Intralogistik Materialfluss lässt Kunden vor Glück schreien

Autor / Redakteur: Markus Henkel / Dipl.-Betriebswirt (FH) Bernd Maienschein

Im polnischen Gryfino hat Zalando Anfang Januar 2019 ein neues Fulfillment-Center eröffnet. Im Logistikzentrum werden mithilfe modernster Intralogistik Aufträge aus Polen, Deutschland, Österreich und Skandinavien bearbeitet. Der eingesetzte Materialflussrechner (MFR) von Dr. Thomas + Partner (TUP) übernimmt neben den Transportaufgaben auch die Steuerung und Optimierung der Materialströme der gesamten Lagertechnik.

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Arbeitsplatz an einer der fünf Wareneingangslinien – „TUP.MFC“ steuert und optimiert im Wareneingang (WE) das Routing zu den entsprechenden Lagerplätzen.
Arbeitsplatz an einer der fünf Wareneingangslinien – „TUP.MFC“ steuert und optimiert im Wareneingang (WE) das Routing zu den entsprechenden Lagerplätzen.
(Bild: TUP)

Im August 2016 begann Zalando im polnischen Gryfino damit, einen neuen Distributionsstandort zu errichten, um das Versandgeschäft europaweit zu stärken. In einer Sonderwirtschaftszone nahe Stettin entstand so das zehnte Warenlager und somit vierte Greenfield-Projekt des Unternehmens. Seit Dezember 2018 ist das Logistikzentrum in Betrieb und nachdem nun die Stabilisierungsphase abgeschlossen ist, wird es Zeit für eine Projektübersicht.

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Auf dem 130.000 m² großen Gelände befinden sich vier Logistikhallen, in denen hochmoderne Fördertechnik installiert ist. Am Standort Gryfino werden sämtliche Warenflüsse vom Warehouse-Control-System „TUP.MFC“ gesteuert. Der Materialflussrechner ist individuell auf die Bedürfnisse von Zalando zugeschnitten. Und obwohl der „TUP.MFC“, wie bereits erwähnt, an vier Standorten zum Einsatz kommt, ergeben sich softwareseitig zwischen den verschiedenen Lägern immer wieder technische Raffinessen – auch weil sich die Fördertechnik hinsichtlich des Automatisierungsgrads sowie die logistische Ausrichtung standortbedingt unterscheidet. „In jedem Projekt, das wir bei TUP realisieren, lassen wir unsere Erfahrungen aus vergangenen Projekten mit einfließen. So stellen wir sicher, dass der Kunde stets das beste Ergebnis aus Erfahrung und neuen Erkenntnissen erhält“, erläutert Stefan Fehrenbach, Projektleiter bei TUP und verantwortlich für die Implementierung der Software bei Zalando.

Zalando Gryfino: mehr als nur Materialfluss

„Erfahrungsgemäß kommen standardisierte Materialflussrechner schnell an ihre Grenzen; gerade, wenn ein hoher Grad an Automatisierung notwendig ist und dadurch weitere Aufgaben übernommen werden müssen. Dies ist ein Grund, warum ,TUP.MFC‘ mehr Prozesse koordiniert als nur den klassischen Materialfluss“, hebt Stefan Fehrenbach die erweiterten MFR-Funktionen hervor. So koordiniert das bei Zalando installierte Materialflusssystem auch den Sorter, die Etikettieranbindung sowie die Shuttle- und Batchverwaltung. In der Praxis steuert der „TUP.MFC“ also nicht nur die Materialflüsse innerhalb der Fördertechnik. Er organisiert gleichzeitig auch die Versorgung aller Bedarfsstellen mit leeren Wannen, sorgt für die richtige Zuführung gespeicherter Wannen im Shuttle zu den Packplätzen und hilft bei der Etikettierung der Versandpakete bei gleichzeitiger Steuerung des Warenausgangssorters. „,TUP.MFC‘ ist demnach ein zentrales Element, um Zalos – das Warehouse-Management-System (WMS) von Zalando – mit den unterlagerten Steuerungen zu verbinden“, ergänzt Fehrenbach.

Optimus-Sorter, Batchbildung, hohe Durchsätze

Bevor die Ware kommissioniert und europaweit an die Kunden versendet werden kann, muss sie zunächst ins Lager gelangen. Dies geschieht über fünf Wareneingangslinien. Hierbei übernimmt „TUP.MFC“ Steuerung und Optimierung des Routings zu den entsprechenden Lagerplätzen. „Bei der Einlagerung wird dem Materialflussrechner vom Warehouse-Management-System eine mögliche Einlagerungszone vorgeschlagen. Er wählt die für ihn geeignetste Einlagerung automatisch aus und routet die dafür vorgesehenen Wannen direkt dorthin“, sagt Stefan Fehrenbach. Und was über die fünf Wareneingangslinien ins Lager bewegt wird, muss das Lager am Ende auch wieder verlassen. Hierfür setzt Zalando vier Sortiermaschinen, sogenannte Push-Sorter für Items, aus dem Hause Optimus ein. Dabei ist hervorzuheben, dass die Steuerung der Optimus-Sorter kein unbedeutender Vorgang ist. So gibt es insgesamt vier Sorterlinien, die individuell und dynamisch teilbar sind, sodass bis zu acht Batches gleichzeitig sortiert und gepackt werden können – inklusive dynamischen Batchwechsels und variabler Packplatzzuordnung.

