Langzeit-Lieferkettenproblem Lieferengpässe noch bis mindestens Mitte 2023 befürchtet!

Quelle: Pressemitteilung

Die Bundesvereinigung Logistik (BVL) ist nicht sehr optimistisch, wenn es um eine schnelle Beendigung der Rohstoff- und Lieferprobleme geht. Die Einschätzungen sorgen für Bauchschmerzen ...

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Der BVL-Vorstandsvorsitzende Prof. Dr.-Ing. Thomas Wimmer glaubt nicht, dass sich die angespannte Lage bei den Lieferketten schnell bereinigt. Vielmehr prognostiziert der Logistikexperte, dass die Probleme noch gut ein Jahr für Belastungen sorgen.
Der BVL-Vorstandsvorsitzende Prof. Dr.-Ing. Thomas Wimmer glaubt nicht, dass sich die angespannte Lage bei den Lieferketten schnell bereinigt. Vielmehr prognostiziert der Logistikexperte, dass die Probleme noch gut ein Jahr für Belastungen sorgen.
(Bild: BVL)

Der Vorstand der Bundesvereinigung Logistik (BVL) muss mit Blick auf die aktuellen Herausforderungen in den Lieferketten und bei der Beschaffung von Rohstoffen und Vorprodukten alle Gutgläubigen von ihrer rosa Wolke holen. Denn die BVL-Vorstände zeichnen einhellig ein düsteres Bild für den weiteren Jahresverlauf. Demnach sind alle bisherigen Prognosen noch deutlich zu optimistisch. Der BVL-Vorstandsvorsitzende Prof. Dr.-Ing. Thomas Wimmer etwa zeigte sich ernüchtert: „Die Einschätzungen unserer Vorstandsmitglieder aus Industrie, Handel und Logistikdienstleistung gehen deutlich über die bisher veröffentlichten Prognosen hinaus.“

Europa steuert auf ein nie gekanntes Szenario zu

Zu den Gründen für den Pessimismus gehört, dass etwa die Zahl der Schiffe, die vor Shanghai auf die Entladung warten, eine ganz neue Dimension angenommen hat. „Allein das wird die Wirtschaft massiv belasten“, glaubt Dorothea von Boxberg, Vorstandsvorsitzende von Lufthansa Cargo. Auch Josip T. Tomasevic, Senior Vice President bei der AGCO Corporation, warnt davor, dass da noch eine mächtige Welle auf die deutsche Wirtschaft zurollt. Selbst optimistisch gesehen, würden die Probleme demnach bis mindestens Mitte 2023 andauern. Die Lieferketten könne man zurzeit nicht kontrollieren. „Das wird Ausmaße annehmen und Verzögerungen nach sich ziehen, die wir so noch nicht erlebt haben“, ergänzt Tim Scharwath, CEO DHL Global Forwarding Freight, zu den trüben Aussichten.

Alte Staus von 2021 lähmen heute noch den Warenumschlag

BVL-Marktexperte Prof. Dr. Christian Kille vergleicht den Effekt mit einem Stau auf der Autobahn: „Selbst wenn der Schiffsstau vor Schanghai sich auflöst und die meisten Fabriken in China aus dem Lockdown gehen, wird es viele Monate dauern, bis sich die Lieferketten normalisieren.“ Das sei wie bei einem Stau auf der Autobahn, der sich weiterverbreite und aufschaukle, obwohl der eigentliche Grund für den Stau sich vorne längst aufgelöst habe. Bis also der Hinterlandverkehr wieder fließe und die Leercontainer den Weg zur nächsten Beladung gefunden hätten, würden Monate vergehen.

Das Beispiel USA zeigt nach Erfahrung der Experten, dass das Nadelöhr dabei einfach auf die Landseite schwenkt. Zwar sind irgendwann die Schiffe leer, aber dafür die Hafenflächen voll. Der Schiffsstau werde sich zudem zunächst auf die europäischen Häfen verlagern, weil diese dem Ansturm nach der Pause nicht gewachsen seien. Die Verzögerungen durch den Stau im Suezkanal durch die Evergiven und die kurzzeitig wegen Corona geschlossenen Terminals in China im Frühjahr und Mitte 2021 konnten nach Zahlen des Kiel Trade Indicator wohl bis heute nicht vollständig aufgelöst werden, verraten die Spezialisten.

