RFID Radiofrequenzidentifikation – eine geteilte Welt

Autor / Redakteur: Reinhard Irrgang / Dipl.-Betriebswirt (FH) Bernd Maienschein

Befragt man Unternehmen nach ihrem Faible für den Einsatz von RFID-Technik, so eröffnen sich zwei Welten: Während die einen nach wie vor auf den Barcode schwören, möchten andere keinesfalls auf die organisatorische Effizenz noch auf den wirtschaftlichen Nutzen verzichten, die ihnen der RFID-Einsatz erbringt.

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Bei Rewe optimiert der RFID-Einsatz Distributionsprozesse und Liefernetzwerke.
Bei Rewe optimiert der RFID-Einsatz Distributionsprozesse und Liefernetzwerke.
(Bild: Rewe)

Die Rewe-Group, drittgrößter Einzelhandelskonzern Europas, hat den Einsatz von RFID-Technik auf mehr als 15 seiner Logistikzentren in Deutschland ausgedehnt. Die Verantwortlichen von Rewe setzen dabei auf die Star-(Space-Time-Array-Reader-)Technologie von Mojix, dem führenden Anbieter großräumiger RFID-Netzwerke.

Mojix liefert passive Wide-Area-RFID-Infrastruktur

Deren umfassende RTLS-Kapazitäten bieten den Anwendern eine universelle Übersicht über sämtliche Waren, Behälter, Produkte und Güter in ihrer Logistikkette. Das Kürzel RTLS steht für Real Time Locating System und bezeichnet Geräte für die Echtzeit-Lokalisierung.

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Die 2004 von früheren Jet-Propulsion-Laboratory-(JPL-) und Nasa-Wissenschaftlern gegründete Mojix in Los Angeles (USA) lieferte Rewe die passive Wide-Area-RFID-Infrastruktur, die dem Konzern eine Einzelübersicht über sämtliche Mehrwegladungsträger in seiner Logistikkette ermöglicht. Die damit verbundenen Prozesse werden mit dem Begriff RTI-Management bezeichnet; RTI (Returnable Transport Items) steht für Mehrwegladungsträger.

200 m Lese- und Ortungsreichweite für die RFID-Labels

Rewe, das seit dem ersten Pilotversuch 2009 Systeme von Mojix einsetzt, hatte das passive RTLS ursprünglich für die Bestandoptimierung von Mehrwegladungsträgern integriert. Die Star-Technologie von Mojix wurde zum Verfolgen von RTI-Bewegungen, insbesondere von Containern für Tiefkühlkost, in den Verteilzentren eingeführt. So kann Rewe jeden Container einzeln verfolgen und zeitgenau lokalisieren, was die ganzheitliche Verwaltung der Container erheblich verbessert.

Das Star-System als Infrastruktur mit Lesegeräten für großräumige passive RFID verbindet die Vorteile aktiver RFID-Funktionen mit der Wirtschaftlichkeit von passivem RFID. Es ist laut Mojix das „weltweit einzige System, das passive RFID-Tags in großen Räumlichkeiten orten kann“: Ein einziger Star-Empfänger deckt mehr als 20.000 m² ab und kann ein RFID-Label aus 200 m Entfernung lesen und orten.

Große Reichweite auch mit passiven RFID-Tags erreichbar

„Wir freuen uns, dass die Rewe-Group das Einsatzgebiet unserer großräumigen passiven Star-Technologie erweitert“, so Ramin Sadr, CEO von Mojix. Mit der „Hand-free“- Bestandsverwaltung mit ortungsbasierten Dienstleistungen durch RFID „profitieren unsere Kunden von der großräumigen Abdeckung, die sonst nur mit teuren, batteriebetriebenen aktiven RFID-Tags in Verbindung gebracht wird, die aber wegen der passiven Tags kostengünstiger ist“.

Wie Matthias Bär, Leiter Logistik bei Rewe, betont, ist es „für uns als einen der wachstumsstärksten Einzelhandelskonzerne in Europa zwingend erforderlich, in ein RFID-System zu investieren, das uns über die gesamte Logistikkette Echtzeitdaten übermittelt und mit dem wir die Effizienz des RTI-Flusses zwischen unseren Verteilzentren und Verkaufsfilialen optimieren können. So bietet uns das System von Mojix eine detaillierte Übersicht, welche RTI-Behälter von den Rewe-Märkten in die Verteilzentren zurückkommen, womit wir diesen Prozess besser verwalten können. Zudem können wir den Pufferbestand minimieren und den Erwerb neuer RTI reduzieren.“ Und schließlich lassen sich bei Produktverlusten die „Rechenschaftspflichten der unterschiedlichen Teilnehmer der Logistikkette besser handhaben“.

Rhenus setzt RFID und Barcode immer projektbezogen ein

Wie Michael Eberz, Mitglied der Geschäftsleitung von Rhenus Contract Logistics, zum Thema RFID-Einsatz erläutert, setzt „Rhenus Contract Logistics eigene Assets und Lösungen oder am Markt zugekaufte Techniken stets so ein, dass die Kundenbedürfnisse bestmöglich erfüllt werden. Die Frage nach der Nutzung von RFID- oder Barcode-Systemen stellt sich somit für uns als logistischen Dienstleister immer mit Bezug auf das jeweilige Projekt und dessen Rahmenbedingungen.“ Ein bereits mehr oder weniger alltäglicher Anwendungsfall sei das Anbringen von RFID-Tags für Versandpackstücke, deren Empfänger dies von den Herstellern oder dessen Logistikern fordern. Ein „deutlich darüber hinausgehender Einsatzfall, der die Nutzung mithilfe von RFID erfasster Daten für den Logistikprozess beinhaltet, findet sich beispielsweise in einem bedeutenden Kundenprojekt von Rhenus im Kontraktlogistikbereich“, so Eberz.

