Retrofit Partner und Zeitpunkt müssen die richtigen sein

Autor / Redakteur: Markus Kammerhofer / Dipl.-Betriebswirt (FH) Bernd Maienschein

Das Versprechen immer schnellerer Lieferungen und der Aufbau resilienter Lieferketten sind nur möglich, wenn intralogistische Anlagen auf dem neuesten Stand der Technik sind. Doch wer ein Retrofitprojekt plant, sollte einen kompetenten Partner wählen und einige Regeln beachten. Hier lesen Sie, welche.

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Retrofitexperten von TGW im Gespräch: Projekte müssen detailliert geplant werden.
Retrofitexperten von TGW im Gespräch: Projekte müssen detailliert geplant werden.
(Bild: TGW)

Im kommenden Jahr ist es bereits 60 Jahre her, dass das erste Hochregallager (HRL) eröffnet wurde. Als „Mutter aller Anlagen“ gilt das 1962 von Bertelsmann in Deutschland eröffnete „Büchersilo“. Seither wurden Tausende HRL gebaut – manche werden seit Jahrzehnten betrieben. Ob HRL oder automatisches Kleinteilelager (AKL), zur Wahrheit gehört aber auch: Es gibt so gut wie keine Anlage, die über Jahre hinweg noch so existiert wie zur Eröffnung. Stahlkomponenten sind robust. Doch IT- und Steuerungselemente sowie die Mechatronik müssen regelmäßig auf den neuesten Stand der Technik gebracht werden. Und wenn sich das Artikelspektrum, das Volumen und die Kundenanforderungen schnell ändern, sind Modernisierungen und Erweiterungen notwendig.

Grundsätzlich kann das Thema Retrofit in drei Unterpunkte gegliedert werden: Anpassungen, Erweiterungen und Modernisierungen. Unter dem ersten Punkt versteht man Maßnahmen, die schon wenige Monate nach der Inbetriebnahme nötig sind, damit sich ein Unternehmen auf neue Marktanforderungen ausrichten kann. Erweiterungen sind vor allem für Firmen unumgänglich, die nach dem Go-live stark wachsen. Und regelmäßige Modernisierungen der Steuerung und der IT sind grundsätzlich alle vier bis fünf Jahre nötig, weil sich die Technologie ändert. Die Mechanik muss oftmals erst nach zehn oder mehr Jahren erneuert werden.

Wachsender E-Commerce, mehr Automatisierung: Wegen immer mehr intralogistischen Anlagen wächst auch der Retrofitmarkt. TGW wickelt heute jährlich fünfmal so viele Projekte ab wie noch vor zehn Jahren. Ein Treiber ist die zunehmende Erkenntnis der Anlagennutzer, dass sie nur dann mit dem Wettbewerb mithalten können, wenn sie sich den Bedürfnissen der Kunden anpassen. Und wer immer kürzere Lieferzeiten verspricht, kommt um eine resiliente Supply Chain nicht herum. Ungeplante Anlagenstillstände sind ein Albtraum für Supply-Chain-Manager, lange Durchlaufzeiten in der Hochleistungslogistik von heute ein klarer Wettbewerbsnachteil.

Retrofits frühzeitig angehen

Wer das Thema Retrofit auf die lange Bank schiebt, geht gleich mehrere Risiken ein. Zum einen könnten Ersatzteile auslaufen oder Technologien nicht mehr verfügbar sein. Zum anderen geht im Laufe der Jahre Wissen verloren, weil IT-Experten in den Ruhestand gehen, die beispielsweise noch mit den Programmiersprachen C und C++ umgehen konnten. Jüngeren Softwarespezialisten fehlt oftmals dieses Know-how. Ähnliche Themen kennt man aus der Welt der Steuerung. Weil der Technologiewandel immer schneller wird, rüsten sich Unternehmen mithilfe von Retrofitprojekten für die Zukunft. Allein das Upgrade einer Software liefert einen Funktionalitätenzuwachs. Ein neues Lagerverwaltungssystem ermöglicht eine bessere Konnektivität mit anderen Systemen – beispielsweise mit Manufacturing-Execution-Systemen, SCM-Systemen und Enterprise-Resource-Planning-Systemen, sodass der Datenfluss durchgängiger wird. Das Ziel lautet: Informationen entlang der Wertschöpfungskette sollten in Echtzeit ausgetauscht werden.

