Maschinenbau in NRW

Maschinenbauer Nordrhein-Westfalens nutzen Chancen des Strukturwandels

04.05.2007 | Autor / Redakteur: Lothar Handge / Frank Fladerer

Maschinenbau-Know-how aus dem Land an Rhein und Ruhr ist weltweit gefragt. Nordrhein-westfälische Unternehmen wie Gildemeister gehören zu den Weltmarktführern. Hier die Montage eines Werkzeugmagazins eines Vertikal-Bearbeitungszentrums. Bild: Gildemeister
Maschinenbau-Know-how aus dem Land an Rhein und Ruhr ist weltweit gefragt. Nordrhein-westfälische Unternehmen wie Gildemeister gehören zu den Weltmarktführern. Hier die Montage eines Werkzeugmagazins eines Vertikal-Bearbeitungszentrums. Bild: Gildemeister

Nordrhein-Westfalen: Das größte Bundesland hat in seiner wechselhaften Vergangenheit viele Veränderungen erlebt. Die früher vor allem von Kohle und Stahl geprägte Region hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einem Land mit moderner Industrie- und Dienstleistungsstruktur entwickelt. Vom Strukturwandel blieb keine Branche unberührt. Auch der Maschinen- und Anlagenbau nicht.

Während sich die Umsätze in der Branche in den letzten Jahren erhöhten, ging die Zahl der Beschäftigten zurück. Kaum verändert hat sich in den vergangenen Jahren dagegen die Anzahl der Unternehmen in NRW. Hans-Jürgen Alt, Geschäftsführer beim Landesverband Nordrhein-Westfalen im Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA NRW): „Die Anzahl ist mit etwa 1 600 Unternehmen in der Branche seit etlichen Jahren relativ konstant.“

Von den Unternehmen, die früher die deutsche Stahlindustrie und den Bergbau beliefert haben, sind heute vor allem diejenigen noch im Geschäft, die „früh angefangen haben, weltweit zu exportieren und sich den Kundenwünschen in den Lieferländern anzupassen“, weiß Alt. Und nicht wenige Unternehmen aus NRW sind zu Weltmarktführern emporgestiegen. Deutsches Know-how ist weltweit gefragt – das gilt nicht nur für komplette Stahlwerke oder Chemieanlagen, sondern auch für spezielle Komponenten und Bausteine, mit denen selbst kleine Zulieferer ihre über Jahre und Jahrzehnte weiterentwickelte Kernkompetenz ständig neu unter Beweis stellen.

Der Maschinenbau lebt vom Export und auch kleine und mittelständische Unternehmen sind weltweit tätig, meint Alt: „Das ist die Stärke unserer Branche.“ Mit dieser frühen Internationalisierung hat der Maschinenbau den Strukturwandel nach Alt nicht nur bereits geschafft, „man kann sogar sagen, wir sind ein Vorreiter des Strukturwandels“.

Auch wenn 2006 der Inlandsabsatz erstmals seit langem wieder anzog, bleibt der Export das wichtigere Standbein für den Maschinen- und Anlagenbau in NRW. Über die Hälfte der Exporte geht in europäische Länder, rund ein Viertel nach Asien. „Die wichtigsten Abnehmerländer sind nach wie vor die USA, die Volksrepublik China, Frankreich und Russland“, so Dr. Reinhold Festge, Vorsitzender des Vorstandes beim VDMA NRW. Auch die Exporte nach Indien entwickelten sich in den letzten Jahren erfreulich. „Indien ist inzwischen auf Platz 11 der wichtigsten Abnehmerländer des NRW-Maschinenbaus gerückt“, erklärt Festge.

