Interview mit Philip Bellm von Captron „Mit Captron Solutions wollen wir Effizienz steigern und dadurch Kosten senken“

Von Kipar Sandro

Philip Bellm, CEO von Captron, erklärt im Interview, was das Ziel der neuen Marke Captron Solutions ist, wie das Pick-by-Light-System One Grid die Kommissionierung in Unternehmen optimieren kann und wie Captron die Corona-Pandemie erlebt hat.

Anbieter zum Thema

Philip Bellm, CEO von Captron.
Philip Bellm, CEO von Captron.
(Bild: Captron)

Im November 2021 hat Captron seine neue Marke Captron Solutions zusammen mit dem Pick-by-Light-System One Grid vorgestellt. Auf der SPS 2021 in Nürnberg hätte die Marke und das neue System für die Warenkommissionierung einer breiten Öffentlichkeit präsentiert werden sollen, doch die Corona-Pandemie sorgte dafür, dass die Messe abgesagt werden musste. Mehrere Wochen nach der Absage haben wir mit Philip Bellm, CEO Captron, über Captron Solutions, One Grid, Open Industry, digitale Transformation und die Auswirkungen der Pandemie auf die Industrie gesprochen.

Herr Bellm, Ende November 2021 wurde die neue Marke Captron Solutions vorgestellt. Wie kam es zur neuen Captron-Marke?

Wir haben 2018 ein Projekt mit Amazon gestartet, was so gesehen zu der Idee einer neuen Captron-Sparte für Intralogistics und Softwarelösungen führte. Captron ist bekannt für HMI-Module, die sehr robust sind und eine hohe Qualität haben. Amazon hat solche für die Pick-by-Light-Anwendungen bei den Kommissioniersystemen in ihren Fulfillment-Centern gesucht. Die bisher eingesetzten mechanischen Taster waren dort sehr fehleranfällig. Bei uns hat Amazon dann eine Lösung entdeckt, deren Realisierung ich damals mit begleitet habe. Diese Lösung ging über das normale Tastverhalten hinaus und beinhaltete zusätzlich eine Kommunikationsschnittstelle. Unser Auftrag beschränkte sich dabei auf die Firm- und Hardware der Taster, die Software übernahm Amazon selbst. Das Projekt war sehr zeitintensiv, denn wir wurden in kürzester Zeit in jedem Fulfillment-Center weltweit eingesetzt. Es hat deshalb etwas gedauert, bis wir unsere Intralogistics-Lösung zu einer Sparte mit entsprechender Marke weiterführen und schärfen konnten. 2021 haben wir schließlich Captron Solutions gegründet.

Seit der offiziellen Vorstellung der Marke sind nun ein paar Wochen vergangen. Wie ist der aktuelle Stand bei Captron Solutions?

Mit Captron Solutions wollen wir uns zusätzlich zum Dienstleister für digitale Prozesslösungen entwickeln, während wir mit Captron Technologies weiter unseren Markenkern Sensorik stärken wollen. Das Team von Captron Solutions hat schnell Fahrt aufgenommen und bereits mehrere Projekte abgeschlossen. Wir befinden uns aber noch am Anfang und haben noch Großes vor.

Wie groß ist das Team denn mittlerweile?

Wir haben im vergangenen Jahr in Polen eine Firma gegründet, die sowohl Vertriebsbüro für Polen und Osteuropa ist, als auch unser Software-Kompetenzcenter bildet. Dort haben wir mittlerweile vier Software-Entwickler, die zum Team Captron Solutions gehören. Hier im Haus gibt es zwei weitere Software-Entwickler sowie Sales, Projekt- und Produktmanagement.

Philip Bellm, CEO Captron

Philip Bellm war ab 2006 als Produktmanager für Captron tätig. 2011 übernahm er die Vertriebsleitung und gründete 2012 den Standort China, 2017 eine Niederlassung in den USA und 2020 eine weitere in Polen. Seit 2016 ist er als geschäftsführender Gesellschafter in der zweiten Generation tätig. Im Januar 2021 übernahm er den Vorsitz der Geschäftsführung als CEO.

Sie haben davon gesprochen, dass die Entwicklung von Captron Solutions noch nicht abgeschlossen ist. Was sind denn die Pläne für 2022?

