Warehouse Management Materialfluss für Ritter Sport wird selbst konfiguriert

Autor / Redakteur: Rainer Schulz / Dipl.-Betriebswirt (FH) Bernd Maienschein

Herstellerneutral und konfigurierbar – diese Anforderungen hatten für die Berater der CAL Consult aus Ede (Niederlande), einer 100%-igen Tochter der Nagel-Group, oberste Priorität bei der Auswahl der neuen Materialflussrechner-Software für das Ritter-Sport-Zentrallager in Reichenbach.

Anbieter zum Thema

Im Zentrallager von Ritter Sport sorgen ein Materialflussrechner und eine Lagerverwaltungs-Software der neuesten Generation für einen reibungslosen Ablauf.
Im Zentrallager von Ritter Sport sorgen ein Materialflussrechner und eine Lagerverwaltungs-Software der neuesten Generation für einen reibungslosen Ablauf.
(Bild: Ritter Sport)

Das Zentrallager für die quadratischen Schokoladentafeln wird seit 1999 von der Nagel-Group betrieben und wurde nun als erstes von mehreren Lagern auf einen neuen Materialflussrechner (MFR) und das hauseigene Lagerverwaltungssystem (LVS) CAL-WMS umgestellt. Jetzt kommen dort die MFR-Software Mat-Control und die Entwicklungs- und Testumgebung Mat-Studio Graphics der Sysmat GmbH aus Mainhausen zum Einsatz. Durch die hocheffizienten Test- und Simulationsfunktionen von Mat-Studio reduzierten sich die Testzeiten bei der Inbetriebnahme von geplanten zwölf auf lediglich sechs Wochenenden.

Vielfältige Anforderungen an die Materialfluss-Software

Der CAL Consult war es wichtig, die neue MFR-Software unabhängig von den Herstellern der bestehenden Anlagen integrieren und nach dem Pilotprojekt auch unabhängig vom Hersteller der Software den eigenen Anforderungen entsprechend selbst konfigurieren zu können. Darüber hinaus waren noch weitere Anforderungen an die Software im Fokus, die zunächst im Zentrallager des Markenschokoladenherstellers Ritter Sport zum Einsatz kommen sollte: Sie sollte Staustrecken verwalten können, mit Oracle-Datenbanken arbeiten und vom Hersteller unbefristet weiterentwickelt und unterstützt werden. Parallel gab es noch die Überlegung, selbst eine MFR-Software zu entwickeln. Die einfach zu bedienende Entwicklungs- und Testumgebung von Mat-Studio Graphics und die damit einhergehende Flexibilität sowie die kurzen Inbetriebnahmezeiten überzeugten die Projektverantwortlichen der CAL Consult letztendlich.

Nach nur sieben Tagen Schulung sind sie nun in der Lage, mittels der grafischen Entwicklungsumgebung von Mat-Studio den Materialflussrechner Mat-Control in weiteren Lagern zu implementieren und notwendige Änderungen an der Konfiguration von Anlage, Materialfluss und Strategien sowie von Kommunikation und Schnittstellen vorzunehmen. Die kurze Schulungsdauer ist darauf zurückzuführen, dass die Anwender für Mat-Studio Graphics keinerlei Programmierkenntnisse benötigen. Sämtliche Konfigurationen können per drag and drop beziehungsweise mit wenigen Mausklicks vorgenommen werden. Das Erstellen von Strategien gleicht dem Zeichnen eines Ablaufdiagramms. Ein für Mat-Studio Graphics entwickelter Algorithmus berechnet auf der Grundlage der grafischen Konfiguration den Großteil der notwendigen Parameter automatisch.

Temperaturgeführtes Zwischenlager schließt Reifeprozess ab

Ritter Sport produziert am Stammsitz im schwäbischen Waldenbuch täglich rund 2,5 Mio. Tafeln Schokolade, die in 95 Ländern der Welt verkauft werden. Jede dieser Schokoladentafeln wird aus dem Werk in Waldenbuch zunächst per Lkw in das hochautomatisierte, von der Nagel-Group betriebene Zentrallager in Reichenbach gebracht. Die Nagel-Group ist einer der führenden Spezialisten für Lebensmittellogistik in Europa und betreibt deutschlandweit über 300 individuelle Lagerprojekte. Die auf rund 700 Paletten angelieferte Ware wird zunächst nacheinander für eine genau definierte Dauer in zwei verschiedenen temperaturgeführten Bereichen zwischengelagert, um den Reifeprozess der hochwertigen Markenschokolade abzuschließen. Anschließend werden die Tafeln für den Verkauf an den Endverbraucher konfektioniert und – inzwischen auf 850 Paletten umgelagert – nochmals für ein definiertes Zeitfenster im temperaturgeführten Automatiklager eingelagert. Erst danach gelangt die Schokolade in den Warenausgang und von dort in den Versand. Trotz zahlreicher voll- und teilautomatischer Konfektioniermaschinen sind dafür in dem Lager in Reichenbach täglich rund 400 Nagel-Group-Mitarbeiter in drei Schichten im Einsatz.

