Hochregallager Pharmazeutische Präparate brauchen präzise Logistik

Autor / Redakteur: Urs Grütter / Dipl.-Betriebswirt (FH) Bernd Maienschein

Für EVER Pharma Jena hat die Stöcklin Logistik AG ein automatisches HRL realisiert, das als logistischer Dreh- und Angelpunkt fungieren und die Expansion des international agierenden Pharmakonzerns unterstützen soll. Der Inbetriebnahme war die erforderliche GDP-gerechte Auditierung und Validierung des WMS vorausgegangen.

Firmen zum Thema

Das Hochregallager ist direkt an den Fertigungstrakt angegliedert und fügt sich trotz einer Höhe von rund 38 m harmonisch in die Landschaft ein.
Das Hochregallager ist direkt an den Fertigungstrakt angegliedert und fügt sich trotz einer Höhe von rund 38 m harmonisch in die Landschaft ein.
(Bild: Scheffler)

Insgesamt rund 20 Mio. Euro hat die EVER Pharma Jena GmbH in den Bau eines neuen Produktionsgebäudes sowie eines automatischen Hochregallagers investiert. Das Neubauprojekt ist ein entscheidender Meilenstein bei der Umsetzung eines Masterplans, der die Zusammenführung der Fertigungs- und Logistikkapazitäten am neu entwickelten Standort Jena-Lobeda vorsah. „Mit dieser Investition auf höchstem technischen Niveau treiben wir unsere Expansionstätigkeiten im Bereich der parenteralen Herstellung von Arzneimitteln für weltweite Märkte weiter voran“, betonte Dr. Friedrich Hillebrand, Eigentümer der österreichischen EVER-Pharma-Gruppe, anlässlich der Eröffnungsfeierlichkeiten am 27. April 2015.

Funktionalität trifft Ästhetik und Nachhaltigkeit

Das deutsche Tochterunternehmen des international agierenden Pharmakonzerns beschäftigt in der thüringischen Universitätsstadt circa 280 Mitarbeiter. Hier ist man spezialisiert auf die Entwicklung, Herstellung und Konfektionierung von sterilen Arzneiformen, die helfen, das Wohl und die Lebensqualität von Patienten zu verbessern – insbesondere bei Menschen nach einem Schlaganfall, mit Demenz oder einem Schädel-Hirn-Trauma. Die Produktionskapazitäten belaufen sich auf bis zu 130 Mio. Einheiten pro Jahr. EVER Pharma ist zertifiziert nach den Regelungen der EU GMP, der „Good Manufacturing Practice“, die höchste Qualitätsstandards einfordert und sorgfältig überwachte, perfekt aufeinander abgestimmte Produktionsprozesse unter Reinraumbedingungen voraussetzt.

Bildergalerie
Bildergalerie mit 6 Bildern

Nach knapp zweijähriger Bauzeit wurde der neue zentrale Produktions- und Logistikstandort Jena Ende April 2015 offiziell seiner Bestimmung übergeben. Wenige Monate zuvor konnten die Projektverantwortlichen bereits eine Auszeichnung in Empfang nehmen, nämlich den „Sonderpreis Energie“ des Jenaer Fassadenpreises. Prämiert wurde die Fassadengestaltung des Fertigungstrakts in Verbindung mit der erzielten energetischen Effizienz. Das Hochregallager ist direkt an diesen Baukörper angegliedert und fügt sich trotz einer Höhe von rund 38 m harmonisch in die Landschaft ein. Grund ist eine ungewöhnliche Farbgestaltung, bei der die Farbintensität nach oben hin abnimmt. Effekt sei, so die Aussage des verantwortlichen Architekturbüros Heene + Pöbst, dass die obere Begrenzung des Lagergebäudes unabhängig vom Wetter und den Lichtverhältnissen optisch gleitend in den Himmel übergeht.

Harmonisch abgestimmte Prozesse

Harmonisch aufeinander abgestimmt sind auch die Prozesse im Innern der neuen Landmarke. Verantwortlich hierfür zeichnet der Schweizer Intralogistikanbieter Stöcklin Logistik. Die zu realisierenden Gewerke umfassten den Stahlbau für die Regalkonstruktion, die Palettenförderanlage, drei automatische Regalbediengeräte, ein neues Warehouse-Management-System inklusive Materialflussrechner und Visualisierung, Einrichtungen wie Regale, Palettenwickler und Palettenwechsler für die manuellen Lagerbereiche sowie weiterführende Maßnahmen rund um einen adäquaten Brandschutz.

