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Micro-Fulfillment Mutterschiff statt Minilager

Autor / Redakteur: Robert Weber / Dipl.-Betriebswirt (FH) Bernd Maienschein

In letzter Zeit kommen insbesondere im E-Commerce-Geschäft bei urbanen Fulfillment-Centern Themen wie das Micro-Fulfillment aufs Tablett – sozusagen kleine Lager hinter der Ladentheke. Doch wie weit darf und muss Automatisierung gehen, um nicht Selbstzweck zu sein, sondern den Unternehmen einen Mehrwert zu bieten?

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Automatisierung kann die Colli-Kosten pro Pick senken und damit die Wirtschaftlichkeit im E-Commerce-Geschäft erhöhen.
Automatisierung kann die Colli-Kosten pro Pick senken und damit die Wirtschaftlichkeit im E-Commerce-Geschäft erhöhen.
(Bild: Witron)

Karl Högen kennt die Frage: „Was macht Witron im Bereich Micro-Fulfillment?“ Immer mehr Kunden aus den USA, Kanada, aber auch in Europa fragen ihn am Rande von Veranstaltungen oder greifen zum Hörer. Der Wettbewerb forciert das Thema. „Ich verstehe die Kunden, jeder sucht eine Lösung für sein E-Commerce-Geschäft, aber ich glaube nicht an eine effiziente Automatisierung in der Filiale oder in einem kleinen Lager für E-Commerce-Waren.“ Vielmehr müsse das Mutterschiff, das Zentrallager, intelligenter werden, eine zentrale Rolle einnehmen. „Roboter werden auf absehbare Zeit Tomaten in der Filiale nicht ökonomisch abbildbar picken können.“

Maximal agil auf allen Vertriebswegen

Ein automatisiertes Kleinlager hinter den Verkaufsregalen sei wirtschaftlich nicht sinnvoll zu betreiben; allein die Wartung und Instandhaltung mache das für die allermeisten Unternehmen unrentabel. Dazu kommt: „Die Mitarbeiter müssten die angelieferten Paletten leeren, Kisten öffnen, packen, einlagern, kommissionieren und wieder verpacken. Der Aufwand ist enorm und wie bilden die Filialen den peak to average ab?“

Karl Högen, Witron: „Roboter werden auf absehbare Zeit Tomaten in der Filiale nicht ökonomisch abbildbar picken können.“
Karl Högen, Witron: „Roboter werden auf absehbare Zeit Tomaten in der Filiale nicht ökonomisch abbildbar picken können.“
(Bild: Witron)

Prozesse, die man aber in einem zentralen Omnichannel-Logistikzentrum wirtschaftlich und flexibel durchführen kann. „Zukunftsweisende Anlagen sind an die Vielschichtigkeit der Aufgabenstellung optimal angepasst und bieten ein Maximum an Agilität: Belieferung aller Vertriebswege aus einem Logistikzentrum, sich verändernde Geschäftsprozesse, sehr hoher Durchsatz sowohl im Filialgeschäft als auch im digitalen Geschäft. Darüber hinaus verfügen sie über eine durchgängige Supply-Chain-Intelligenz, welche das DC (Distribution Center, Anm. d. Red.) optimal in das gesamte Logistiknetzwerk des Kunden integriert. Symbiosen werden genutzt – Stammdaten, Bestände, Transportwege und so weiter – sowohl intern als auch extern. Sowohl vertikal als auch horizontal. Vom Lieferanten über das Logistikzentrum bis hin zum Transport in die Filialen beziehungsweise an die Haustüre. Und zugleich ist dies eine nachhaltige Zukunftslösung, in der Warenüberschüsse und Abfall durch die Bündelung in einem zentralen Logistikzentrum deutlich reduziert werden“, detailliert Karl Högen.

