Ausblick Road to the Future – Trends in der Logistikbranche

Autor / Redakteur: Roberta Haseleu / Dipl.-Betriebswirt (FH) Bernd Maienschein

Die Logistikbranche erlebt einen Umbruch durch die Pandemie. Der Fokus der Branche verlagert sich von der Diskussion über technologische Möglichkeiten hin zur Implementierung von Anwendungen. Unternehmen suchen digitale Konzepte für praxisnahe Lösungen, die dabei helfen, die aktuellen Herausforderungen zu bewältigen.

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Drohnen können in der Warendistribution künftig bei der Auslieferung auf der letzten Meile eine interessante Alternative sein, um insbesondere das Verkehrsaufkommen in Ballungsräumen einzudämmen oder an schlecht zu erreichende Punkte zu kommen.
Drohnen können in der Warendistribution künftig bei der Auslieferung auf der letzten Meile eine interessante Alternative sein, um insbesondere das Verkehrsaufkommen in Ballungsräumen einzudämmen oder an schlecht zu erreichende Punkte zu kommen.
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Zu diesem Thema hat Reply eine Studie mithilfe der unternehmenseigenen Trendplattform Sonar durchgeführt und die relevantesten Entwicklungen identifiziert. Insgesamt dominieren drei Trends: nachhaltige Logistik, Entwicklungen rund um den Arbeitsplatz und Omnichannel.

Nachhaltigkeit hat viele Facetten

Nachhaltige Logistik – das bedeutet konkret: Unternehmen gestalten ihre Lieferketten neu, steigern die Wirksamkeit und reduzieren anfallende Emissionen – von der Materialbeschaffung über das Design, die Produktion und Auslieferung bis zur Rücknahme und Entsorgung. Erreicht wird dies durch eine intelligente Kombination innovativer Technologien und neuer Businessansätze. Kreislaufwirtschaft, Zero-Waste-Politik bei Verpackungen und Elektromobilität leisten ihren Beitrag zur Verringerung von Emissionen.

Um die Logistik möglichst nachhaltig zu gestalten, müssen Verpackung, Transportmittel und andere Kriterien wie Lieferdistanz optimal abgestimmt werden. Zum Beispiel sind Getränke in Glasflaschen nur bei kurzen Transportwegen nachhaltiger als Plastikflaschen. Der zusätzliche Spritverbrauch, der durch das Gewicht des Glases verursacht wird, macht den Vorteil zunichte, der zuvor durch die Vermeidung von Plastik erzielt wurde.

Wie sich anhand der Entwicklungen des Omnichannel-Trends zeigt, gewinnt hyperlokaler E-Commerce zunehmend an Bedeutung. Die Umgestaltung der letzten Meile und die Lagerung von bestimmten Gütern in Mikrodepots in unmittelbarer Nähe des Endkunden zeigen ihre Relevanz sowohl hinsichtlich der nachhaltigen Logistik als auch bezüglich der Entwicklungen rund um den Arbeitsmarkt. Wenn die Auslieferung auf besonders kurzen Wegen der letzten Meile per Drohne oder Lastenfahrrad erfolgen kann, entlastet dies die Umwelt und das Verkehrsaufkommen in Ballungszentren. Gleichzeitig kann dem Kundenwunsch nach Same-Day-Delivery und flexibler Paketzustellung leichter entsprochen werden.

Solche Services werden durch KI-basierter Services zur Echtzeitoptimierung der relevanten Bereiche von der Bedarfsprognose über die Ressourcenplanung, die Terminierung und Verladung bis hin zum Flottenmanagement, der Routenoptimierung sowie der Standortintelligenz möglich. Smart-Planning-Algorithmen für die letzte Meile können Lieferrouten so optimieren, dass am wenigsten Fahrzeuge, die kürzeste Strecke oder das schnellste Ausliefern im Fokus stehen – unter Berücksichtigung der zur Verfügung stehenden Fahrzeugflotte.

Jobs im Wandel

Der zweite Trend, die Transformation der Arbeitsplätze, bedeutet für die Betroffenen eine Umgewöhnung in vielen Bereichen. Ob virtuelles Arbeiten, intelligente Robotik in Gestalt von AMR/AGV (Advanced Manufacturing Research/Automated Guided Vehicle) sowie Kommissionierrobotern oder aber Smart Glasses, Wearables, Native Interfaces und Voice-Lösungen: Der Arbeitsplatz der Zukunft in der Logistik wird sich vom heutigen stark unterscheiden.