Immer öfter wollen Unternehmen zudem autonome Technologien – wie etwa fahrerlose Transportsysteme und Roboter – in ihre Gesamtsysteme integrieren. Das funktioniert nur dann optimal, wenn die Anlagen mit State-of-the-Art-Technologien laufen. Moderne Lagerverwaltungssysteme bieten auch die Option, dass sie über Touchscreens gesteuert werden können. Die Vorteile: eine einfache Bedienung und kurze Einarbeitungszeiten für die Mitarbeiter. Das gilt gleichermaßen für das stufenlose Zoomen zur Visualisierung einer Anlage. Nutzer können heutzutage bis auf Sensorebene in die Systeme eindringen, um so beispielsweise defekte Komponenten zu lokalisieren. Auch Wartungsarbeiten sind nach Retrofits einfacher und schneller durchführbar, weil moderne Komponenten in die Anlagen integriert wurden.

Seit das Thema Nachhaltigkeit mehr in den Fokus von Politik, Gesellschaft und Wirtschaft gerückt ist, gilt es als einer der Treiber von Retrofitprojekten. Generell sind die Projekte schon deshalb nachhaltige Investitionen, weil Firmen dadurch nicht nur die Lebensdauer ihrer Anlage verlängern, sondern auch Effizienzsteigerungen erzielen. Viele Unternehmen haben ehrgeizige Programme verabschiedet, wie sie ihre Emissionen langfristig senken wollen. Sie gehen mit Ressourcen bewusster als bisher um und nehmen jedes Glied in der Supply Chain unter die Lupe, um herauszufinden, wo Emissionseinsparungen möglich sind. Dabei tauchen sie tief in die Strukturen ein und vergleichen beispielsweise den Energieverbrauch von Regalbediengeräten oder Fördertechnikelementen.

Die Frage ist: Wann und wie?

Grundsätzlich gilt: Unternehmen sollten nicht überlegen, ob sie ein Retrofit durchführen, sondern wann und wie. Selbstverständlich müssen sie dafür Budget einplanen. Doch was ist die Alternative? Wenn der Wettbewerb Kundenwünsche schneller und besser umsetzt, droht ein Unternehmen Kunden zu verlieren – im digitalen Zeitalter ist die Konkurrenz oftmals nur einen Mausklick entfernt. Ein Beispiel: Früher reichte einem Nutzer eine Lieferung mit 50 Positionen. Heute will er den Auftrag mit dem gleichen Volumen an zehn verschiedene Orte geliefert haben – zu zehn unterschiedlichen Zeitpunkten, wie er es auch von den bekannten B2C-Plattformen kennt. Diese Flexibilität möchte der Kunde auch für sein Unternehmen nutzen. Wer sich diesen Aspekt vor Augen hält, sieht die Investitionen in ein Retrofit und damit den Return on Investment in einem anderen Licht.

Wer die Notwendigkeit für ein Retrofit oder eine Erweiterung erkannt hat, braucht für die Durchführung den richtigen Partner. Im Laufe seiner mehr als 50-jährigen Unternehmensgeschichte hat TGW die wichtigsten Erfolgsfaktoren für Projekte herausgearbeitet. Neben erfahrenen Projektmanagern, einem strukturierten Plan und einem Pflichtenheft zählt die Definition von Migrationsschritten zu den wichtigsten Vorbereitungen für ein Projekt. Zudem müssen die Mitarbeiter gut geschult werden, damit vor Ort Menschen arbeiten, die eng mit der Anlage vertraut sind. Ein wichtiger Punkt ist zudem, den richtigen Zeitpunkt für ein Retrofit zu finden. ■

* Markus Kammerhofer ist Director Sales Retrofit & Systems Design bei der TGW Systems Integration GmbH in 4614 Marchtrenk (Österreich), Tel. +43 50 4862267, tgw@tgw-group.com

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