Fahrerlose Transportsysteme Kanban-Regale fahrerlos beladen

Autor / Redakteur: Mathias Mäser / Dipl.-Betriebswirt (FH) Bernd Maienschein

In Dornbirn in Vorarlberg, Österreich, findet sich neben dem Hauptsitz der Zumtobel Group auch ihr größtes Leuchtenwerk. Seit einigen Monaten setzt man dort ein fahrerloses Transportsystem (FTS) zur Belieferung der Montagearbeitsplätze ein.

Firmen zum Thema

Im Leuchtenwerk Dornbirn von Zumtobel setzt man auf anwendungsspezifische FTS-Aufbauten.
Im Leuchtenwerk Dornbirn von Zumtobel setzt man auf anwendungsspezifische FTS-Aufbauten.
(Bild: Trilogiq)

FTS-Routenzug und elektronisches Kanban sind in dem gemeinsamen Projekt „add“ (automated driverless delivery) der Lean-Manufacturing-Spezialisten von Trilogiq und Identytec entwickelt worden. Die Besonderheit: In den mit Trilogiq-Regalsystemen realisierten Beschickungskanälen auf dem FTS-Routenzug werden die Ladungsträger einzeln elektronisch verriegelt. Die Kanäle können somit sortenunrein beladen werden. Ein automatisches Kleinteilelager mit 11.500 Lagerplätzen und mehreren Auslagerstationen gibt aus, was die in drei Schichten besetzte Endmontage für die beiden Leuchtenmarken Zumtobel und Thorn in Dornbirn braucht.

Bisher organisierte man den Nachschub für die Montage über klassische Kanban-Regale mit manueller Belieferung. Allerdings: Die Versorgung mit Kleinteilen für die Fertigung von Standardprodukten band Personal, das die Dornbirner Logistikverantwortlichen gern für Aufgaben zu kundenspezifischen Aufträgen genutzt hätten. Doch erste Überlegungen zur automatischen Beschickung scheiterten an der Komplexität der Prozesse und der Teilevielfalt.

Anwendungsspezifische FTS-Aufbauten

Mitte 2014 wurde die Zumtobel Group von der deutschen Trilogiq-Tochter angesprochen. Das Unternehmen ist für seine Lean-Manufacturing-Kompetenzen und sein Angebot an flexiblen Regalsystemen für die industrielle Produktion bekannt. Weniger bekannt war bei der Zumtobel Group, dass Trilogiq seit geraumer Zeit dieses Know-how bei Regalsystemen mit der Entwicklung von fahrerlosen Transportsystemen kombiniert. Das Konzept: FTS-Aufbauten anwendungsspezifisch, flexibel und nach Lean-Manufacturing-Prozesskenntnissen zu gestalten. Als Partner für die IT-Integration vertraut man bei Trilogiq auf das Unternehmen Identytec, ebenfalls ein erfahrener Lean-Manufacturing-Spezialist. Das Ergebnis dieser Kooperation ist ein Gesamtkonzept mit der Bezeichnung „add“.

Bildergalerie
Bildergalerie mit 5 Bildern

Schnell wurde man sich einig, in einem Referenzprojekt die Kopplung von elektronischem Kanban, Routenzug und FTS zu realisieren. Die Endmontage im Bereich der Büroleuchten ist der Bereich mit der höchsten Varianz an Teilen, die für die Leuchtenproduktion benötigt werden. Hier identifizierte Zumtobel das größte Optimierungspotenzial durch die Automatisierung der Belieferung.

Fahrerlos und automatisch

Wurde der Füllstand in den Regalen der Montage bisher nach klassischen Kanban-Regeln durch die Logistikmitarbeiter geprüft, stellten Identytec und Trilogiq dieses Verfahren in einem ersten Schritt auf elektronisches Kanban um. Hierzu wurden Montage und Bereiche des Lagers über WLAN vernetzt. Alle Signale laufen auf einem Server zusammen. Im Supermarkt des Kleinteilelagers wurde ein zusätzliches Display angebracht. Dieses Zusatzdisplay erfüllt zwei Funktionen: Kleinteile, für die der Mindestbestand in den Kanban-Regalen der Montage unterschritten ist, werden hier zusammen mit einem Barcode angezeigt. Durch das Scannen des Barcodes wird im Automatiklager die Ausgabe des Kleinteils veranlasst. Zusätzlich wird ein Barcode-Etikett zur Kennzeichnung des Kleinteilbehälters ausgedruckt. In einer zweiten Ansicht sieht der Logistikmitarbeiter, an welchen Platz im FTS-Routenzug ein spezifischer Kleinteilebehälter geladen werden soll.

