Industrie 4.0 Kaizen war gestern - jetzt kommt Industrie 4.0 in die Logistikprozesse

Redakteur: Robert Weber

Verschwendung vermeiden und transparente Prozesse ermöglichen – mit der Kaizen-Philosophie revolutionierten die Japaner die Industrie. Wenn es nach Wissenschaft und einigen OEMs geht, dann gehört Muda bald ganz der Vergangenheit an. Denn Industrie 4.0 verändert auch die Logistik nachhaltig.

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(Bild: IML)

Sie haben schon einiges erlitten und miterlebt – die mittelständischen Automobilzulieferer: Kaizen in den 80er und 90er, Koreaner und Japaner mit neuen Modellen, Krisen im neuen Jahrtausend, Kostendrücker auf Seiten der OEM und immer wieder der Ruf nach mehr Transparenz in den Lieferketten – doch eines blieb, so wie es immer schon war: Der Excel-Sheet für die Produktionsplanung und die Nachschubsteuerung stand bei den meisten nie zur Disposition – bis heute. Seit einiger Zeit zaubert allerdings der Begriff Industrie 4.0 den Produktions- und Logistikverantwortlichen der OEM ein Lächeln auf das Gesicht. Die Mehrheit der Unternehmen träumt von der intelligenten Fabrik, der smart factory, und einige stellen dabei absichtlich oder unabsichtlich die komplette Logistikkette weitgehend auf den Kopf. „Die großen Unternehmen pushen Industrie 4.0 und die Mittelständler werden nachziehen müssen“, ist sich Prof. Dr. Daniela Nicklas vom OFFIS – Institut für Informatik aus Oldenburg sicher. Zu Deutsch: Macht die Fabriktore auf, lasst Informationen fließen und sorgt endlich für Transparenz, sonst können die mittelständischen Unternehmen den neuen Takt der Industrie nicht mehr halten.

Die Informatikerin beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit immer wieder neuen Entwicklungen rund um die smart factory und Industrie 4.0 und prophezeit einen Wandel in den Prozessen. Echtzeitoptimierte Wertschöpfungsnetze ersetzen mittelfristig die klassischen Wertschöpfungsketten mit ihren Puffern, so ihre These. Der theoretische Unterbau ist die Annahme, der wandlungsfähigen und anpassungsbereiten Produktion. Will heißen: Die Roboter, Spritzguss- und Werkzeugmaschinen kommunizieren untereinander und mit der Fördertechnik, dem fahrerlosen Transportsystem (FTS) oder dem Behälter und agieren so autonom – intelligent ohne übergeordnetes Leitsystem. In Zukunft löst die Maschine selber einen Nachschubbefehl an das Lager aus und die Shuttle unterhalten sich mit den vorhandenen Behältern auf der Fördertechnik, ob einer von ihnen noch Rohmaterialien hortet und diese ausliefern kann. Meldet der Ladungsträger ein Nein zurück, lagert das Shuttle die benötigten Waren aus und informiert die Fördertechnik oder FTS über den Auftrag. Die Intralogistik sorgt dafür, dass sich die Fertigungslinie dynamisch anpasst. Das führt dann sogar soweit, dass manche Unternehmer sogar wieder über Losgröße 1 phantasieren.

Das FTS feiert sein Revival

Das Szenario ist nachvollziehbar und hört sich einfach an, doch in der Intralogistikwelt ist Industrie 4.0 noch vielen Akteuren ein Fremdwort. Auf der Logimat ergab eine Stichprobe dieses Magazins unter den Ausstellern und Besuchern, dass nur eine Minderheit die Entwicklungen der vierten industriellen Revolution aus der Produktion auf die Logistik übertragen können. „Das Thema ist produktionslastig, aber in den Beratungen haben wir immer auch mit Logistikern zu tun“, weiß Nicklas. Sie forscht aktuell zusammen mit der Götting KG zu intelligenten FTS. Diese feiern mit Industrie 4.0 ein spätes Revival, das den Durchbruch bringen könnte. Klassische Staplerbauer haben das Konzept der fahrerlosen Systeme auch wieder entdeckt. Jungheinrich präsentierte beispielsweise jüngst der Öffentlichkeit den Auto Pallet Mover – ein neues FTS. Noch nicht serienreif, dafür aber günstig, ist das FTS-Konzept vom Fraunhofer IML. Rund 1000 Euro kostet das Produkt. Ein günstiger Mikrocontrolle soll das möglich machen. Die Wissenschaftler aus dem Ruhrgebiet gelten als Vordenker im Bereich der Verknüpfung von Industrie 4.0 und der Logistikwirtschaft (siehe Kasten).

Doch nicht nur die Wissenschaftler und FTS-Anbieter dürfen sich auf die intelligente Fabrik freuen. Auch die RFID-Schmieden wittern seit Monaten Morgenluft. „RFID kann Produkte intelligent machen. Die Möglichkeiten des Barcodes sind begrenzt", meint Dr. Wolfgang Kern, vom IT Dienstleister Atos und Leiter der Innovationsschmiede C-LAB. In der Branche munkeln manche: Vielleicht ist die Industrie 4.0 die letzte Chance der RFID-Technik, denn ein flächendeckender Einsatz der Chips, der vor Jahren schon einmal propagiert wurde, lässt bis heute auf sich warten – die Kosten waren zu hoch. Vom Leiterplattenbauer bis zum Keilriemenhersteller – alle Industrien könnten zukünftig ihre Produkte mit Intelligenz ausstatten, sind Experten überzeugt. RFID-gechippte Teilprodukte schlagen zukünftig dann wieder den Bogen zwischen Intra- und Extralogistik. Kaizen und die Koreaner sind dagegen harmlos.

Wer wissen will, wie die Fabrik der Zukunft aussehen könnte, der sollte einen Blick in die Halbleiterproduktion werfen, sagen Fachleute. Reinräume versus Stahlregal und Stapler – größer kann der Kontrast kaum sein. Doch gerade die Logistiker könnten die sein, die mit ihrem Automatisierungswissen die Prozesse neu mitgestalten und vielleicht kopieren dann die Japaner Produktionsmethoden made in Germany.

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