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Live vom 33. Deutschen Logistik-Kongress Künftig zählt die Kompetenz, nichts zu wissen!

Arbeitswelt 4.0 – wie kommt das Individuum da mit, wie kommt der Mensch damit klar? Eine interessante Fragestellung, die vor allem die Älteren von uns bewegt. Vor 15 Jahren ging man noch ins Büro, um infrastrukturelle Dinge zu erledigen. Heute ist das nicht mehr nötig, man kann das mit dem Dienst-Handy oder einer Workstation mit Internet-Zugang von überall auf der Welt aus erledigen. Und im Privaten sind wir im Umgang mit modernster IT-Technik sogar meistens weiter als im Business.

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Detlef Lohmann: "Kein Geschäftsprozess bei uns benötigt eine zweite, eine autorisierende Unterschrift."
Detlef Lohmann: "Kein Geschäftsprozess bei uns benötigt eine zweite, eine autorisierende Unterschrift."
(Bild: Maienschein/MM LOGISTIK)

Die Sequenz „Arbeitswelt 4.0“ am Donnerstag auf dem 33. Deutschen Logistik-Kongress versuchte, Antworten auf diese Frage zu geben. Line Jehle, General Manager des Consulting- und Coaching-Unternehmens perform-globally.com GmbH in Marbach, macht den „Generationenkonflikt“ anhand des Umgangs mit E-Mails deutlich. Wir (die Älteren) seien es gewohnt, die eingehenden E-Mail vorzupriorisieren. Die heutige Jugend mache das anders. In der Arbeitswelt 4.0 gehe es nicht mehr die große Struktur, die große Ordnung. Den althergebrachten Organisationsformen „The Family“ und „The Machine“ hätte sich eine neue hinzugesellt: „The Network“. Während die ersten beiden von Beziehungen und Prozessen lebte, gehöre das „Network“ den Attraktoren – und die mögen laut Jehle weder die Familie noch die Maschine. „The Network“ sei übergreifend gesteuert durch die Attraktivität einer Arbeit.

Sich einstellen auf unbekannte Situationen

Zum Auflockern der Frühsequenz macht Jehle ein Experiment. Sie teilt die Besucher der Sequenz in eine A- und eine B-Gruppe und zeigt beiden Fraktionen drei Sekunden lang ein Bild. Dann haben die „Probanden“ eine Minute Zeit, das Gesehene aufzumalen und dann, um zu demonstrieren, dass man in Netzwerken üblicherweise wenig bis gar nicht miteinander kommuniziert, vergleicht sie das Aufgemalte. Doch Jehle hat geschummelt: Einem Teil wurde eine Maus, dem anderen ein Gesicht gezeigt. Man kann sich ausmalen, was bei der Minutenskizze herauskommt. Das Ganze führt zu der Erkenntnis, dass in Zukunft die „Competence of not knowing“ zähle – künftig zähle die Kompetenz, nichts zu wissen. Sie meint damit, sich urplötzlich auf neue Strukturen, Muster und Anforderungen einstellen zu können und nicht in vorhandenen Denkschemata zu verharren.

Line Jehle führte den Kongressteilnehmern eindrücklich vor, dass es schwierig ist, in einem Netzwerk parallel zu arbeiten.
Line Jehle führte den Kongressteilnehmern eindrücklich vor, dass es schwierig ist, in einem Netzwerk parallel zu arbeiten.
(Bild: Bernd Maienschein/MM LOGISTIK)

„Wer kann, der macht!“ ist das Credo des Vortrags von Detlef Lohmann, Geschäftsführender Gesellschafter der allsafe JUNGFALK GmbH & Co. KG aus Engen. Der Autor der beiden Bücher „Und mittags gehe ich heim“ und „Heute lege ich los“ spricht über unternehmerische Organisationsformen und die Anstrengungen in seinem Unternehmen, sich möglichst modern aufzustellen. Während moderne hierarchiegesteuerte Unternehmen nach Funktionen und post-moderne, prozessgesteuerte Betriebe eben nach Prozessen ausgerichtet seien, seien integral-evolutionäre, selbststeuernde Unternehmen nach Projekten organisiert. Damit habe man bei allsafe JUNGFALK erfolgreich begonnen.

"Nicht mehr abteilen, sondern unterteilen!"

In seinem Unternehmen, das mit 180 fest angestellten Mitarbeitern rund 57 Mio. Euro Umsatz macht (2016), würden rund 5 % davon vor allem in Entwicklung und Vertrieb investiert. In Lohmanns Unternehmen beginne der Materialfluss, wenn der Lkw auf dem Hof stehe – bis hin zum Versand. Klassisch liege der Materialfluss ja in der Hand mehrerer Abteilungen. Neu sei jetzt, dass die komplette Leistungserstellung in der Hand eines einzigen autonomen Aktionsteams liege. Dazu braucht der Firmenchef Menschen, die unterschiedliche Rollen spielen: den „Qualitäter“, den Logistiker, den Verpacker. Wie in einem Schauspiel, wo manchmal ein und dieselbe Person mehrere Rollen spielt. Oder wie im privaten Leben.

„Nicht mehr abteilen, sondern unterteilen ist in der Prozesslandschaft gefragt“, so Lohmann. Es gibt bei ihm acht autonome Teams, die sozusagen in einer Multiprojekt-Organisation arbeiten. „Wir lassen Dynamik zu, wir teilen nicht mehr ein. Unsere Leute sind mit einem Rollen- und Freiwilligkeitsgrad organisiert und intrinsisch motiviert.“ Eines ist dabei klar: Den Mitarbeitern wird es nie langweilig, denn alle sechs Monate werden die Karten in den strategischen Projekten neu gemischt. Lohmann schließt seinen Vortrag mit einem Appell an die Zuhörer: „Trauen Sie den Menschen in Ihren Unternehmen mehr zu, als sie bisher gemacht haben!“

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