Mediengeschichte MM – 120 Jahre Anwalt des technischen Fortschritts

Redakteur: Jürgen Schreier

Seit 120 Jahren hat der MM Maschinenmarkt viele technische Umwälzungen dokumentiert und kommentiert. Zugleich schrieb das Industriemagazin mit seinem einzigartigen Vertriebssystem, dem Wechselversand, Mediengeschichte. Heute erweitern Onlineportale und Events das Informationsangebot.

Firmen zum Thema

Der Maschinenmarkt startete wie andere „Marktzeitschriften“ seiner Zeit als reines Offertenblatt. Was ihn vom Wettbewerb abhob, war sein neuartiges Vertriebssystem.
Der Maschinenmarkt startete wie andere „Marktzeitschriften“ seiner Zeit als reines Offertenblatt. Was ihn vom Wettbewerb abhob, war sein neuartiges Vertriebssystem.
(Bild: Vogel Business Media)

Das Land ist groß und der Zar ist weit, sagt ein altes russisches Sprichwort. Und richtig weit weg war der Zar im Jahr 1891 in der Tat, als er mit einem symbolischen Spatenstich nahe der sibirischen Stadt Wladiwostok das Startzeichen für ein Projekt gab, das Technikgeschichte schreiben sollte: nämlich für den Bau der Transsibirischen Eisenbahn.

Alexander III., Herrscher über ein Imperium, in dem Rohstoffe und Waren noch immer mit Pferdefuhrwerken und Lastkähnen transportiert wurden, war nach reiflicher Überlegung dem Rat seines visionären Verkehrsministers Sergej Juljewitsch Witte gefolgt und hatte sich zum Bau einer Bahnstrecke durchgerungen. Mit ihr, so Wittes Plan, sollten die in der Erde Sibiriens schlummernden Schätze abtransportiert werden, um den Agrarstaat Russland in wirtschaftliche Neuzeit zu katapultieren.

Im Osten wie im Westen wird Technikgeschichte geschrieben

Doch auch viele Tausend Kilometer weiter westlich wurde zu dieser Zeit Technikgeschichte geschrieben. So machte Otto Lilienthal die ersten erfolgreichen Versuche mit einem „manntragenden Flugapparat“ in Derwitz bei Potsdam. Außerdem wurde das erste Telefongespräch zwischen Paris und London unter dem Ärmelkanal hindurch geführt und in der britischen Hauptstadt konnte man erstmals Briefmarken aus einem Automaten ziehen.

Bildergalerie
Bildergalerie mit 26 Bildern

Auch Deutschland steckte im Technikfieber: Bei der „Internationalen Elektrizitätsausstellung“ in Frankfurt am Main führte Oskar von Miller die erste Fernübertragung elektrischer Energie mit Drehstrom durch, bei der eine Leistung von 129 kW bei einer Spannung von 10.000 V über eine Entfernung von 176 km von Lauffen am Neckar übertragen wurde. Die Stromstärke in der Leitung betrug knapp 13 A. Eine Zeit für (Technik-)Pioniere und Gründer – die Gründerzeit.

Wechselversand sorgt für Rauschen im Blätterwald

Zu diesen Pionieren und Gründern gehörte auch Carl Gustav Vogel. 1891 gründete der 34-jährige Jung-Entrepreneur im thüringischen Pößneck einen Fachverlag. Die erste Publikation war das „Internationale Briefmarken Offertenblatt“, womit er zunächst dem allgemeinen Markttrend folgte. Denn die Zeitschriften dieser Zeit waren durchweg sogenannte Offertenblätter, die helfen sollten, Waren aller Art über Inserate an den Mann/die Frau zu bringen.

Doch Carl Gustav Vogel sah auch den mit Macht erblühenden Maschinen- und Anlagenbau in Deutschland und erkannte den wachsenden Bedarf der Branche an Information und Kommunikation. Mit dem Maschinenmarkt aus dem Jahre 1894 übertrug der Verleger das Konzept seines Briefmarken-Offertenblatts auf die „gesamte Maschinen-Industrie“, wenn auch nur vordergründig. Denn mit einem komplett neuartigen Vertriebssystem, dem Wechselversand, sorgte Carl Gustav Vogel für reichlich Rauschen im Blätterwald. Beim Wechselversand werden Fachzeitschriften über eine Basis-Empfängergruppe hinaus an wechselnde Zielgruppen versandt, die auf den redaktionellen Inhalt der Zeitschrift abgestimmt sind. So lässt sich eine optimale Marktabdeckung sicherstellen.