Palettenwechsler als ein zentrales Element im Materialfluss

Bei der Umsetzung standen auch spezielle Temperaturanforderungen im Fokus, die bei der Lagerung sensibler Pharmaprodukte zu berücksichtigen sind. „Wir haben uns für eine passive Kühlung entschieden“, sagt Dr. Adalbert Lembcke, Geschäftsführer von EVER Pharma Jena. „Zu diesem Zweck ist unter anderem die Betonwanne des Hochregallagers sechs Meter tief in den Boden eingelassen worden, sodass die hier vorhandene Kühle in Verbindung mit weiteren klimatechnischen Maßnahmen genutzt werden kann.“

Zu vereinnahmende Waren werden in der Regel auf Europaletten zugeführt und von den Mitarbeitern auf die Förderstrecke aufgesetzt. Diese Ladungsträger werden mittels Handscanner erfasst und direkt an das Lagerverwaltungssystem (LVS) übermittelt. Da innerhalb des eigentlichen Systemkreislaufs – auch aus Gründen der Hygiene – keine Holzpaletten gestattet sind, werden solche einem Palettenwechsler zugeführt. In diesen fährt zunächst eine leere Aluminiumpalette, gefolgt von der Holzpalette samt Zuladung. Der Überschiebevorgang wird ausgelöst, indem sich Doppelschiebebleche über der Zielpalette schließen und somit eine optimale Gleitfläche bilden. Der elektrische Antrieb wird über die Steuerung in Gang gesetzt, sodass in Folge die Wareneinheit von drei Seiten fest umschlossen und sanft gleitend auf das abgesenkte Ziel geschoben wird.

Sowohl für leere Holz- als auch Aluminiumpaletten steht ein Paletten-Dispenser zur Verfügung. Ein solcher Palettensammler kann bis zwölf Ladungsträger gleichzeitig aufnehmen. Bei Erreichen dieser Anzahl, der eine Höhenkontrolle vorausgegangen ist, wird der Palettenstapel automatisch Richtung Abnahmeplatz gefördert. Sobald der Dispenser leer ist, fährt erneut ein Stapel Paletten ein. Die Identifikation der Aluminiumpaletten, die nun gemeinsam mit der Ware eine Ladeeinheit bilden, erfolgt durch Lesen der jeweils fix angebrachten Barcodelabel am Palettenmittelsteg durch in die Fördertechnik integrierte, fest installierte Scanner. Die somit eindeutig zu ermittelnden Werte werden über die Steuerung an den Materialflussrechner (MFR) weitergeleitet.

Bildergalerie
Bildergalerie mit 6 Bildern

Über die im Erdgeschoss (EG) installierten Fördertechnikstrecken werden die Waren wahlweise direkt dem Hochregallager (HRL) oder zunächst dem sogenannten Handlager zugeführt. In dem Handlager werden Paletten manuell mithilfe von Pratzenstaplern ein- und ausgelagert. Hier befindet sich auch ein Kommissionierarbeitsplatz, der mit einem Scherenhubtisch ausgestattet ist, um das Abnahmeprozedere zu erleichtern und den Arbeitsplatz insgesamt weitestgehend ergonomisch zu gestalten.

Mehrere Ebenen für Ein- und Auslagerungen

Das dreigassige, auf Niveau -5 m errichtete Hochregallager ist auf einfachtiefe Lagerung ausgelegt und bietet Platz für die Aufnahme von rund 5200 Alu-Paletten (1250 mm × 850 mm) mit einem zulässigen Gesamtgewicht bis 800 kg. Die drei automatischen Regalbediengeräte (RBG) aus der Master-Baureihe von der Stöcklin Logistik AG übernehmen die Paletten von den Stichbahnen in der HRL-Vorzone. Die 38 m hohen Einmastgeräte sind jeweils mit einer Teleskopgabel als Lastaufnahmemittel bestückt und verfahren auf einer Länge von 43,5 m. Die Ein- und Auslagerungen in das HRL erfolgen sowohl auf Ebene 0,00 m als auch auf 4,50 m. Zu diesem Zweck ist im Regalbereich eine Bühnenanlage für die Fördertechnik installiert worden.

Dynamik und Sicherheit im Pharma-Hochregallager

Die dynamischen Leistungswerte der Fahr- und Hubachsen sind nicht nur auf die Dimensionen des Lagers abgestimmt, sondern werden durch die RBG-Software vor jeder einzelnen Bewegung so festgelegt, dass ein maximaler Energieaustausch zwischen den einzelnen Achsen erfolgen kann (Zwischenkreiskopplung). Die jeweils zeitunkritischere Achse wird zudem nur so schnell betrieben wie unbedingt erforderlich. Zusammengefasst sorgt die Software dafür, dass die RBG immer mit maximal möglicher Energieeffizienz betrieben werden, ohne dabei die Palettendurchsätze negativ zu beeinflussen.

