Deutschlands Mittelständler Kleine Kraftprotze im globalen Wettbewerb

Autor / Redakteur: Gerwin Klinger / Ulrike Gloger

Exportorientierung und Internationalisierung sind für mittelständische Unternehmen der Metall- und Elektrobranche aus Deutschland längst zu einem Muss geworden, wenn sie die Produktivitätsgewinne der letzten Jahre in Wachstum umsetzen wollen. Selbst seit Generationen verwurzelte Familienbetriebe haben sich in den globalen Märkten positioniert.

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Prof. Dr. Dr. h. c. Anton Kathrein, persönlich haftender Gesellschafter der Kathrein-Werke KG in Rosenheim: „Im rumänischen Timisoara haben wir die Fertigung in Rosenheim gespiegelt. Wegen der geringen Logistikkosten produzieren wir dort preiswerter als in China.“
Prof. Dr. Dr. h. c. Anton Kathrein, persönlich haftender Gesellschafter der Kathrein-Werke KG in Rosenheim: „Im rumänischen Timisoara haben wir die Fertigung in Rosenheim gespiegelt. Wegen der geringen Logistikkosten produzieren wir dort preiswerter als in China.“
( Archiv: Vogel Business Media )

Die Mittelständler, die das diesjährige ME-Forum in Berlin präsentierte, erwiesen sich als kleine Kraftprotze, die dafür stehen, dass Bodenständigkeit und Internationalisierung kein Gegensatz sein müssen. „Wir waren ein paar Generationen im Sauerland, das war auch in Ordnung. Jetzt profitieren wir von lohngünstigen Standorten und verdienen zurzeit mehr im Ausland“, umreißt Arndt G. Kirchhoff von der Kirchhoff Automotive GmbH die Entwicklung.

Die Zulieferindustrie muss nachziehen

Der Automobilzulieferer aus dem sauerländischen Attendorn hat seinen Umsatz in den letzten vier Jahren auf 420 Mio. Euro verdoppelt. Die Komponenten, Baugruppen und Module für die großen Automobilhersteller, produziert Kirchhoff inzwischen an 17 Standorten in 9 Ländern. Seit 2006 betreibt das Unternehmen auch ein Werk in China, zwei weitere sind geplant, davon eines in China und eines in Russland. Weltweit beschäftigen die Sauerländer nunmehr 3000 Arbeitskräfte.

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Kirchhoff hat die Produktion ausgeweitet, weil er zum einen als Zulieferer die Internationalisierungsstrategie der Automobil-Konzerne nachvollziehen muss. Denn deren Anforderungen entscheiden über den Standort. „Die Investitionen werden erst getätigt, wenn der Auftrag erteilt ist. Das Problem ist: Kommt der Nachfolgeauftrag?“, sagt Kirchhoff. Zum anderen verlagert Kirchhoff auch wegen des Mangels an qualifizierten Mechatronikern selbst technologisch hochwertige Produktion ins europäische Nachbarausland.

Schließlich müssen die Produktionsbedingungen auch an den internationalen Standorten stimmen. „Wir gehen in Gegenden, wo es nach Metall riecht“, sagt Kirchhoff knapp und meint das ganze Ensemble, das eine stabile Produktion erfordert: von den Facharbeitern über die Stromversorgung bis hin zu Straßen- und Gleisanschlüssen.

Kirchhoff geht nicht nur mit der B-Produktion ins Ausland, sondern tritt mit der „besten Qualität weltweit an“. Eine Gefahr sieht er darin nicht: Wegen der auftragsgebundenen Produktion sei man kaum kopieranfällig. Die Verlagerung von technologisch hochwertiger Produktion nivelliert allerdings tendenziell die Lohnunterschiede, die ursprünglich die steigenden Auslandsinvestitionen der Automobilindustrie motivierten. „Wir müssen teilweise höhere Managergehälter zahlen als hier“, sagt der Firmenchef.

Überhaupt wird der Standort Deutschland seines Erachtens mit den steigenden Logistikkosten der Auslandsproduktion wieder attraktiver. „Die Automobilindustrie wird sich neu aufstellen müssen. Wenn sie die westeuropäischen Märkte bedienen will, wird sie auch dort produzieren müssen“, prognostiziert Kirchhoff.