Die vier Optimus-Sorter können speziell bei der Batchbildung punkten, bei gleichzeitiger Berücksichtigung der richtigen Batchreihenfolge. „Dazu muss der Materialflussrechner die Waren der jeweiligen Batches zusammenhängend, rechtzeitig und vollständig an die Sorter andienen“, erklärt Fehrenbach. Das Besondere: Die Sorter selbst können jeweils vollständig oder auch nur einseitig genutzt werden. Die einseitige Nutzung im sogenannten „Splitmode“ bietet sich beispielsweise bei kleinen Accessoires an, speziell um den Durchsatz zu erhöhen. Im „Splitmode“ kann es somit vorkommen, wie oben bereits erwähnt, dass der Materialflussrechner bis zu acht Batches gleichzeitig bearbeitet. „Damit erreichen wir einen hohen Grad an Parallelisierung von Prozessen und Meldungen, sprich: Der Materialflussrechner ist in der Lage, im Bereich von Millisekunden etliche Entscheidungen zu treffen“, so Projektleiter Fehrenbach weiter.

Staus in der Intralogistik vorbeugen

Ähnlich wie im deutschen Zalando-Logistikzentrum in Lahr werden auch in Gryfino zwei der vier Hallen für die Kommissionierung verwendet. Dort übernimmt das System von TUP die Steuerung der Zu- und Abführstrecken mit Verteil- sowie Technik-Loop. In einer Technikebene werden Wannen über den Verteil-Loop in die Kommissionierzonen bewegt. Es werden Behälter zu den jeweils fünf Kommissionierbahnhöfen pro Ebene befördert und dann dort von den Mitarbeitern Artikel in die Behälter kommissioniert. Die Technik-Loops bedienen ebenfalls zwei bis drei Vertikalförderer. Insgesamt gibt es fünf Vertikalförderer, die, gesteuert vom „TUP.MFC“, dafür sorgen, dass Behälter verteilt werden. Dabei handelt es sich um parallele Heber mit zwei Lastenaufnahmemitteln für je zwei Wannen. So können pro Stunde Behälter im vierstelligen Bereich über die Ebenen verteilt und den Mitarbeitern zur Kommissionierung zur Verfügung gestellt werden. Zwei Wannenpuffer, bestehend aus zwei Modulen mit je 13 Shuttles pro Modul und den dazugehörigen Verteil- und Sammel-Behälterfördertechniken, trennen den Inbound- vom Outbound-Bereich. Damit wird Staus in den intralogistischen Abläufen vorgebeugt, Engpässe und Leerlauf werden vermieden sowie Waren für die Weiterleitung gesammelt.

Mehrsprachigkeit: Herausforderung der Internationalisierung

Das Fulfillment-Center nahe Stettin an der deutsch-polnischen Grenze ist der größte Logistikstandort von Zalando in Polen und beschäftigt jetzt schon 1000 Mitarbeiter. Weil die Belegschaft in der Grenzregion zwischen Polen und Deutschland international aufgestellt ist, wurden sämtliche intralogistischen Prozesse mehrsprachig realisiert. Die derzeit verfügbaren Sprachen sind Polnisch, Deutsch und Englisch. „Jeder Mitarbeiter kann online zwischen den im System verfügbaren Sprachen wechseln“, erläutert Stefan Fehrenbach. Dies ist auch ein Vorteil bei der Wartung des Systems.

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Fehrenbach weiter: „Der gleiche Dialog kann in verschiedenen Sprachen nebeneinander angezeigt werden. Dadurch kann unser Support einen Sachverhalt beispielsweise in Deutsch sehen, während der Techniker vor Ort ihn in seiner Muttersprache angezeigt bekommt. Das ermöglicht eine gute und schnelle Fehlerbehebung, auch im Remote-Modus.“ Die Übersetzungen selbst werden am Standort von Zalando gepflegt und können laut Fehrenbach, neben den drei erwähnten, unzählig viele andere Sprachen beschreiben. Damit ist sichergestellt, dass das polnische Fulfillment-Center in Zeiten des schnelllebigen und internationalen E-Commerce-Geschäfts jederzeit die Aufträge der Onlinekunden erfüllen kann. „TUP.MFC“ trägt maßgeblich dazu bei. ■

* Dipl.-Fachjournalist Markus Henkel ist Head of Content bei der Dr. Thomas + Partner GmbH & Co. KG in 76297 Stutensee, Tel. (07 21) 78 34-0, redaktion@tup.com

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