Energiekrise und Rohstoffmangel spielen Skylla und Charybdis

Als größte aktuelle Gefahr bezeichnen die Experten einstimmig die Energiekrise und die Rohstoffknappheit. „Es gibt derzeit zwei Standortnachteile für Europa, die Ukrainekrieg und Energie heißen“, betont Tomasevic.

Eine regelrechte wirtschaftliche Vollbremsung ist das alles für Stephan Wohler, dem Vorstand bei Edeka Minden-Hannover, wenn es speziell um den Lebensmittelbereich geht. Nach einem guten 2021 machten die nun rasant steigenden Preise die Verbraucher nervös. Der Blick auf die sinkende Kaufkraft führe zu einer Konzentration auf Preiseinstiegsprodukte, weg vom Kauf bekannter Marken.

Auf die Folgen der Krise für Investitionen der öffentlichen Hand, insbesondere Infrastrukturprojekte, wies Dr.-Ing. Christian Jacobi, der Geschäftsführer von Agiplan, hin: „Rohstoffmangel und Kostensprünge sorgen dafür, dass geplante Bauvorhaben nicht realisiert werden oder sich verzögern.“ Auch die Investitionen des Staates würden sich verlagern, denn er könne auf Dauer nicht alle geplanten Maßnahmen bezahlen. Die Kriegsfolgen und Kompensationsprogramme aufgrund der Coronapandemie werden Jacobis Meinung nach dazu führen, dass Finanzierungstöpfe kleiner oder zeitlich gestreckt werden. Vielen Unternehmen droht aufgrund des Mangels an Vorprodukten und Rohstoffen sowie der hohen Energiekosten auch wieder die Kurzarbeit.

Lieferketten- und Rohstoffprobleme werden noch schlimmer

Bevor also vielleicht irgendwann in 2023 eine Besserung kommt, wird die Situation bei den Lieferketten und Rohstoffen in den nächsten Monaten deutlich schlimmer werden, ist man sich sicher. Darauf müssten sich Unternehmen und Verbraucher einstellen. Wimmer verwies darauf, dass nicht alle Unternehmen gleichermaßen betroffen sind. Denn wer frühzeitig sein Risikomanagement angepasst und zusätzliche oder alternative Lieferanten erschlossen hat, wenn die Beziehungen zu Reedereien und Speditionen langfristig gepflegt wurden und so noch Kapazitäten verfügbar waren, hat man es etwas besser. Aber letztendlich fahren alle zurzeit nur auf Sicht, schränkt Wimmer auch in diesem Punkt ein.

Unternehmen müssen unabhängiger werden! So geht`s:

Für die Zukunft müsse sich die Haltung vieler Unternehmen ändern, denn Unabhängigkeit, Flexibilität und Zuverlässigkeit würden immer wichtiger – das koste aber auch mehr. Wenn Unternehmen unabhängiger und autarker agieren sollen, seien außerdem Investitionen und Partnerschaften mit anderen in der Nähe notwendig, auch wenn es sich um bisher vernachlässigte Regionen handle. Das Argument der Wettbewerbsfähigkeit bei den Preisen ist, wie es weiter heißt, vor dem Hintergrund der Konkurrenz aus Fernost absolut nachvollziehbar. Deshalb sei die Änderung des eigenen Mindsets unabdingbar, um dabei zu hinterfragen, welche Verbesserungspotenziale sich noch heben ließen. Zu bedenken sei auch, dass kürzere Lieferstrecken sich zum Beispiel auch auf dem Weg zur Klimaneutralität auszahlten. Auch ermöglichen sie künftig eine leichter umsetzbare Kreislaufwirtschaft, merken die BVL-Experten abschließend an.

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