DHL-Zukunftsstudie Logistiker wagen den Blick in die Glaskugel

Redakteur: Robert Weber

Wie sieht die Welt im Jahr 2050 aus? Krieg um Rohstoffe, Megacitys und Protektionismus können uns blühen. Der Logistikriese Deutsche Post DHL wollte es genauer wissen und hat fünf Szenarien herausgearbeitet. Wir veröffentlichen Auszüge aus den Analysen der Logistikexperten.

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So sieht die Welt von morgen aus - zumindest wenn es nach der Post geht. Der KEP-Dienst hat fünf Szenarien herausgearbeitet. (Bild: Deutsche Post/Peskimo)
So sieht die Welt von morgen aus - zumindest wenn es nach der Post geht. Der KEP-Dienst hat fünf Szenarien herausgearbeitet. (Bild: Deutsche Post/Peskimo)

Wahrsagerinnen mit vielsagenden Namen wie Madame Kassandra oder Serafina erfreuen sich auf Jahrmärkten bei Groß und Klein enormer Beliebtheit. Auch so mancher Unternehmer würde wohl gerne einen Blick in die Zukunft riskieren und sich gegen Risiken der kommenden Jahre absichern. Die Deutsche Post wagt den Blick in die Glaskugel.

Nicht bei Serafina oder Kassandra, sondern gemeinsam mit Wissenschaftlern und Zukunftsforschern haben die Bonner Post- und Paketexperten fünf Szenarien für die Logistik 2050 herausgearbeitet. MM Logistik zitiert Auszüge aus der Zukunftsstudie des deutschen KEP-Dienstes und stellt die wichtigsten Szenarien kurz und knapp vor.

1. Szenario: Droht der Menschheit und dem Planeten der Kollaps?

In diesem Szenario herrscht das Paradigma des quantitativen Wachstums, eine nachhaltige Entwicklung wird abgelehnt. Durch den Abbau der Handelsschranken floriert der internationale Handel. Das Machtzentrum der globalen Wirtschaft hat sich nach Asien verlagert. Ein globales Transportnetz („Supergrid“) sorgt für einen raschen Güteraustausch zwischen den verschiedenen Konsumzentren.

Im Zuge des dramatisch fortschreitenden Klimawandels häufen sich die Naturkatastrophen und führen immer öfter zu Unterbrechungen der Lieferketten.

Die Welt ist von einem starken Anstieg der Nachfrage nach Logistik- und Transportleistungen geprägt. Unternehmen lagern Produktionsprozesse an Logistikunternehmen aus. Der Klimawandel hat zur Öffnung kürzerer und effizienterer Handelswege durch das arktische Eis geführt.

2. Szenario: Logistiklösungen für die neuen Megastädte

In dieser Welt sind Megastädte sowohl die Haupttreiber als auch die größten Gewinner eines Paradigmenwechsels hin zu grünem Wachstum, schreiben die Autoren. Den Herausforderungen der expandierenden städtischen Strukturen wie der Verkehrsüberlastung und Luftverschmutzung begegnen die Megastädte mit Kooperationen.

In Partnerschaft mit überstaatlichen Institutionen fördern sie den offenen Handel und globale Governance-Modelle. Der Logistikindustrie wird die Steuerung der Städtelogistik und städtischen Versorgung genauso anvertraut wie die Abwicklung der Systemleistungen für Flughäfen, Krankenhäuser, Einkaufszentren und Baustellen sowie Teile des öffentlichen Personennahverkehrs. Außerdem übernehmen Logistikanbieter die Steuerung der komplexen Logistikplanung und operativen Prozesse für modernste Fertigungsaufgaben, heißt es.

Im Gegensatz zur Situation in den Städten ist die logistische Versorgung der entlegenen ländlichen Gegenden schwach. In größeren Dörfern werden zentrale Abholstationen die wichtigste Zustellungsform für die Abholung von online bestellten Produkten.

3. Szenario: Ich bin einmalig und will konsumieren

Diese Welt ist geprägt von Individualisierung. Konsumenten können eigene Produkte erfinden, gestalten und entwickeln. Das führt zu einem Anstieg der regionalen Handelsströme – nur Rohstoffe und Daten gehen weiter um die Welt. Flankiert werden Individualisierung und regionale Produktionsstrukturen.

Neue Produktionstechnologien wie 3D-Drucker beschleuningen den Individualisierungstrend. Die zunehmende Bedeutung von 3D-Druck beeinflusst die Logistikindustrie: Logistikanbieter transportieren die Rohmaterialien für die Hersteller, liefern die 3D-Druckkartuschen, sammeln Altprodukte und recyceln diese.

Der Online-Fabbingmarkt selbst wird zu einem neuen Geschäftsfeld für einige Logistikanbieter. Aus Sicht der Logistikindustrie führt die Lokalisierung der Wertschöpfungsketten zu einem drastisch geringeren Bedarf für Ferntransporte fertiger und halbfertiger Produkte.

4. Szenario: Jeder kocht sein eigenes Süppchen

In dieser Welt ist die Globalisierung - ausgelöst durch wirtschaftliche Not und im Zuge eines ausgeprägten Nationalismus und Protektionismus – wieder rückgängig gemacht worden. Die Ressourcen sind knapp, die technische Entwicklung stagniert, die Volkswirtschaften straucheln. Die globalen Handelsvolumina sind zurückgegangen. Der Handel leidet aufgrund von unzureichenden Investitionen in den Ausbau und die Instandhaltung der Infrastruktur.

Der durchschnittliche Transportweg verkürzt sich. Die Seefracht verliert an Bedeutung. Die Bedeutung des regionalen Straßen- und Schienentransports hingegen nimmt zu. Die kürzeren und weniger komplexen regionalen Lieferketten mindern den Bedarf für ausgefeilte Logistiklösungen. Was viele als „Entwertung der Logistikindustrie“ bezeichnen, führt zu einem Rückgang der individualisierten Lösungen und zunehmend zu standardisierten Serviceleistungen. Starke regionale Anbieter entstehen.

5. Szenario: Infrastruktur ist gefragt

In dieser Welt wird zunächst durch eine günstige, automatisierte Produktion der Konsum angekurbelt. Die im Zuge des schneller fortschreitenden Klimawandels gehäuft auftretenden Katastrophen haben jedoch zu Störungen in den gestrafften Produktionsstrukturen und dadurch zu Lieferengpässen bei einer Vielzahl von Produkten geführt.

Im Mittelpunkt des neuen ökonomischen Paradigmas steht daher nicht mehr die Effizienzmaximierung, sondern die Reduzierung der Schwachpunkte und die Schaffung robuster Strukturen. Die sicherheitsbewusste Welt des Jahres 2050 mit ihren regionalen Handelsstrukturen braucht Logistikanbieter, die vor allem die Versorgungssicherheit gewährleisten.

Eine leistungsstarke Reserveinfrastruktur garantiert auch in instabilen Zeiten eine zuverlässige Transportabwicklung. Allerdings sind Reservekapazitäten kapitalintensiv und stehen im Widerspruch zur CO2-Minderung.

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