Bildergalerie

Das temperaturgeführte Hochregallager mit insgesamt 16.078 Palettenplätzen besteht aus insgesamt acht Gassen mit Regalbediengeräten (RBG) von zwei verschiedenen Anbietern sowie Fördertechnik auf zwei Ebenen. Hierzu zählen vier I-Punkte, vier Vollauslagerstrecken und zwei Kommissionierbereiche mit 32 beziehungsweise 136 Palettenplätzen. Diese Anlage wurde vor der Umstellung auf CAL-WMS und Mat-Control ohne eigenständigen MFR gesteuert. Die Materialflusssteuerung wurde teilweise von der Anlagensteuerung und teilweise vom bisherigen LVS mitübernommen. Heute wird der Materialfluss der Anlage von Mat-Control gesteuert, CAL-WMS ist über eine Standardschnittstelle an den MFR angebunden.

Projektspezifische Programmierung ist nicht mehr notwendig

Im Verlauf einer siebentägigen Schulung im Oktober 2012 wurden zunächst die beiden Softwareprodukte und die Oracle-Datenbanken auf den Servern der CAL Consult und des Ritter-Sport-Lagers installiert. Anschließend erfolgte die systematische Erarbeitung der Funktionen von Mat-Control und Mat-Studio sowie die Abbildung aller Anlagenkomponenten, Wegstrecken und Strategien im System. Auf dem Programm stand außerdem die Konfiguration von Schnittstellen – insbesondere zum bisherigen LVS, zu CAL-WMS und zur Anlage. Am letzten Schulungstag ging es schließlich darum, die erstellten Anlagenkonfigurationen mittels der umfassenden Testfunktionen und Möglichkeiten der Anlagensimulation in Mat-Studio Graphics zu überprüfen und zu optimieren. Die Materialflusssteuerung war nach diesem Workshop bereit für reale Tests mit der Anlage. Da durch Mat-Studio Graphics keine projektspezifische Programmierung mehr notwendig ist, können die Konfigurationen innerhalb von eineinhalb Wochen im Rahmen einer Schulung von den Anwendern selbst erstellt werden. Üblicherweise dauerte die projektspezifische Programmierung je nach Lager bisher mindestens vier bis sechs Wochen.

Jetzt Newsletter abonnieren

Verpassen Sie nicht unsere besten Inhalte

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung.

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung

Im Dezember 2012 führte die CAL gemeinsam mit den Verantwortlichen der Niederlassung und dem Geschäftsbereich Kontraktlogistik der Nagel-Group-Zentrale an drei Wochenenden die realen Tests mit der Anlage und für die Anbindung des bisherigen LVS durch. Die Firma Sysmat unterstützte die CAL dabei lediglich bei Bedarf. Am dritten Wochenende fand außerdem das Go-live der Anlage unter dem bisherigen LVS statt. Im März und April 2013 richtete die CAL dann die Kommunikation zwischen dem Materialflussrechner Mat-Control und dem neuen Lagerverwaltungssystem CAL-WMS ein und prüfte diese ausgiebig im Testmodus von Mat-Studio Graphics. Das Softwaretool bietet hier umfangreiche Visualisierungsfunktionen, sodass die CAL-Mitarbeiter für die Tests ihr Büro nicht verlassen mussten.

Für den laufenden Betrieb war dies ein Vorteil, da das Lager für diese Trockentests sozusagen nicht angefasst werden musste. Die realen Tests mit der Anlage unter CAL-WMS konnten an nur drei Wochenenden durchgeführt werden. Eine Funktion des Testmodus von Mat-Studio, die in diesem Fall nicht zum Einsatz kam, jedoch generell noch eine weitere Zeitersparnis ermöglicht, ist die automatische Generierung von Testaufträgen durch die Software. Das zeitaufwendige manuelle Erzeugen von Testaufträgen sowie die manuelle Wiederherstellung des Ursprungszustands der Anlage entfallen.

Am dritten Testwochenende im Ritter-Sport-Lager Ende Mai 2013 fand dann nur noch ein letzter Massentest statt, am 31. Mai 2013 erfolgte das endgültige Go-live von CAL-WMS. Durch die ausgiebige Nutzung der Testfunktionen im Vorfeld gab es nach dieser außergewöhnlich kurzen Testphase mit der Anlage keine Behinderungen oder einen Lieferverzug im laufenden Betrieb. ■

* Rainer Schulz ist Geschäftsführer bei der Sysmat GmbH in 63533 Mainhausen, Tel. (0 61 82) 82 65-8 03, info@sysmat.de

(ID:42480960)