Virtuelles Arbeiten, Robotik, Smart Glasses: Die Arbeit von Kommissioniererinnen und Kommissionierern wird sich verändern.
Virtuelles Arbeiten, Robotik, Smart Glasses: Die Arbeit von Kommissioniererinnen und Kommissionierern wird sich verändern.
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Voice Interfaces sind auf dem Vormarsch: Voice-Systeme, die natürliche Spracherkennung in mehreren Sprachen in Kombination mit intelligenten Assistenzfunktionen (KI) beherrschen, ermöglichen es, Personal über Länder- und Sprachgrenzen hinweg ohne Anlernzeit flexibel einzusetzen. Traditionelle Voice-Systeme basieren auf festen Befehlen und Antworten, welche auswendig gelernt werden müssen und von denen nicht abgewichen werden darf. Das System weist an: „Gehe zu Regal 3“. Der Mitarbeiter antwortet: „ok“ oder „ja“. Andere Eingaben werden nicht akzeptiert. Ein intuitives natives System würde auch „in Ordnung“, „wird gemacht“, „bin da“ und ähnliches verstehen. Auf diese Weise kann die Technologie bei der Bekämpfung des Fachkräftemangels unterstützen.

Mit Omnichannel Ökosysteme schaffen

Im Hinblick auf den dritten Trend, die Omnichannel-Logistik sowie die erhöhte Resilienz der Supply Chain, geht es vor allem um die Integration möglichst vieler Vertriebskanäle im Sinne eines umfassenden Ökosystems. Gerade der Omnichannel-Einzelhandel braucht spezielle Logistiknetzwerke sowie eine Infrastruktur mit besonders dynamischen Lager- und Fulfillment-Services, sodass die Unternehmen schnell auf Veränderungen reagieren und die Kundenwünsche erfüllen können. Die Pandemie hat die Bedeutung eines Ökosystems verdeutlicht. Dabei geht es zunächst um eine Neukonfigurierung der Supply-Chain- und Distributionsstrategie beziehungsweise -infrastruktur, um die Agilität der Unternehmen zu erhöhen. Eine schnelle Umstellung und ein perfektes Zusammenspiel von „Click and Buy“, „Click and Meet“, Onlineverkäufen und regulärem Filialgeschäft sind für das Überleben des Einzelhandels in der Pandemie ein Muss und stellen ganz neue Herausforderungen an die Logistik.

Schon vor der Pandemie galt laut Statista, dass etwa 50 Prozent von online bestellten Kleidungsartikeln retourniert werden. Kunden wollen im Geschäft und online einkaufen sowie retournieren können – ohne Beschränkungen: Ein Kunde kauft online Kleidung, aber möchte sie in der Filiale anprobieren und dabei einige Artikel gleich vor Ort umtauschen. Dabei will er selbst entscheiden, welchen Filialstandort er besucht, Hamburg oder Berlin. Eine andere Kundin bestellt online drei Mal im Verlauf mehrerer Tage beim gleichen Händler, aber möchte die Retouren bequem in einem Paket zusammenfassen. Bei Lieferungen sollen die Pakete an der Paketstation, beim Nachbarn (aber nicht bei dem mit den Hunden) oder im Mikrodepot auf die Abholung des Kunden warten. Alternativ soll es möglich sein, die Bestellung erst am nächsten Dienstag nach 18 Uhr zu erhalten, wenn sicher jemand zu Hause ist.

Mikrodepots leben von und mit Prognosen

All dies ermöglichen KI-unterstützte Liefer-, Abhol- und Rückgabeservices an jedem Ort und zu jeder Zeit. Die Verlegung von Supply-Chain-Lösungen in die Cloud, die Etablierung eines Business-Intelligence- und Entscheidungsfindungssystems auf Basis von Daten aus dem IoT der Kunden und eine Echtzeit-Bedarfsermittlung sind Schlüsselfaktoren, mit denen sich die steigende Komplexität in der gesamten Logistik bewältigen lässt.

Eine kurze Lieferzeit am gleichen Tag ist nur dann möglich, wenn die Ware bereits in der Nähe des Kunden lagert. Dazu berechnen intelligente Systeme Prognosen, welche Güter in welcher Region zu welcher Jahreszeit besonders häufig kurzfristig verfügbar sein müssen. Diese werden in den zuvor erwähnten Mikrodepots vorgehalten, damit sie direkt verfügbar sind, wenn Kunden die Ware brauchen.

Wie die Beispiele zeigen, sind die drei Trends nicht voneinander getrennt zu betrachten, sondern eng miteinander verwoben. Die Tendenz geht verstärkt dahin, die Menschen wieder in den Fokus zu rücken und Technologien dabei als Enabler zu betrachten.

* Roberta Haseleu ist Senior Manager und Practice Lead „Green Technology“ bei der Reply AG in 80636 München, Tel. +49 89 4111420, r.haseleu@reply.de

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