Wir haben uns bei Captron schon vor einiger Zeit gefragt: wo können wir uns selbst digitalisieren? Klar, man kann Papier einsparen. Uns ging es aber eher um Lösungen für Probleme in der eigenen Fertigung und Logistik. Mit geringen Mitteln haben wir es geschafft, durch Digitalisierungsprojekte beziehungsweise softwareunterstützende Prozesse mittels Pick-by-Light-Systeme unsere Prozesse zu optimieren. Unser Ziel für 2022 ist es, mit diesen Erfahrungen den produzierenden Mittelstand in Deutschland bei der Digitalisierung zu unterstützen. Da wir schon seit vielen Jahren Komponentenlieferant für den Maschinen- und Anlagenbau sowie andere produzierende Unternehmen sind, möchten wir an diesen Geschäftsbeziehungen anknüpfen und unsere Unterstützung anbieten. Wir hatten bei Captron ja mit der Digitalisierung dieselben Prozessschmerzen und können deshalb auf Augenhöhe die Probleme der Kunden verstehen und wissen, wo angepackt werden muss.

Auf welche Probleme stoßen die Unternehmen denn bei der digitalen Transformation?

Oft ist es der Mut zur Veränderung. Fehlendes Fachwissen oder die Ungewissheit über die Kosten und Konsequenzen hemmen die Digitalisierungsambitionen häufig. Da ist es uns wichtig, die Erfahrungswerte von Captron zu teilen und schrittweise vorzugehen. Viele Mittelständler haben darüber hinaus nicht die nötige IT-Infrastruktur und Ressourcen, um bestimmte Projekte umzusetzen. Wir haben eine erfahrene IT-Abteilung, die bei den Projekten immer involviert ist und mit der wir die Digitalisierung unterstützen und begleiten können. Unser Team kann etwa den Aufbau und die Konfiguration von Server und Wifi-Netzwerken übernehmen oder sogar den Schritt in die Cloud begleiten und umsetzen.

Die Hürden für die digitale Transformation und Industrie 4.0 sind allerdings groß, gerade für KMU…

Es ist oft so, dass sich Unternehmer durch die Buzzwords und Themen, die man in den Medien hört, gezwungen fühlen den Ansprüchen einer Industrie 4.0 gerecht zu werden. Viele KMUs stecken aber noch tief in der Industrie 3.0 und können sich das noch nicht leisten, weil der Mehrwert oft, abgesehen von der PR vielleicht, gar nicht so groß ist, wie man glaubt. Wir haben bei Captron selbst gemerkt, dass auch kleine Digitalisierungsprojekte schon einen riesigen Mehrwert haben können, auch wenn man da noch nicht von Industrie 4.0 sprechen würde. Mit minimalem Aufwand kann hier also auch maximaler Erfolg erzielt werden. Das wollen wir angehen, hier wollen wir mit Captron Solutions unseren Kunden digitale Lösungen vorschlagen. Dabei kann es um Prozessrisiken, IT-Sicherheit, Ergonomie oder papierloses Arbeiten gehen. Es gibt in diesem Bereich viele Punkte, die man aufgreifen kann.

Jetzt Newsletter abonnieren

Verpassen Sie nicht unsere besten Inhalte

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung.

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung

Mit Captron Solutions wurde auch das One Grid System vorgestellt. Was macht dieses System besser als die Konkurrenz?

Bei One Grid handelt es sich zunächst um ein System für die Waren-Kommissionierung, das aus verschiedenen Hardwarekomponenten und einer modularen Prozess Software besteht, die auf der neusten IT-Software Architektur entwickelt wurde. Zu bisherigen Pick-by-Light-Systemen unterscheidet sich One Grid vor allem durch unsere HMI-Module. Diese bestehen nicht aus mechanischen Tastern, sondern aus kapazitiven Tasten. Das heißt, eine reine Berührung reicht aus, um den Pick-Prozess zu bestätigen. Diese Produkte produzieren wir schon seit den 90ern für die Verkehrstechnik, sie sind also entsprechend einsatzgeprüft und robust.

Was hat das für einen Vorteil?

