Lift-/Umlaufsysteme Liften statt heben

Autor / Redakteur: Sabine Vogel / Dipl.-Betriebswirt (FH) Bernd Maienschein

Aufseiten des Bedienpersonals von Lagerliften oder auch Umlaufsystemen ist in der Regel eine gewisse Gelassenheit spürbar. Doch Investoren und Anlagenbetreibern geht es um weitaus mehr als stressbefreites Wirken in einem sich aufgeräumt präsentierenden Arbeitsumfeld.

Firmen zum Thema

Die Bedienung der Lagerlifte erfolgt mittels Touchscreen über selbsterklärende Nutzeroberflächen.
Die Bedienung der Lagerlifte erfolgt mittels Touchscreen über selbsterklärende Nutzeroberflächen.
(Bild: SSI Schäfer)

Vereinzelt gibt es sie noch, etwa in Rathäusern meist älterer Bauart: Paternosteraufzüge zum Zweck des vertikalen Personentransports. Dieses Umlaufprinzip liegt auch Lagerliften zugrunde, die allerdings keinen permanenten Blick auf das „Fördergut“ zulassen. Vielmehr handelt es sich um in sich geschlossene Systeme, die praktisch den Lean-Gedanken in der Intralogistik bedienen. Demnach werden Lagerlifte respektive Umlaufsysteme unter anderem als platzsparende Lösung für die Lagerung von Kleinteilen auf Tablaren sowie deren Bereitstellung nach dem Prinzip „Ware-zur-Person“ beworben. Hinzu kommt, dass Laufwege verkürzt werden können. Es spricht also einiges dafür, dass sich die nicht gerade geringen Anschaffungskosten auf Dauer durchaus rechnen.

Bildergalerie
Bildergalerie mit 7 Bildern

Darauf setzt aktuell auch die Ekato Group am Hauptsitz in Schopfheim. Auf der Logimat 2019 hatte der Rühr- und Mischtechnikspezialist aus dem Schwarzwald den Intralogistikanbieter SSI Schäfer mit der Neustrukturierung des bestehenden Lagers beauftragt. Vorgesehen sind neben einer Regalanlage für Paletten acht Lagerlifte des Typs „Logimat“, die künftig auf etwa 750 m² Lagerfläche Artikel in variierenden Gewichts- und Höhenklassen vorhalten werden. Bereits Ende Juni 2019 soll die neue, teilautomatisierte und an SAP gekoppelte Systemlösung ihren Betrieb aufnehmen.

Prozesssicherheit punktet

Befragt nach den zentralen Vorteilen der Baureihe, deren Name unwillkürlich an die jährlich grüßende Stuttgarter Großveranstaltung erinnert, sagt Felix Lütkebomk, Leiter Produktsektor Dynamische Systeme bei SSI Schäfer: „Unser Lagerlift ,Logimat‘ besticht durch zwei zentrale Merkmale: die ergonomische Bedienung und seine Zuverlässigkeit. Dies ist für unsere Kunden sehr wichtig, denn Zuverlässigkeit bedeutet Prozesssicherheit. Mit dem ,Logimat‘ erreichen sie eine hohe Warenverfügbarkeit und hohe Liefertreue.“ Zudem habe man sich bei dem Design des Lagerlifts auf maximal machbare Robustheit verständigt, indem unter anderem das Antriebssystem mit einer Zahnstange realisiert wurde. Dank eines cleveren Behälterkonzepts könne der Nutzungsgrad des Lagerlifts um bis zu 50 % gesteigert werden. Dieser Aspekt erhöhe die Effizienz und beschleunige die Amortisation des Systems.

Gleichzeitig unterstreicht Lütkebomk, dass auch das durch den demografischen Wandel angetriebene Thema Ergonomie die Verbreitung von Lagerliften begünstigt. So erleichtere etwa die Funktion „LogiTilt“, über die das Tablar angewinkelt wird, die manuelle Entnahme selbst aus 800 mm Tiefe. Bei Investitionsentscheidungen stehe darüber hinaus die Software im Vordergrund. Die damit verbundenen Ansprüche in puncto Prozesssicherheit bediene SSI Schäfer mit „Wamas Logimat“. Über diese eigenentwickelte, mit offenen Schnittstellen versehene Software könne der Lagerlift in nahezu jede andere Systemlandschaft integriert werden. Nach Angaben des Unternehmens wird dabei gegenüber statischen Lagerlösungen bis zu 90 % weniger Fläche benötigt. Wegezeiten könnten um mehr als 70 % reduziert und die Pickleistung dank Automatisierung und ergonomischer Bauweise um über 20 % gesteigert werden.

Software gibt den Takt vor

Auch Dexion führt Lagerlifte im Programm. Der Anbieter aus dem hessischen Laubach adressiert speziell mit der unter dem vielversprechenden Namen „Tornado“ geführten Lösung das Thema „Batch-Picking – fehlerfreies Kommissionieren“. In Verbindung mit dem integrierten Pick-by-Light-System lassen sich bis zu 15 Aufträge zusammenfassen und parallel aus dem Lagerlift entnehmen. Diese werden in Folge den einzelnen Aufträgen zugeführt.

