die 36-Jährige als Teamassistentin im Projektmanagement.

Dort weiß man ihre ukrainischen und russischen Sprachkenntnisse sehr zu schätzen, berichtet Projektleiter Peter Diener: „Vor allem vor Ort beim Kunden in St. Petersburg war es ideal, Natalja Romano als Muttersprachlerin und Dolmetscherin dabei zu haben.“ Die Sehschwäche fiel dabei nicht ins Gewicht. Auch im Projektalltag in Giebelstadt arbeitet die gebürtige Russin am PC problemlos an der Übersetzung technischer Dokumente oder Zollpapiere.

Win-Win-Situation macht beide Seiten erfolgreich

Den Kontakt zu SSI Schäfer eingefädelt hat BFW-Mitarbeiterin Elsbeth Hamberger. Die Sozialpädagogin kümmert sich mit ihren Kollegen vom BFW-Arbeitsmarktservice um die berufliche Vermittlung der BFW-Teilnehmer. Ob Büro-, Verwaltungs- oder Metallberuf, Hamberger wünscht sich mehr behindertenfreundliche Arbeitgeber à la SSI Schäfer, die ohne Vorurteile auf blinde und sehschwache Arbeitnehmer zugehen. „In der Zusammenarbeit mit SSI Schäfer gibt es regelmäßig zwei Gewinner: Arbeitgeber und Betroffener“, fasst sie ihre Erfahrungen zusammen.

Der Grund ist einfach: „Während des mehrmonatigen Praktikums lernen sich potenzieller Arbeitgeber und BFW-Absolvent gut kennen“, so Hamberger. Beide Seiten könnten am Ende entscheiden, ob und in welcher Form man die Zusammenarbeit fortsetzen möchte.

Jann Schneider wird momentan als Programmierer eingesetzt und fühlt sich pudelwohl. „Ich arbeite zurzeit an einem maßgeschneiderten Projekt-Management-Tool, das den Projektleitern von SSI Schäfer die Planungen erleichtert“, erläutert der PC-Spezialist. „Damit mache ich das, was ich am besten kann: Programmieren.“

Einen Bildschirm braucht er dazu nicht, der steht nur für die sehenden Kollegen in seinem Büro, wenn es kurze Absprachen gibt. Schneider selbst ertastet den Bildschirminhalt in Punktschrift mit der Braillezeile. Diese Zusatzvorrichtung schließt sich unterhalb der PC-Tastatur an und reicht ihm, um im Internet zu surfen, E-Mails zu schreiben oder eben Programme zu erstellen. Einzig Fotos und grafische Elemente können auf der Braillezeile nicht ertastet werden.

Gerhard Klingert, Gruppenleiter IT-Projekte bei SSI Schäfer, hat gehörigen Respekt vor Schneiders Arbeitsleistung. „Jann ist engagiert und kreativ, arbeitet selbstständig und hat sich schnell integriert“, fasst er seine Eindrücke zusammen. Und Führhund Jimmy sei ohnehin „every-body´s darling“. Jimmys Beliebtheit dokumentiert auch ein genauer Blick auf das Führgeschirr des Labradors. Dort trägt der Vierbeiner — wie jeder SSI-Mitarbeiter — einen Ausweis mit Lichtbild.

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