Die Konkurrenz nahm das neue Vertriebssystem von Anfang an ernst, denn es war vom Fleck weg ein voller Erfolg. Die Auflage des Maschinenmarkt stieg rasch, von anfänglich 6000 Exemplaren auf rund 20.000 bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Jahr 1914 erreichten pro Woche 120.000 „Maschinenmärkte“ gut 350.000 Adressaten.

Wissenschaftliche Belehrung allein war nicht mehr gefragt

Aber rasten (und dabei rosten) war der Vogels Sache nicht. Denn angesichts des rasanten technischen Fortschritts wurde die Zeit reif für Zeitschriften, die mehr enthielten als nur „Offerten“, die in allgemeinverständlicher Form über technische Neuheiten und Trends berichteten und auch die kaufmännischen Aspekte des Geschäftslebens nicht außen vor ließen.

Die stark wachsende deutsche Industrie brauchte in dieser Zeit nicht allein wissenschaftliche Belehrung, sondern gierte nach schneller Information über technische Innovationen und Märkte. Die anzeigenlastigen Offertenblätter konnten das nicht leisten.

Für Arthur Gustav Vogel, den ältesten Sohn des Verlagsgründers Carl Gustav Vogel, der zusammen mit seinem Bruder Ludwig schon früh aktiv in die Geschäftsleitung des Pößnecker Verlagshauses eingestiegen war, stand fest: Der Maschinenmarkt und die anderen Zeitschriften des Verlags mussten mit redaktionellen Inhalten aufgewertet werden. Doch weil sich über Europa zu dieser Zeit jene „Stahlgewitter“ zusammenbrauten, die der Schriftsteller Ernst Jünger später in seinen Kriegserinnerungen schilderte, musste dieses Vorhaben zunächst aufgeschoben werden.

Der technische Redakteur – das unbekannte Wesen

Doch gleich nach Kriegsende griff Arthur Gustav Vogel die Idee wieder auf und machte sich auf die Suche nach qualifizierten Redaktionsmitarbeitern. Aber das war leichter gesagt als getan: Nur wenige Ingenieure interessierten sich damals für das journalistische Handwerk und viele Unternehmen gaben sich ziemlich zugeknöpft und waren nicht bereit, ihr Know-how mit einer breiteren Leserschaft zu teilen.

Bildergalerie
Bildergalerie mit 26 Bildern

Trotzdem: Nach reichlich Schweiß und Mühe hatte Arthur Gustav Vogel 1921 sein Redaktionsteam komplett. In regelmäßig wiederkehrenden Rubriken und verschiedenen journalistischen Darstellungsformen wurde über alles Wissenswerte aus dem Maschinen- und Anlagenbau berichtet. Neben wirtschaftspolitischen Leitartikeln, technischen Berichten und Marktanalysen veröffentlichte der Maschinenmarkt auch Börsennachrichten.

Zeitweilig erschien das Blatt sogar täglich – bis die Weltwirtschaftskrise für eine scharfe Zäsur sorgte. Die Erholung kam dann eher schleppend voran, wenngleich den Vogel-Verlag die in den 1930er-Jahren erlassenen gesetzlichen Auflagen, wonach „Marktzeitschriften“ neben Anzeigen auch einen redaktionellen Teil enthalten mussten, anders als so manchen Wettbewerber nicht unvorbereitet trafen. Schließlich war der Maschinenmarkt schon seit Langem ein echtes Fachblatt im Sinne des Gesetzes.

Fachzeitschriftenvielfalt schrumpft zum Einheitsblatt

Ab 1934 wurde der Maschinenmarkt stärker auf technische Themen hin ausgerichtet. Zum traditionellen wirtschaftspolitischen Aufmacher gesellte sich in jeder Ausgabe eine technische Topstory, die für Jahre Markenzeichen der Zeitschrift bleiben sollte. Mit Kriegsbeginn wurde die Situation für den Maschinenmarkt aber immer schwieriger.

Das erfolgreiche Prinzip des Wechselversandes musste wegen Papiermangels stark eingeschränkt, die Satzformate für Anzeigen mussten wesentlich verkleinert werden. Schließlich zog das NS-Regime zur Deckung des Kriegsbedarfes Material aus den Druckereien ab. Reihenweise ergingen Zeitschriften-Einstellungsverfügungen an die Verlage.