Im Zuge der mehrstufigen Kommissionierung dient eine individuell konfigurierbare Pick-to-Light-Leiste dem Zuteilen der Artikel auf die entsprechenden Bestellungen. Über das fünfstellige Display bestätigt der Bediener die zu entnehmende Menge per Taste und kann sie im Bedarfsfall auch korrigieren. Im Anschluss werden bereits die nächsten Artikel durch das Lagersystem bereitgestellt und den einzelnen Aufträgen zugeordnet, sodass praktisch keine Wartezeiten anfallen. Die einzelnen Anzeigeeinheiten der Pick-to-Light-Leiste kommunizieren mit dem Lagerverwaltungssystem „TCPlus“ von Dexion und sorgen für einen koordinierten Ablauf. Eigenen Angaben zufolge sei durch diese Kombination eine Steigerung der Pick-Rate um bis zu 50 % möglich.

Branchenkenntnisse von Vorteil

Rege unterwegs ist auch Kardex Remstar. Für Gérard Lacher, Regional Director Central Europe, New Business, ist eine ganzheitliche Betrachtung entscheidend für den Projekterfolg, die oftmals jedoch außer Acht gelassen werde. „Ich schaue mir den Materialfluss an, ich schaue mir den Informationsfluss an, aber auch die Ergonomie des Prozesses. Das Ganze wird zu einem einheitlichen Bild zusammengesetzt und stellt dann eine effiziente Lösung dar“, so sein Anspruch. Wichtig sei zudem eine branchenspezifische Sichtweise: „Jede Branche hat ihre eigenen Anforderungen, ihre eigene Sprache. Sehen wir zum Beispiel E-Commerce. Hier haben wir ein sehr heterogenes Artikelspektrum, einen hohen Umsatz; schnelle Reaktionszeiten und eine hohe Verfügbarkeit der Artikel sind gefragt.“

Bildergalerie
Bildergalerie mit 7 Bildern

Als Exempel für eine gelungene Umsetzung führt Lacher die Implementierung von sechs Lagerliften Megamat RS 350 bei dem dänischen Handelsunternehmen NiceHair.dk an, die durch die Power-Pick-Global-Software von Kardex Remstar gesteuert werden. In einer Schicht sollen auf diesem Wege zwischen 5000 und 6000 Auftragspositionen abgearbeitet werden können. Mithilfe verschiedener Kommissioniertechniken – wie etwa Batch-Picking, Pick to Clear und Colour-Picking – sei es zudem möglich, die Durchsatzleistung weiter zu erhöhen.

Marc Zenses, Senior Director Technical Portfolio Management, Technology bei Kardex Remstar, richtet den Fokus gleichzeitig auf Baukasten-basierte, automatisch betriebene Systeme. „In herkömmlichen Kleinteilelagern reichen oft standardisierte Lösungen vollkommen aus, um die Leistungsanforderungen der Kunden zu erfüllen. Geht man aber in spezialisierte Anwendungen, wie etwa Reinraum- oder klimageregelte Umgebungen, dann ist man sehr schnell bei einer notwendigen Automatisierung, um die Prozesssicherheit und -qualität sicherzustellen.“

Grundsätzlich seien die Produkte des Unternehmens auf Standard ausgelegt. Die Modulbauweise ermögliche es, darauf aufbauend individualisierte Lösungen bereitzustellen. Auf Grundlage des Shuttle XP hat Kardex Remstar zum Beispiel für ein führendes Wissenschafts- und Technologieunternehmen in der Pharma- und Chemiebranche eine klimatisierte, in Isolierzellen eingehauste Anwendung umgesetzt.

AR-basiertes Bedienkonzept

Der Lagerliftanbieter Hänel, Kooperationspartner von Viastore Systems, treibt hingegen gemeinsam mit dem Start-up „nxtBase“ die Nutzung von Augmented Reality (AR) und Wearable Computing in Logistik- und Fertigungsprozessen weiter voran. Nachdem bereits 2016 erstmals die Anbindung zweier Hänel-Lean-Lifte an SAP und ihre Steuerung über eine Datenbrille realisiert worden sei, soll die seither erfolgreich währende Zusammenarbeit mit „nxtBase“ nun auch auf internationaler Ebene vertieft werden.

Der Potsdamer Spezialist für AR-Produkte und Spracherkennung bietet mit „Q“ quasi eine Augmented-Reality-„To-go“-Lösung. Hierbei handelt es sich um eine Kombination aus Hard- und Software, mit der sich logistische Aufgaben, Schritt-für-Schritt-Anleitungen und/oder Qualitätsmanagement- sowie Maintenance-Prozesse sprachgesteuert mittels Datenbrille abarbeiten lassen. Handscanner und manuelle Eingaben entfallen. Stattdessen werden sämtliche Informationen direkt im Sichtfeld des Bedieners angezeigt. Aufgrund der visuellen Kontrolle des Fortgangs sollen Fehler gen null tendieren und die Auftragsabwicklung laufe deutlich beschleunigter ab. Zudem lasse sich eine derartige Intralogistiklösung inklusive Hänel-Steuerung mit integrierter SOAP-Schnittstelle mit überschaubarem Installationsaufwand in unterschiedlichste Lagerumgebungen einbinden. ■

(ID:45860103)