Dokumentierte Qualität dank GDP-Validierung

In der Vorzone des HRL wurde zudem ein separater Brandabschnitt eingerichtet. Bei einem etwaigen Alarm schließen diese Tore automatisch. Schnelllauftore verhindern, dass Unbefugte das Lager betreten und dienen parallel als Klimaschleusen. Hier ist jeder Förderstrecke ein eigenes Tor vorbehalten, das sich nur bei Durchfahrt der Paletten öffnet.

Während die eigentliche Kommissionierung sowie der Warenausgang beziehungsweise Versand im EG angesiedelt sind, erfolgen die Konfektionierung und Vorkommissionierung im 1. OG. Die Konfektionierlinien sind mit drei Bahnhöfen ausgestattet, von denen jeder aus sechs Puffer- beziehungsweise Abgabeplätzen besteht, die als Gefällerollenbahnen ausgeführt sind. Deren Ver- und Entsorgung mit Alu-Vollpaletten erfolgt über einen Verschiebewagen mit leicht geneigter Rollenbahn. Sofern alle drei Bahnhöfe parallel zu bestücken sind, legt der Verschiebewagen eine Gesamtstrecke von 28 m zurück, die er innerhalb von 31,8 s absolviert. Die Palettenabnahme wird mit einem Sensor überwacht, sodass der Vorgang direkt dem MFR gemeldet werden kann.

„Die eigentliche Herausforderung in diesem Projekt bestand in einer GDP-gerechten Auslegung des Warehouse-Management-Systems (WMS). Dies betraf sowohl die Konzeption als auch die Entwicklung sowie die Validierung“, berichtet Oliver Vujcic, neben Matthias Föhner und Roland Eberhard verantwortlicher Projektleiter bei Stöcklin Logistik. Hintergrund: Die Richtlinien der „Good Manufacturing Practice“, die bei Pharmaunternehmen wie EVER Pharma Jena greifen, besagen, dass die Qualitätssicherung GMP-regulierter Produkte nicht mit dem Herstellungsprozess endet, sondern sich über die gesamte Lieferkette erstreckt. Diese speziellen Anforderungen sind wiederum in den GDP-Richtinien („Good Distribution Practice“) definiert. Das erforderliche Qualitätsniveau der Produkte ist also von der Herstellung bis zum Endkunden zu dokumentieren und nachzuweisen.

Bildergalerie
Bildergalerie mit 6 Bildern

GDP-konformes WMS ist mit enormem Aufwand verbunden

Davon betroffen sind demnach auch logistische Prozesse, wie etwa im Bereich der Lagerhaltung. „Diese quasiverordnete Sicherheit entlang der gesamten Supply Chain ist zum Schutz der Patienten unbedingt erforderlich“, sagt Oliver Vujcic. „Es muss sicher ausgeschlossen werden, dass es zu negativen Beeinflussungen an den Produkten kommt, in deren Folge Menschen möglicherweise Schaden nehmen können.“

Gleichwohl sei die Umsetzung eines GDP-konformen beziehungsweise gemäß GDP validierten WMS mit einem enormen Aufwand verbunden. Das Testmanagement sei hierbei ein wichtiger Bestandteil des Qualitätsmanagementsystems und erstrecke sich über den gesamten WMS-Entwicklungsprozess. „Mit der Validierung haben wir das Ziel erreicht, dass unsere Anwendung sämtliche Kriterien erfüllt“, so Vujcic. Die definierten Zielsetzungen seien erreicht. Dazu gehören eine lückenlose Abdeckung der Anforderungen, eine Konstante in der Anlagenverfügbarkeit sowie eine garantiert hohe Zuverlässigkeit im täglichen Betrieb.

Erwartungen wurden voll und ganz erfüllt

„Wir waren uns von Beginn an sicher, mit Stöcklin Logistik den richtigen Partner gewählt zu haben“, resümiert Dr. Adalbert Lembcke. „Unsere Erwartungen wurden voll und ganz erfüllt. In jeder einzelnen Phase des Projekts hat das eingesetzte Team unter der Leitung der Herren Vujcic und Föhner großes Engagement gezeigt und seine Kompetenz und Erfahrung unter Beweis gestellt“, so der Geschäftsführer der EVER Pharma Jena GmbH weiter. Die Weichen für Wachstum und eine weitere Expansion seien gestellt. ■

* Urs Grütter ist CEO der Stöcklin Logistik AG in 4143 Dornach (Schweiz), Tel. (00 41-61) 7 05 81 11, info@stoecklin.com

(ID:43678933)