AIO als Lösung

Arbeiteten Witron-Ingenieure nicht vor zehn Jahren an einer Automatisierung der Regale im Supermarkt? Ein Prototyp stand damals im benachbarten Supermarkt des Witron-Werks. „Das war ein anderer Plan, den haben wir noch in der Schublade, aber wir reden hier vom E-Commerce-Geschäft. Da forcieren wir einen anderen Ansatz.“ AIO – All-in-One ist die Antwort aus Parkstein und die ersten Kunden wie der Migros-Verteilbetrieb Neuendorf AG (Schweiz), Axfood aus Schweden oder Coles in Australien vertrauen der Lösung. „Wir sprechen auch mit weiteren amerikanischen und europäischen Interessenten.“

Witron hat das Know-how, Onlinebestellungen und solche für die Filialen wirtschaftlich aus einem Logistikzentrum zu bedienen.
Witron hat das Know-how, Onlinebestellungen und solche für die Filialen wirtschaftlich aus einem Logistikzentrum zu bedienen.
(Bild: Witron)

Der Ansatz: Das All-in-One kann sowohl den Filialbetrieb, die Zustellung von Bestellungen im Filialbetrieb als auch den E-Commerce bis zur Haustür des Kunden handeln. Das außergewöhnliche an AIO ist, dass bewährte Grundsatztechnologien zu einem integrierten System verschmolzen werden – und somit die Synchronisierung von verschiedenen Systemen und das Mehrfachhandling von Beständen völlig entfallen. Zudem kann AIO auf Marktveränderungen systemimmanent flexibel reagieren. Durch das AIO kann sowohl das Filialgeschäft als auch das Onlinegeschäft abgewickelt werden. Das Onlinegeschäft greift auf die gleichen Bestände zu, hat aber separate Packplätze. Prozesse, die bei konventioneller Lagerlogistik in zwei getrennten Sektoren abgewickelt werden und anschließend aufwendig konsolidiert werden müssen, erledigt das System in nur einem integrierten Lagerlogistiksystem, was nicht nur die Effizienz, Performance und Qualität der Kommissionier- und Packprozesse deutlich steigert, sondern auch erhebliche Einsparungen beim Invest ermöglicht. Witron läutet das Ende der aufwendigen Konsolidierung ein.

Das Ende der Konsolidierung

Pilotkunde Thomas Kissling vom Migros Verteilbetrieb Neuendorf fasst es so zusammen: „Wir wünschen uns Skalierbarkeit im E-Commerce-Geschäft.“ Das System soll mitwachsen. „Mit dem Tagesgeschäft atmen können, flexibel auf sich verändernde Marktvolumina reagieren. Agilität und Skalierbarkeit sind hier die zentralen Stichworte.“ Darüber hinaus sieht Kissling weitere Vorteile in der Automatisierung: „Die Ergonomie – da körperlich schwere Arbeiten wegfallen. Die Nachhaltigkeit – durch die Reduzierung von Transportkosten aufgrund optimal gepackter Ladungsträger sowie durch die Reduzierung von Beständen. Und natürlich eine hohe Wirtschaftlichkeit – durch die Senkung der Kolli-Kosten pro Pick.“ Ein Micro-Fulfillment brauchen die Schweizer nicht mehr.

Doch Högen will mit seinen Kunden noch einen Schritt weiter gehen: Er will sein Mutterschiff, das Zentrallager, zur Plattform machen. „Wir müssen mit dem Kunden unseres Kunden mehr kommunizieren – mit der Filiale. Wir kennen das Filiallayout, Sonderaktionen, aber der Lagerbereich im Laden ist für uns momentan immer noch weitestgehend eine Blackbox. „Wir müssen Daten und Informationen vom Zentrallager mit den Filialen, mit den Transporteuren, teilen.“ Das Logistikzentrum spielt eine zentrale Rolle in der Supply Chain. Es wird zur Plattform, zum Gehirn der Prozesskette.

Das Lager gibt Empfehlungen

„Wir orientieren uns weiter an den Filialen. Der Kunde bestimmt den Takt, es wird kein Push-Lager geben. Aber das Logistikzentrum wird in Zukunft dem Kunden Empfehlungen geben, wird Alternativen vorschlagen, um die Effizienz in den Lager- und Zustellprozessen – sowohl zu den Filialen als auch an die Haustüre – zu erhöhen“, ist sich Karl Högen sicher. „Es geht nicht um Push, es geht um Transparenz und optimale Auslastung beim Lieferanten, auf dem Lkw, im Logistikzentrum und in der Filiale – oder im Onlinehandel bis direkt zum Konsumenten“, erklärt Högen. ■

* Robert Weber ist freier Autor in 97082 Würzburg; Weitere Informationen: Witron Logistik + Informatik GmbH in 92711 Parkstein, Tel. (0 96 02) 6 00-0, info@witron.de

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