Durch die große Tastfläche - inklusive RGB Beleuchtung - kann der Pick- oder Put-Prozess sehr schnell und zielgerichtet bestätigt werden, ohne dass der Taster gesucht werden muss. Das spart viel Zeit und erhöht die Effizienz. Der Taster ist voll vergossen und damit extrem belastbar und ausfallsicher, die Uptime somit also sehr hoch. Zudem ist ein Display im Taster integriert, sodass der Mitarbeiter gleich die Stückzahl erkennen kann. Darüber hinaus haben wir auf die neueste IT-Software-Architektur gesetzt, um auch skalierbar zu sein. Unser Anspruch war es immer, dass wir mit unseren Kunden wachsen. Dabei ist es wichtig eine Lösung zu schaffen, die sich an die Bedürfnisse und die Strukturen der herstellenden Unternehmen anpassen kann. Daher haben wir mithilfe neuester Software-Architektur mehr Skalierbarkeit und Flexibilität geschaffen. Als Unternehmer ist es sehr ärgerlich festzustellen, dass die aktuelle Software für Expansion und Strukturwandel nicht mehr ausreicht und eine neue angeschafft werden muss. Da spreche ich aus eigener Erfahrung. Es ist deshalb immer gut, wenn Systeme sich anpassen können. Deswegen haben wir ein sehr modulares und Cloud-fähiges Softwaresystem entwickelt, das sich an die Bedürfnisse und das Wachstum unserer Kunden anpassen kann.

Captron Solutions verspricht Optimierungen für die Kommissionierung eines Unternehmens. Wie kann ein Unternehmen sich die Umsetzung dieses Versprechens genau vorstellen?

Zuerst analysieren und hinterfragen wir die bestehenden Prozesse. Wie arbeitet das herstellende Unternehmen momentan in der Lieferkette? Welche Arbeitsschritte sind aktuell notwendig? Wo startet der Prozess, wo hört er auf, welche Abteilungen sind verbunden, wie sind die Warentransfers? Danach wollen wir feststellen, wo bei einer Optimierung der größte Mehrwert gewonnen wird. Es ist nicht immer gut, alles zu verändern, nur damit es verändert wurde. Ganz wichtig sind dabei die Personen, die am und direkt im Prozess mitarbeiten. Deshalb sprechen wir auch mit den Mitarbeitern vor Ort und fragen nach: wie wird dieser oder jener Arbeitsschritt gemacht? Warum wird er ausgerechnet so gemacht? Die Analyse und die Informationen sind ein Grundbaustein für die Optimierung, um gemeinsam mit dem Kunden herauszufinden, wo Zeit liegen bleibt und wo Fehler entstehen um den größten Mehrwert zu generieren.

Wäre eine Teilimplementierung Ihres Systems denn möglich?

Absolut. Das ist ja Teil unseres Konzepts, auch kleine Lösungen zur Digitalisierung anzubieten. Wenn es keine Schnittstelle zum ERP braucht und eine Insellösung ausreicht, können wir das so individuell bereitstellen. In dem Punkt sind wir flexibel und schlagen diese Vorgehensweise in manchen Anwendungen auch vor. Da braucht es nicht immer eine komplette Integration.

Laut Captron ist One Grid plattformunabhängig und Open Industrie 4.0 kompatibel. Welchen Vorteil versprechen Sie sich davon und welchen Vorteil hat der Kunde?

Wir haben uns kurz nach der Gründung der Open Industry 4.0 Alliance 2019 mit den Gründungsmitgliedern in Verbindung gesetzt, weil wir gesehen haben, dass das eine Chance ist, um dem Kunden über ein Partnernetzwerk noch mehr Lösungen anbieten zu können. Der Gedanke drehte sich damals vor allem um unsere Sensorik und ganzheitliche Lösungen für den Maschinen- und Anlagenbau. In der OI4 haben sich mittlerweile verschiedene Arbeitsgruppen gebildet, eine davon auch im Intralogistik-Bereich. Da haben wir die Möglichkeit gesehen, uns mit einzubringen. Ziel ist es dabei, die Integrationsgeschwindigkeit unserer Lösungen zu erhöhen und flexibler zu sein. Die Ideen gehen da vom Datenaustausch auf der Edge Ebene bis zum digitalen Zwilling in der Cloud. Wir würden uns wünschen, dass die Entwicklungen rund um Open Industry schneller voran gehen, dafür braucht das Netzwerk aber noch mehr Partner. Dennoch gibt es schon Testläufe und erste Fortschritte, jedoch wird es noch etwas dauern.

