Elektro-Mehrwege-Seitenstapler Lang, schwer und sperrig? Ein Fall für „PhoeniX AGV“

Autor / Redakteur: Bernd Maienschein / Dipl.-Betriebswirt (FH) Bernd Maienschein

Fahrerlose Transportfahrzeuge laufen seit Jahren im Markt. Was sich die Produktentwickler und Techniker von Hubtex haben einfallen lassen, ist allerdings eine Weltneuheit: „PhoeniX AGV“, ein vollautomatisierter Elektro-Mehrwege-Seitenstapler. Er navigiert objektorientiert und kann das aufzunehmende Langgut kamerabasiert erfassen.

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Das im März 2019 eröffnete Kundenservicecenter von Hubtex bietet eine schöne Bühne für Produktdemos – wie hier bei der Vorführung des weltweit ersten vollautomatisierten Elektro-Mehrwege-Seiten- staplers „PhoeniX AGV“.
Das im März 2019 eröffnete Kundenservicecenter von Hubtex bietet eine schöne Bühne für Produktdemos – wie hier bei der Vorführung des weltweit ersten vollautomatisierten Elektro-Mehrwege-Seiten- staplers „PhoeniX AGV“.
(Bild: Hubtex)

Hubtex hat einen sehr guten Eindruck hinterlassen. Nicht nur der Spezialstapler an sich, um den sich mein Besuch Mitte Oktober gedreht hat. Schon im Foyer wurde ich freundlich und mit einer Willkommensbroschüre mit Sicherheitshinweisen für Besucher empfangen. Das riesige Schiebetor, eigentlich die Wand des im März 2019 eröffneten Kundenservicecenters, in das ich geführt wurde und wo auch hauseigene Trainings stattfinden, trennt den Showroom von der Produktion, die direkt dahinter beginnt. Diese Konstellation hat für Hubtex den Vorteil, dass man seine Geräte zu Präsentationszwecken direkt aus der Produktion herausfahren kann, um beispielsweise Kundenabnahmen durchzuführen. Highlights waren insbesondere in der Coronazeit die Live-Übertragungen für den Flugzeugbauer Boeing in die USA oder den Baumaschinenhersteller Caterpillar nach Japan.

Aber zur Sache: Wie mir Hans-Joachim Finger, Geschäftsführer Vertrieb und Einkauf bei Hubtex, versichert, ist die objektbasierte Navigation und die kamerabasierte Detektion des aufzunehmenden Langguts „nicht ganz so trivial“. Außergewöhnliches zu schaffen, erfordere Kreativität und Sorgfalt, Einmaliges zu schaffen dagegen Leidenschaft und Präzision. Und Einzigartiges wie den „PhoeniX AGV“ zu schaffen, erfordere Energie, Know-how und den Mut, es nicht wie alle anderen zu machen, erfahre ich aus einem Imagefilm, der über die riesige Leinwand flimmert. Überhaupt scheint bei Hubtex vieles in Bewegung zu sein: Zur in zwei Bauabschnitten hinzugekommenen neuen Produktionshalle wird Anfang Januar eine neue Elektrowerkstatt über zwei Etagen bezogen und ein 19.000 m² großes, direkt ans Werksgelände angrenzendes Freifeld hatte man sich auch gesichert – man weiß ja nie.

Kernkompetenz bleibt im Haus

Selbst wenn Hubtex das Thema Global Sourcing auf der Agenda hat: Im Vergleich zu anderen Maschinenbauern verfügt man über eine sehr tiefe Wertschöpfung in Fulda. „Es gibt Kernkompetenzen, wie zum Beispiel den Hubmast, der exklusiv bei uns gebaut wird“, sagt Finger. Oder auch Großteile von Rahmen, weil es da auf Maßhaltigkeit und Qualität ankomme und man sich das nicht aus der Hand nehmen lasse.

Mit dem „PhoeniX AGV“ konzentriere man sich jetzt auf den vollautomatischen Transport von langen, schweren und sperrigen Lasten. Für Geschäftsführer Finger gibt es gleich mehrere Herausforderungen, um in das Automatisierungsthema zu investieren. Finger spricht über Unternehmen, aber auch offizielle Stellen, die bei der Anschaffung von Flurförderzeugen nur noch in Richtung „Elektro“ und da fokussiert auf Lithium-Ionen-Geräte unterwegs sind.