Innovativer Maschinenbau

„Der Maschinenbau in Nordrhein-Westfalen stellte 2006 wieder unter Beweis, dass er international wettbewerbsfähig ist“, meint Festge. Grundlage sind die technologischen Spitzenleistungen, die aufgrund einer permanenten Innovationstätigkeit weiterentwickelt werden. Profitiert habe man in NRW von einer breit ausgebauten Forschungslandschaft, „die uns unterstützt und neue Impulse gegeben hat“. Durch die von der Landesregierung eingeleiteten Veränderungen der Hochschullandschaft erhofft sich Festge weitere Verbesserungen und eine noch engere Zusammenarbeit. Erfreulich auch, dass der Maschinen- und Anlagenbau als einer von 16 Bereichen in die neue Clusterstrategie der Landesregierung aufgenommen wurde, die das Kabinett Anfang März 2007 verabschiedet hat. Festge dazu: „Der Maschinenbau ist nicht nur selbst ein großer Cluster, er integriert auch die Ergebnisse anderer Clusterbereiche, wie zum Beispiel Na-no-, Mikro- und Umwelttechnologien, in marktfähige Produkte und Anlagen.“

Über die Landesinitiative Bergbautechnik unterstützt die Landesregierung zudem die Aktivitäten der Bergbauzulieferunternehmen. Diese sind nach Angaben aus dem Ministerium für Wirtschaft, Mittelstand und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen auf zahlreichen internationalen Märkten präsent und in vielen Branchen Weltmarktführer. Allein im Bereich des Bergbaus unter Tage halten demnach deutsche Bergbauzulieferer einen Weltmarktanteil von 30%. Rund 80% der vor allem mittelständisch geprägten Unternehmen sind in NRW angesiedelt. Im Umfeld der Bergbauzuliefer-Industrie sind in NRW rund 25 000 Menschen in etwa 300 Unternehmen beschäftigt. Inwieweit sich der beschlossene Ausstieg aus der Steinkohle auf die Zukunft der Bergbauzulieferindustrie in NRW auswirkt, bleibt abzuwarten.

Global Player mit Milliardenumsatz

Rund 90% der Maschinenbauunternehmen in NRW sind kleinere und mittelgroße Firmen mit weniger als 250 Mitarbeitern. Daneben gibt es aber auch eine Reihe großer Global Player mit Tausenden von Mitarbeitern und Milliardenumsätzen. Diese sind in vielen Fällen Technologieführer und Premium-Anbieter in ihren Segmenten, die ihre Marktposition mit der Entwicklung innovativer Produkte halten oder ausbauen konnten.

Neben den Stahl-Aktivitäten spielt bei der Thyssen Krupp AG, Düsseldorf, der Maschinen- und Anlagenbau eine zunehmend wichtige Rolle. Im Konzernbereich Technologies vereinen sich unter dem Dach der Business-Unit „Mechanical Components“ Komponentenhersteller mit weltweit führenden Marktpositionen. Produziert werden Nocken- und Kurbelwellen, Präzisionsschmiede- und Gussteile sowie Ringe und Großwälzlager. Dazu kommen Laufwerke für Baumaschinen wie Bagger und Planierraupen. Die Business-Unit „Plant Technology“ umfasst den Spezial-/Großanlagenbau mit den Schwerpunkten Petrochemie, Chemie- und Zementanlagen sowie Förder- und Kokereitechnik.

ThyssenKrupp Elevator ist das drittgrößte Aufzugsunternehmen der Welt. Das Lieferprogramm umfasst Personen- und Lastenaufzüge, Fahrtreppen und Fahrsteige, Treppen- und Plattformlifte, Fluggastbrücken sowie den Service für die gesamte Produktreihe. Als einziger Aufzugsproduzent bietet man nach eigenen Angaben die komplette Produkt-Range für Personentransportsysteme an und ist damit besonders für Flughafenbetreiber ein gefragter Geschäftspartner geworden.

1999 entstand durch die Fusion der SMS Schloemann-Siemag AG mit dem Geschäftsbereich Metallurgie der Mannesmann Demag AG ein Verbund aus führenden Unternehmen der Hütten- und Walzwerkstechnik sowie der Rohr-, Profil- und Schmiedetechnik. Dr. Heinrich Weiss, Vorstandsvorsitzender der SMS-Group: „Der Unternehmensbereich SMS Demag ist weltweit führend im Flachstahlsektor und der Unternehmensbereich SMS Meer ist führender Anbieter von Rohrwalzwerken, Profilwalzwerken, Strang- und Schmiedepressen oder Anlagen zum induktiven Härten für die Stahl- und NE-Metallindustrie.“