Und der konkrete Mehrwert für den Kunden?

Er kann die Effizienz in seinen intralogistischen Prozessen verbessern – und das bei einer sehr schnellen Integration. Das heißt, der Kunde hat dann einen Hauptpartner und kann durch dessen Partnernetzwerk auf mehrere Module zugreifen – sowohl auf Hardware als auch auf Software. Die Bandbreite kann sich da über mehrere Produkte wie Waagen, PCs, Scanner oder Terminals erstrecken, die alle miteinander kommunizieren können. Das ermöglicht die übergreifende Vernetzung aller Daten und eine viel schnellere und kostengünstigere Integration.

Die neue Marke Captron Solutions scheint an das One Grid System gekoppelt zu sein. Kann man da noch mehr Produkte in der Zukunft erwarten?

Das Leistungsspektrum bei Captron Solutions ist nicht auf One Grid limitiert. Der Fokus ist die Prozess-Lösung. Mit Captron Solutions wollen wir Effizienz steigern und dadurch Kosten senken. One Grid beinhaltet dabei eine Produktlösung, aber unser Angebot ist noch weitreichender. Das bedeutet, dass wir auf die Problemstellung eingehen und gemeinsam mit dem Kunden überlegen, welche Lösung – etwa mit HMI oder anderen Sensorsystemen – zum Tragen kommen sollte. Dabei kommen auch Third-Party-Produkte in Frage.

Das heißt, Captron Solutions bietet auch Lösungen unabhängig von One Grid an?

Richtig, wenn man One Grid von der Hardware-Seite betrachtet. Die Software ist allerdings schon Dreh- und Angelpunkt und das Kernelement um Prozesse zu vernetzen. Die Hardwareprodukte an sich sind dagegen sehr flexibel aufgestellt.

Wir sind jetzt im dritten Corona-Jahr, Produktion und Logistik mussten sich völlig neuen Herausforderungen und Problemen stellen. Wie hat Captron die Pandemie bisher erlebt?

Wir konnten die Pandemie bisher sehr gut meistern, da wir stets unseren Pandemieplan an die neuen und ständig geänderten Situationen anpassen. Die unter anderem daraus resultierende Bauteilknappheit, ist bei Captron ein riesiges Thema. Bei uns haben sich die Prozesse und Vorgehensweisen komplett geändert. Es ist leider schon zur Routine geworden, dass wir unsere Bauteilbeschaffung mit 50 Wochen und mehr einplanen müssen, um weiterhin eine gute Lieferperformance anzubieten. Auf der anderen Seite pusht diese ganze Pandemie-Situation den E-Commerce-Bereich, der ein hohes Potenzial für Distributionslogistik schafft, wo unsere Systeme wiederum hardwareseitig zum Einsatz kommen.

Und was schätzen Sie, wo bewegt sich die deutsche Industrie in Zukunft hin? Gerade mit Blick auf die digitale Transformation?

Diese Frage muss man natürlich im Kontext der verschiedenen Industriebranchen beantworten. Sicher spielt auch die Größe der Unternehmen eine Rolle. Aber die Entwicklung geht schon in die Richtung, dass Unternehmen digitaler denken. Das haben wir selbst bemerkt. Und so ärgerlich und schlimm die Corona-Pandemie ist, sie hat zu diesem Umdenken beigetragen. Wie viele Unternehmen hatten denn vor zwei oder drei Jahren Microsoft Teams im Einsatz? Heute gehört es zum Standard-Kommunikationsmittel. Deswegen denke ich, dass sich in Zukunft das Bedürfnis verstärkt, von verschiedenen Standorten auf bestimmte Daten zugreifen zu wollen. Dazu zählen dann auch systemrelevante Daten oder Prozessdaten. Dazu braucht man dann die Öffnung in die Cloud. Das ist meines Erachtens einer der wichtigsten Schritte, den sich auch der Mittelstand trauen muss.

(ID:48099033)