Hans-Joachim Finger, Geschäftsführer: „Wir arbeiten ja heute schon mit teil- oder halbautomatisierten Systemen mit viel Fahrerassistenzsystemen – und jetzt gehen wir den nächsten Schritt.“
Hans-Joachim Finger, Geschäftsführer: „Wir arbeiten ja heute schon mit teil- oder halbautomatisierten Systemen mit viel Fahrerassistenzsystemen – und jetzt gehen wir den nächsten Schritt.“
(Bild: Maienschein)

Es gehe auch gar nicht darum, auf Kundenseite Mitarbeiter einzusparen. Vielmehr geht es darum, dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, der in der Logistik spürbar sei und sich in den nächsten Jahren noch verstärken werde. Finger: „Wir reden heute von spezialisierten Maschinen und nicht mehr nur von einem normalen Stapler.“ Kunden kämen vermehrt mit dem Ansinnen zu ihm, automatisiert mit dem Fahrzeug zu operieren, gleichzeitig bei Bedarf aber auch fahrergestützt zu arbeiten.

Hubtex-Marketingleiter Michael Röbig macht den Vorteil des „PhoeniX AGV“ anhand folgender Argumentation deutlich: Kunden, die vom Einschicht- auf den Zweischichtbetrieb wechseln wollten, müssten eigentlich massiv investieren. Diese Kunden möchten, wie beschrieben, die Möglichkeit nutzen, das Fahrzeug in der „Normalschicht“ per Fahrer zu steuern, es in der anderen Schicht aber „mannlos“ umherfahren zu lassen; selbst wenn das Unternehmen Einsatzbereiche hat, wo eine konsequente Automatisierung vielleicht noch gar keinen Sinn ergibt.

Der Invest muss sich rechnen

Das vor uns hin und her fahrende AGV – es ist keine Demomaschine, sondern entspringt einem realen Kundenauftrag – verzichtet auf Fahrerstand und Kabine. Bei diesem „PhoeniX AGV“ habe der Kunde bewusst zwei Schichten automatisiert. Sowieso eignen sich relativ große Kunden mit großen Flotten und hoher Umschlagleistung am besten für solche Automatisierungsprojekte, denn man benötigt eine gewisse Anzahl von Betriebsstunden, damit sich die Investition in solch eine Maßnahme auch wirklich lohnt. „Meistens sind das die großen Flotten. Aber die werden nicht von heute auf morgen umgesetzt, sondern dieser Prozess geschieht sukzessive: In diesem Jahr ein Fahrzeug, im nächsten Jahr ein anderes“, so Röbig.

Hubtex ist dabei, seine Produkte mit Themen wie Industrie 4.0 und Künstliche Intelligenz zu verknüpfen. Geschäftsführer Finger: „Wir arbeiten ja heute schon mit teil- oder halbautomatisierten Systemen mit viel Fahrerassistenzsystemen – und jetzt gehen wir den nächsten Schritt.“ Finger meint damit, dass die Automatisierung bei Hubtex viele Handlungsfelder hat: Nicht nur das Thema Technologie selbst, also beispielsweise, wie die Positionserkennung aussieht, müsse betrachtet werden. Thema Energiekonzept: Müssen es immer Lithium-Ionen-Batterien sein oder ist ein Batteriewechselsystem mit Blei-Säure-Akkus für eine Anwendung nicht sinnvoller?

Eigentlich gehe Hubtex immer nach dem gleichen Prinzip vor, tief in die Prozessanalyse hinein. Wie sind die Kundenprozesse, wann ist ein AGV sinnvoll? Das müsse schon in einer relativ frühen Phase abgesteckt werden. Wie hoch ist der Automatisierungsgrad der Produktion und inwieweit ist es überhaupt sinnvoll, demgegenüber die Logistik zu automatisieren?

Ganz wichtig sei die Inbetriebnahmephase für den Projekterfolg. Ein manuelles Fahrzeug liefere man in der Regel an, kurze Einweisung, kurze Installation der Ladestation und nach zwei Stunden fahre der Hubtex-Mann vom Hof. „Das ist hier nicht so“, sagt Marketingleiter Röbig, „da sind wir in der Regel drei, vier Wochen vor Ort, bis das System steht, um die ganzen Prozesse zu parametrisieren.“ ■

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