Für einen Großkunden übernimmt Rhenus im Rahmen der Distributionslogistik für Bücher und andere Produkte das Management der Leerbehälter: Mithilfe der RFID-Technik wird in der Business-to-Business-Belieferung der Aufwand bei der Warenein- und -ausgangskontrolle „signifikant reduziert, da die Pulkerfassung einen schnellen Prüfungsdurchlauf durch ein RFID-Gate erlaubt und die Verladekontrolle des einzelnen Behälters deutlich beschleunigt wird“.

UHF- hat HF-Technik bei RFID abgelöst

Die Be- und Entlastung der Empfängerkonten kann in diesem geschlossenen Behälterkreislauf gleichfalls durch diese Erfassung automatisch mit gesteuert werden. Wie Eberz betont, hat „in diesem Projekt seit einiger Zeit die UHF-Technik die früher eingesetzte HF-Technik abgelöst, was im Ergebnis mit einer Erhöhung der Lesereichweite und einer optimierten Lesequote verbunden ist“. Der Experte ist davon überzeugt, dass im Zusammenhang mit den zu erwartenden weiteren technischen Verbesserungen sowie sinkenden Stückpreisen „ein verstärkter Einsatz von RFID innerhalb unserer logistischen Abwicklungen im Geschäftsbereich Contract Logistics zu erwarten ist“. Die betriebswirtschaftliche und technologische Einzelfallprüfung für eine Anwendung von RFID werde „auch von den anderen Geschäftsbereichen der Rhenus-Gruppe projektspezifisch im Auge behalten“.

RFID kann große Potenziale bei der Kosteneffizienz bieten

Rhenus sieht die größten Potenziale, besonders mit Blick auf eine Kosteneffizienz von RFID, „in einer Ausweitung der Anwendung auf mehrere, im Idealfall alle Beteiligte einer logistischen Lieferkette“. So ist beispielsweise „die Integration von RFID-Tags direkt in die Ladungsträger innerhalb einer Distributionskette vorstellbar. Von der aktiven Nutzung der Technik und den über die Tags erhaltenen Daten könnten alle beteiligten Geschäftspartner der jeweiligen Lieferkette profitieren“, ist Eberz überzeugt. „Ein- und Ausgangskontrollen für Waren, exemplarisch sei die Verwendung der Tags als elektronische Ladeliste genannt, würden daher gleich an mehreren Stellen der Kette stark verschlankt und summierten sich somit zu einem attraktiven Gesamtpotenzial.“

So gelte im „RFID-Bereich wie auch sonst: Je besser wir als Dienstleister die Prozesse unserer Kunden kennen, desto wirkungsvoller können wir gemeinsam mit ihnen die besten, weil maßgeschneiderten Lösungsansätze darstellen.“

RFID-Projekt „Smarti“ auf Erfolgskurs

Das Fraunhofer-IML arbeitet seit rund zweieinhalb Jahren an einem durchgängigen Materialfluss, bei dem branchenübergreifend Güter und Transportbehälter über die gesamte Wertschöpfungskette Informationen in Echtzeit austauschen und ihren Weg selbständig finden. Das IML und seine Partner aus Transport, Produktion und Handel versprechen sich von ihrem Projekt „Smarti“ – smart reusable transport items – „schnellere Prozesse, höhere Transparenz und die Optimierung des Lieferverkehrs“.

Bis heute lässt sich im Handel der Materialfluss einzig über die gekennzeichnete Ladung nachverfolgen. Die Forscher des IML hingegen drehen dieses Prinzip um: „Wir identifizieren die Güter anhand der Palette, wofür wir die Waren mit der Palette verknüpfen“, so Projektleiter Dr. Volker Lange. So sind die Produkte mit einer Kennzeichnung versehen und auch der Transportbehälter oder die Palette mit einer Auto-ID, deren Code in einem RFID-Chip integriert ist, der auch Daten von einem Transportgut verwalten kann; hierfür wird der Barcode der Ware entweder eingescannt oder berührungslos ausgelesen und an den RFID-Chip übertragen.

Künftig weiß der Handel genau, wo sich die bestellte Ware befindet: Alle Bewegungsdaten, Standort- und Zustandsinformationen und Ereignisse werden entlang der Wertschöpfungskette ausgelesen – etwa in einem Distributionszentrum, einem Auslieferungslager oder im Ladebereich – und in einem cloudbasierten System gespeichert. Ruft ein Lieferkettenpartner die Palette ab, kann er über eine von den Dortmundern entwickelte, webbasierte Informationsplattform auf die Daten zugreifen. Auch der die Transportbehälter zur Verfügung stellende Dienstleister profitiert von den Vorteilen: Die Ladungsträger melden sich automatisch, sobald sie leer sind, und fordern ihre Rücklieferung an.

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