Von der Kellerwerkstatt zum Global Player

Im Vertrauen auf Spitzentechnik greift auch der Antennen-Hersteller Kathrein auf die Weltmärkte aus. Das Familienunternehmen hat sich von einer „Kellerwerkstatt“ in Rosenheim zu einer weltweit operierenden Firmengruppe gemausert und ist in 75 Ländern aktiv. Rund 100000 Antennen fertigt Kathrein pro Monat und erwirtschaftet mit 7000 Mitarbeitern einen Umsatz von rund 1,3 Mrd. Euro. „50% unseres Umsatzes erzielen wir mit Produkten, die nicht älter sind als zwei Jahre“, erklärt Anton Kathrein. Die Internationalisierung wird vor allem angetrieben vom weltweiten Ausbau der Mobilfunknetze.

Er eröffnet Kathrein Marktchancen in China, Indien, Brasilien, dem südlichen Afrika und auf Kuba. An seinen Auslandstandorten hat Kathrein mit zwei Problemen zu kämpfen: Raubkopien und Preisverfall. Allein in China kopieren sieben Firmen Kathrein-Produkte. In Indien sieht man sich mit Dumpingpreisen konfrontiert.

Auch deutsche Arbeitsplätze profitieren vom Weltmarkt

Trotzdem ist Kathrein überzeugt, dass die Arbeitsplätze in Deutschland von der Internationalisierung profitieren. In Rosenheim konzentriert sich das Know-how des Unternehmens. Rund 300 Ingenieure sind in den Entwicklungsabteilungen beschäftigt. „Wir legen Wert auf Stabilität und geringe Fluktuation, denn Fluktuation kostet Geld“, erläutert Kathrein. Ein Problem sei aber der Fachkräftemangel in Deutschland. Rund 35 Ingenieur-Stellen können zurzeit nicht besetzt werden. Das Unternehmen, das etwa 10% des Umsatzes für Forschung und Entwicklung einsetzt, investiert deshalb verstärkt in seine betrieblichen Ausbildungskapazitäten.

Große Hoffnungen setzt man auch in den neuen Standort im rumänischen Timisoara. „Dort haben wir die Fertigung in Rosenheim gespiegelt. Wegen der geringeren Logistikkosten produzieren wir dort preiswerter als in China“, erläutert Kathrein. Die Bedeutung des Standorts in Siebenbürgen unterstreicht das Unternehmen mit einem Kathrein-Institut an der Universität Timisoara.

Auch die Heidelberger Prominent Dosiertechnik GmbH setzt seit den 80er Jahren auf die Internationalisierung und eröffnete Vertriebs- und Fertigungsstätten in Singapur, auf Malta, in China und Ungarn. Der Beweggrund war die große Fertigungstiefe. Denn die Auftragslose, die Prominent Dosiertechnik zu vergeben hatte, waren zu klein für Zulieferer, die etwa bei Gehäusen mindestens in 100 000 Einheiten rechnen. Inzwischen ist der Hersteller von Dosier-, Mess- und Regeltechnik mit 44 Tochterunternehmen und 60 autorisierten Vertretungen zwar weltweit präsent, aber dennoch ein Familienbetrieb geblieben, den die Söhne des Firmengründers Viktor Dulger in zweiter Generation führen.

Das Unternehmen beschäftigt weltweit 1800 Mitarbeiter. Der Umsatz von 267 Mio. Euro wird zu 85% außerhalb Deutschlands erzielt und zu 90% über eigene Vertriebskanäle, erklärt Rainer Viktor Dulger. Ende der 90er wurde ein Strategiewechsel vorgenommen: Der Hersteller von Komponenten für die Wasseraufbereitung positioniert sich auch selbst als Wasseraufbereiter. Um der eigenen Kundschaft Konkurrenz zu machen, wurde das Unternehmen in zwei selbstständige Teile aufgespalten.

Typisch für die Internationalisierungsstrategie ist das 1994 gegründete Werk in China: ein 100%-Tochterunternehmen mit rein chinesischem Management. Mit 120 Mitarbeitern steuert es 12 Mio. Euro zum Umsatz bei. Am Standort Deutschland hingegen betreibt das Unternehmen seine Grundlagenentwicklung. Wie seine Kollegen beklagt auch Dulger den Mangel an Facharbeitern und Ingenieuren. „Deutschland zeichnet aus, dass es einen Qualifikationsvorsprung hat, nicht bei den Ingenieuren, aber bei den Facharbeitern. Die Facharbeiter sind das Rückgrat der deutschen Wirtschaft“, betont er.

Gerwin Klinger ist Fachjournalist in Berlin.

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