Im Trend: Turnkey-Lösungen

Die Zukunft von SMS liegt in der Integration, meint Heinrich Weiss: „Beim Geschäft mit Neuanlagen lässt sich ein verstärkter Trend zu Turnkey-Lösungen feststellen. Dabei liefern wir unseren Kunden alles aus einer Hand – einschließlich der Elektrik und Automation.“ Dieses Angebot werde von den Kunden so gut angenommen, dass SMS die Bereiche Elektrik und Automation sowie Service konsequent weiter ausbaue. Hinzu kommt, dass das Auftragsvolumen aus dem mechanischen Teil der Anlagen relativ sinkt, sagt Weiss: „Unser Geschäft mit Elektrik und Automation und dem Service liefert hier den notwendigen Ausgleich.“

Nicht nur im Konzernbereich SMS Demag lebt der alte Mannesmann-Name weiter. Das Demag-Kranwerk in Wetter ging als Tochter des Mannesmann-Konzerns nach der Übernahme durch Vodafone an Siemens und danach an die amerikanische Investmentbank KKR. Nach der Zusammenführung der Demag Cranes & Components GmbH und Gottwald Port Technology GmbH (GPT) und dem Börsengang im Juni 2006 ist die Demag Cranes AG heute ein börsennotiertes unabhängiges Unternehmen. Demag Cranes sieht seine Kernkompetenz in der Entwicklung und Konstruktion technisch anspruchsvoller Krane und Hebezeuge sowie von automatisierten Transport- und Logistiksystemen in Häfen, der Erbringung von Serviceleistungen für diese Produkte und der Fertigung hochwertiger Komponenten.

Die Gildemeister AG in Bielefeld hat sich nach einer wechselvollen Geschichte zu einem der weltweit führenden Hersteller von spanenden Werkzeugmaschinen entwickelt. Zum Erfolg führte zum einen die rechtzeitige Ergänzung der traditionellen Technologien „Drehen“ und „Fräsen“ um moderne Zukunftstechnologien wie „Ultrasonic“ und „Lasern“ sowie um Hightech-Maschinen für hochkomplexe Fertigungsaufgaben. Zum anderen auch der Übergang zur industriellen Produktionsweise bei Low-Cost-Maschinen, die in großen Stückzahlen auf den Weltmärkten verkauft werden. Mit dem Verfahren zum ultraschallunterstützten Bearbeiten von hartspröden Werkstoffen, wie zum Beispiel Glas, technische Keramik oder Hartmetall, partizipiert man am Zukunftsmarkt der „advanced materials.“

Harry Junger, Geschäftsführer der Gildemeister Drehmaschinen GmbH, sieht das Unternehmen denn auch glänzend aufgestellt, um den aktuellen Strukturwandel in den Zielmärkten erfolgreich begleiten zu können: „Wir kommen traditionell aus dem Universalbereich und sind in den vergangenen Jahren mit einer hohen Innovationsgeschwindigkeit gezielt in die Segmente der Komplettbearbeitung und Automation hineingewachsen. Demnach kommt uns die Entwicklung in der Industrie hin zu kleineren Losgrößen im wahrsten Sinne des Wortes sehr entgegen.“

Zu den Weltmarktführern bei Komponenten der mechanischen und elektrischen Antriebstechnik zählt die Flender AG in Bocholt. Die Angebotspalette reicht bis zu komplexen Lösungen. Das Unternehmen plant, bis zu 80 Mio. Euro in einem Zeitraum von nur zwei Jahren in seine Standorte Bocholt, Mussum und Voerde-Friedrichsfeld zu investieren. Das damit gezeigte Vertrauen in den Standort Deutschland kommentiert Vorstandsvorsitzender Manfred Egelwisse: „Wir richten uns streng nach der Siemens-Strategie: Jeder Produktionsstandort muss seine Wettbewerbsfähigkeit immer wieder unter Beweis stellen. High-Tech am Standort Deutschland wettbewerbsfähig produzieren heißt die Herausforderung für uns.“

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