Im Jahr 1943 schließlich kam es im Fachzeitschriftenbereich „auf Geheiß von oben“ zu sogenannten Kriegsarbeitsgemeinschaften von Titeln mit ähnlichem thematischen Fokus. Ab 1944 erschien der Maschinenmarkt zusammen mit „Klepzigs Anzeiger für die Berg-, Hütten-, Metall- und Maschinenindustrie“, der Zeitschschrift „Maschine und Werkzeug“ (Ihl-Verlag) und dem „Essener Anzeiger“ (Girardet) unter dem Titel „Industriebedarf“. Aus den hochqualitativen Fachzeitschriften der Vorkriegszeit waren wieder Offertenblätter geworden, die im März 1945 die letzten Kaufgesuche einer kollabierenden Wirtschaft präsentierten.

Bildergalerie
Bildergalerie mit 26 Bildern

Als nach Kriegsende die 30. US-Infanteriedivision nach Pößneck einmarschierte und den Vogel-Verlag in Beschlag nahm, versuchte Arthur Gustav Vogel, den Verlag wieder aufzubauen. Aber ein sowjetischer Offizier nahm die Räumlichkeiten bereits in Augenschein, um die Demontage der Anlagen vorzubereiten. Arthur Gustav Vogel wurde verhaftet; doch gelang ihm die Flucht in das in der US-Zone gelegene Coburg.

Sein Bruder Ludwig, der sich vehement gegen die Enteignung des Verlags in Pößneck sträubte, hatte sogar einen „Maschinenmarkt Ost“ herausgebracht. Nach Einführung der Planwirtschaft in der sowjetischen Besatzungszone musste er das Projekt aber wieder aufgeben. 1948 schließlich wurde der Vogel-Verlag in Pößneck nach einem Erlass des Ministerpräsidenten von Thüringen in sogenanntes Volkseigentum überführt.

1948 feiert der Maschinenmarkt in Coburg sein Comeback

Ohne Maschinenpark kam nur das Verlagsgeschäft infrage und als die Amerikaner im Juli 1947 die generelle Erlaubnis zur Publikation textloser Anzeigenblätter gaben, erhielt der Verlag von der Information Control Division (ICD) den begehrten Papierbezugsschein. Arthur Gustav Vogel hatte den Neustart des Verlages in einer 34 m² großen Baracke in Neuses bei Coburg vorbereitet. Gemeinsam mit seinem Bruder Ludwig und Sohn Karl Theodor, fünf kaufmännischen Angestellten, einer Stenotypistin, einem Stadtboten und zwei Lehrlingen gaben sie am 12. Februar 1948 den Haupttitel des Verlages, den Maschinenmarkt, wieder heraus.

1954 landete der Maschinenmarkt mit speziellen Themenheften – etwa zur spanenden Fertigung, zur Umformtechnik und Verfahrenstechnik – erneut einen Treffer. In den Folgejahren konnte der Nutzwert der Zeitschrift immer weiter gesteigert werden. 1970 umfasste der Maschinenmarkt insgesamt 32 Rubriken. Auch inhaltlich verschob sich der Akzent mehr und mehr in Richtung Beratung, Orientierung und Meinungsbildung. Hinzu kamen unterhaltende Elemente – darunter die beliebte Rubrik „Zu guter Letzt“, die in launigen Geschichten und Karikaturen den Betriebsalltag aufs Korn nahm.

Führungskräfte wollen keine „Fachidoten“ sein

Seinen bis dato radikalsten Wandel vollzog der Maschinenmarkt in den Jahren 1985 und 1986. Dem Relaunch vorangegangen waren umfangreiche, fast schon wissenschaftliche Untersuchungen zum Informationsbedürfnis der Leser und zu deren Leseverhalten. Dabei wurde deutlich, dass sich die Informationsbedürfnisse der Fach- und Führungskräfte in der Wirtschaft erheblich gewandelt hatten. Der Leser sah sich nicht mehr „nur“ als Experte auf seinem Fachgebiet, sondern wollte auch über andere Technologien und deren Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft informiert werden.

Bildergalerie
Bildergalerie mit 26 Bildern

Mit frischem Layout und neu akzentuierten Inhalten präsentierte sich der Maschinenmarkt nun unter dem Label „MM Maschinenmarkt“ in erhöhter Auflage und in wöchentlichem Erscheinungsrhythmus. Journalistisch geschriebene Beiträge beleuchteten aktuelle Themen aus Technik und Wirtschaft aus verschiedenen Blickwinkeln, ergänzt durch eine umfangreiche Branchen- und Unternehmensberichterstattung. Großer Beliebtheit in der Leserschaft erfreuten sich die aufwendig recherchierten und gestalteten „MM-Reports“, mit denen der MM über den Tellerrand seiner Kernthemen hinausblickte.

