Flurförderzeuge Mit dem Wasserstoffstapler staubfrei zum Elektroauto

Redakteur: Robert Weber

BMW hat mit dem i3 große Pläne. Das Elektroauto aus Leipzig soll der Startschuss für ein neues Zeitalter der Mobilität made in Germany sein. Auch in den Logistikprozessen streben die Münchener nach Perfektion und Nachhaltigkeit. Neue Wasserstoffstapler spielen die Hauptrolle.

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BMW baut in Leipzig das Elektroauto i3 und setzt auch in den Logistikprozessen neue, nachhaltige Standards.
BMW baut in Leipzig das Elektroauto i3 und setzt auch in den Logistikprozessen neue, nachhaltige Standards.
(Bild: Weber)

Dr. Milan Nedeljkovic hat viel zu tun in den letzten Tagen vor dem Jahreswechsel. Der BMW-Werksleiter in Leipzig durfte vor wenigen Wochen den ersten i3 an den ehemaligen Bundesaußenminister Joschka Fischer übergeben, beantwortet zahlreiche Interviewanfragen und muss auch über die Feiertage präsent sein, denn der Autobau läuft in Sachsen auf Hochtouren.

Die Mühe lohnt sich: Fischer schwärmte publikumswirksam von dem Auto und die Medien berichten wochenlang wohlwollend über das Elektroauto. BMW verschreibt sich bei der Markeneinführung eine neue Offenheit gegenüber der Presse und da sind Nedeljkovic und seine Mannschaft gefragt. Erstmals öffnete das Unternehmen auch Fachmedien die Produktionshallen und lud zum freien Fotografieren, Fragenstellen und Eindrückesammeln ein. Offizieller Hintergrund: der Projektstart H2-Intradrive, denn BMW verbindet mit dem Anlauf der i3-Produktion auch den Einsatz von einer neuen Generation von Flurförderzeugen, die mit Wasserstoff angetrieben werden. Gemeinsam mit der Technischen Universität München, dem Bundesverkehrsministerium und dem Flurförderzeugbauer Linde Material Handling erprobt BMW den Einsatz der neuen Antriebstechnik in der Elektroautoproduktion.

Die neun wasserstoffbetriebenen Brennstoffzellen-Fahrzeuge sollen bis 2016 getestet werden und finden Einsatz in der Teileversorgung im Karosseriebau. Die Stapler und Schlepper passen in die i3-Produktion, denn ebenso wie das Produkt i3 verschreiben sich auch die Intralogistikfahrzeuge der Nachhaltigkeit und der Effizienz, heißt es in der Konzernzentrale. BMW setzt bei der Zulieferung an das Band ausschließlich auf Flurförderzeuge. Fahrerlose Transportsysteme unterstützen die Arbeit. Das klassische Band wird durch sie quasi ersetzt.

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Die CFK-Waschanlage verändertdie Prozesse

Die Zulieferung an das Band unterscheidet sich von der klassischen Autoproduktion. Bei BMW sind die Verantwortlichen vor allem auf die Sauberkeit besonders stolz. Die Logistik muss sauber sein. Warum? Der Autobauer setzt bei der i3-Produktion stark auf CFK-Bauteile. Das bedeutet für die Logistiker, dass die angelieferten Elemente aus Landshut oder aus dem Werk Leipzig vor der Übernahme in die Produktion gewaschen werden müssen. Dafür investierte BMW in eine riesige CFK-Waschanlage und neue Verpackungskonzepte und Behälter. Mitarbeiter auf Schleppern fahren die schwarzen Bauteile zum Karosseriebau. Die Behälter für die CFK-Produkte wurden eigens von BMW neu entwickelt. Dank CFK kommen die Bayern in der Logistik beim Karosseriebau mit weniger Teilen aus. Auch das Bereitstellungskonzept unterscheidet sich nicht grundlegend von der klassischen Produktion. Nach dem Karosseriebau schweben die Einheiten mittels Fördertechnik in die Montage. Wichtig: Da die CFK-Produkte nicht zusammengeschweißt werden, sondern geklebt, muss die Produktion und Logistik eben sauber sein. Feinste Staubpartikel können das Klebeergebnis beeinträchtigen, deshalb darf kein Flurförderzeug den Hallenbereich verlassen – ähnliches gilt auch bei Audi in Ingolstadt. Dort fahren Stapler nach dem Außeneinsatz über Reinigungsbürsten. Die Lösung in Leipzig ist eine Indoor-Tankstelle, an der die vier Routenzüge betankt werden.

Anders als von der klassischen Bleibatterie versprechen sich die Logistiker vom Wasserstoff eine höhere Verfügbarkeit der Fahrzeuge, denn die Stapler sind in wenigen Minuten aufgetankt. Das Ziel: Eine Betankung soll für zwei Schichten ausreichen. In der Vergangenheit konnte BMW mit der Bleibatterie bis zu 10.000 Betriebsstunden bedienen. Der Wasserstoff soll mehr Leistung bringen, erwarten die Projektpartner.

US-Mitarbeiter starten schon 2010mit der Wasserstoffidee

Und dann? Skalierungseffekte sind das Ziel des OEM. Sobald die sich einstellen, kann sich der Autobauer auch ein Ausrollen der Wasserstofftechnik auf andere Werke vorstellen. Momentan sind die Anschaffungskosten beispielsweise für einen Niederhubwagen mit Wasserstoffantrieb fünf- bis sechsmal höher als für konventionelle Systeme, heißt es in der Branche. Die ersten Pläne für Wasserstoffantriebe im Stapler entstanden allerdings nicht in Leipzig oder München, sondern in Spartanburg in den USA. Dort tüftelten Mitarbeiter schon länger an alternativen Antrieben, denn in den Vereinigten Staaten kauft der OEM traditionell das Fahrzeug getrennt vom Antrieb. Gemeinsam mit dem kanadischen Hersteller Plug Power entwickelten die BMW-Logistiker 2010 Wasserstoffkonzepte für die Flurförderzeuge. In der Zwischenzeit verdoppelte der Autobauer in South Carolina die Anzahl seiner Wasserstofffahrzeuge im Werk. Mittlerweile arbeiten rund 230 Fahrzeuge mit H2.

Ein Blick nach Spartanburg lohnt sich – die US-Kollegen von Eurocar-News nehmen Sie mit

Und die Kollegen in Amerika gehen sogar noch einen Schritt weiter. In Zukunft könnten sie selbst den Wasserstoff vor Ort produzieren. Bisher beziehen sie diesen ebenso wie die Kollegen aus Leipzig von Linde Gase. Für die i3-Produktion installierte das Versorgungsunternehmen einen Tank mit unterirdischer Leitung zur Indoor-Tanke.

Deutsche und US-Amerikaner können voneinander lernen

Das Engagement von BMW freut vor allem die Politik. Das Bundesverkehrsministerium fördert das Projekt mit im Rahmen des Nationalen Innovationsprogramms Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie mit einer Summe von 2,9 Mio. Euro und die Ministeriellen warnen gleichzeitig vor der Konkurrenz aus Korea, China, Japan und eben den USA. Jetzt sollen die deutschen Unternehmen Erfahrungen sammeln und möglichst schnell Fortschritte erzielen. BMW Deutschland ist den Kollegen in den USA beim Elektroauto einen Schritt voraus. Beim Wasserstoff sieht es anders aus.

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