Sortenunreine Mischung

Auf dem FTS-Routenzug sind Beschickungskanäle über ein Trilogiq-Regal aufgebaut. Eine der innovativen Besonderheiten: Nicht der einzelne Kanal, sondern jeder Behälterplatz ist mit einem elektronischen Riegel versehen. Der Vorteil: So können Behälter mit verschiedenen Kleinteilen sortenunrein in einem Beschickungskanal gemischt werden. Die Software ermittelt die optimale Position dynamisch aus den angeforderten Kleinteilen, Mengen und Behälterzahlen sowie der Route. Der Mitarbeiter in der Logistik erhält über den Bildschirm die entsprechenden Anweisungen und quittiert die korrekte Beladung.

„Als Pilotprojekt ist die Lösung mit den Trilogiq-FTS bei der Zumtobel Group zunächst ganz bewusst noch eine Insellösung ohne SAP-Anbindung“, erläutert Thorsten Finke, Geschäftsführer bei Identytec, und Christian Schulz, Geschäftsleiter bei Trilogiq, ergänzt: „Der Aufwand ist dadurch für die Zumtobel Group gering, der effizienzsteigernde Effekt für die Versorgung der Montage trotzdem maximal.“ Die Vorbereitungen für die Routenführung des FTS braucht zwar Erfahrung, ist jedoch in der Ausführung unspektakulär. Der Weg für das Transportsystem wurde durch Trilogiq-Mitarbeiter mit Magnetstreifen auf dem Boden vorgegeben, die Shooter-Regale im passenden Abstand am Boden verschraubt. Ein Probelauf reichte, um letzte Nachjustierungen an Abständen vorzunehmen.

Einfacher, effizienter Prozess

Seit März 2015 ist der FTS-Routenzug im produktiven Einsatz. Der Prozess ist einfach und effizient: Die Identytec-Software erfasst den Nachschubbedarf der Kanban-Regale. Die Anforderungen erscheinen auf dem Display am Kleinteile-Supermarkt. Der Kollege dort scannt die Barcodes und stößt damit die automatische Ausfassung aus dem Lager und den Druck eines Etiketts zur Identifikation des Kleinladungsträgers an. Er belädt daraufhin den Wagen nach den Angaben des Systems. Fertig beladen dreht das Fahrzeug seine Runde und fährt die Regale in der Montage an. Es nimmt automatisch die Leerbehälter auf, entriegelt punktgenau die einzelnen Behälter in den Beschickungskanälen und füllt so die Kanban-Regale auf. Mindestens einmal pro Stunde ist ein Routenzug so unterwegs. In der Regel gibt es aber 40 bis 60 Lieferungen pro Tag.

Vorbildcharakter

Zumtobel ist froh, dass man sich auf Initiative von Trilogiq für das Pilotprojekt entschieden hat. Das Ergebnis ist tatsächlich eine Referenzlösung – auch für Zumtobel. Das FTS beliefert absolut zuverlässig. Der Materialfluss erfolgt bedarfsgerecht und ruhig. Gleichzeitig konnten Logistikmitarbeiter von manuellen Routinetätigkeiten in der Kanban-Befüllung befreit werden. Diese Mitarbeiter werden jetzt in der Logistik für den wachsenden Bedarf an kundenspezifischen Leuchtenlösungen eingesetzt, deren Teile pro Auftrag vorkommissioniert in die Montage gegeben werden. Jetzt gibt es erste Überlegungen bei der Zumtobel Group, das „add“-System auch in anderen Bereichen einzusetzen. ■

* Mathias Mäser ist Projektleiter im Leuchtenwerk Dornbirn bei der Zumtobel Lighting GmbH in A-6851 Dornbirn, Tel. (00 43-55 72) 3 90-0, info@zumtobel.info

(ID:43700911)