Mit peppigen Themen auf Magazinkurs

Lesen konnte man zum Beispiel Geschichten über die Entwicklung der Armbanduhr, die Fertigung von Modelleisenbahnen oder den Einsatz moderner Automatisierungstechnik in der Fleischindustrie – ein Beitrag, der mit seiner etwas blutigen Optik nicht jedermanns Sache gewesen sein dürfte. Auch Management- und IT-Themen wurde ein größerer Stellenwert eingeräumt. Heiß diskutiert wurden seinerzeit Lean- und Total-Quality-Management, während der PC dank flottem 386er-Prozessor und dem brandneuen Windows 1.0 immer mehr Büros und Fabrikhallen eroberte.

In sogenannten Verticals wurden MM-Themen zu eigenständigen Publikationen verselbstständigt, um damit neue Leserzielgruppen zu adressieren. Nicht alle dieser „Ausgründungen“ haben sich am Markt behauptet. MM Plastics, MM Facility Management oder MM.biz, ein flott gemachtes Blatt fürs Online-Business, konnten sich am Markt nicht durchsetzen.

Bester Gesundheit und hoher Leserresonanz erfreut sich dagegen „MM Logistik“, ein Fachmagazin für Logistik in Industrie und Handel mit diversen Sonderausgaben. Das „Intralogistics Journal“ vom MM Logistik ist mittlerweile die auflagenstärkste Intralogistikausgabe in Europa mit Verbreitung im deutschen Sprachraum, Polen, Tschechien und Ungarn.

Ein Erfolg von Anfang an: die Messezeitungen des MM

Ein weiteres, sehr erfolgreiches MM-Standbein sind Messezeitungen, die in Zusammenarbeit mit den Messeveranstaltern entstehen und auf den Messen verteilt werden. Seit 2004 produziert der Maschinenmarkt das offizielle Hannover-Messe-Daily. Es erscheint täglich während der Messe und wird von einem MM-Redaktionsteam vor Ort erstellt. Weitere Messe-Dailys gibt es zur EMO (Hannover), zur Metav und zur Motek sowie zur Euroblech und Blechexpo.

Konzeption und Inhalte des Maschinenmarkt machten natürlich nicht an Deutschlands Grenzen Halt. Bereits 1930 erwarb Verlagsgründer Carl Gustav Vogel eine Zeitschrift in der Schweiz , die bemerkenswerterweise den Titel „Schweizer Maschinenmarkt“ trug. Heute sind der „SMM Schweizer Maschinenmarkt“ und sein französischsprachiges Pendant „MSM Le Mensuel de l‘industrie“ die führenden polytechnischen Fachtitel in der Eidgenossenschaft. Mit dem ökonomischen Zusammenwachsen Europas setzte sich die Internationalisierung des MM Maschinenmarkt fort. Für viele Länder wie Ungarn, die Tschechische Republik oder Polen wurden länderspezifische Lösungen entwickelt. Heute wird das Industriemagazin in zwölf Ländern der Erde verlegt, unter anderem in China, Indien und Korea.

Bildergalerie
Bildergalerie mit 26 Bildern

Erfolgreiche Positionierung in der digitalen Welt

In Deutschland erscheint MM Maschinenmarkt im Jubiläumsjahr mit einer wöchentlich verbreiteten Auflage von 40.231 Exemplaren (IVW Q1/2014). Die monatliche Gesamtauflage in der Bundesrepublik beträgt rund 160.000 Exemplare. Weltweit si

Auch online ist MM Maschinenmarkt mit www.maschinenmarkt.de seit Jahren erfolgreich unterwegs. Das Business-Effizienz-Portal hat eine monatliche Reichweite von rund 1 Mio. Page Impressions und vermittelt technisches und ökonomisches Know-how auch durch neue Formate wie Webcasts, Webinare und White Paper. Hinzu kommen tägliche und wöchentliche sowie themenspezifische Newsletter und Sondernewsletter zu besonderen Anlässen.

Die vom MM betriebene Datenbank www.gebrauchtmaschinen.de eröffnet dem Nutzer einen Zugang zum Weltmarkt für Produktionstechnik aus zweiter Hand. Verschiedene Fachevents sowie die „MM Akademie“ mit ihren praxisbezogenen Weiterbildungsveranstaltungen ergänzen das breitgefächerte MM-Informationsangebot.

(ID:42845888)