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Same Day Delivery Same Day Delivery – Schweizer denken anders

Die taggleiche Belieferung ist vor allem in Metropolen mehr und mehr Standard. Alexander Fuchs, Mitinhaber der Wanko Informationslogistik GmbH, im Gespräch mit MM LOGISTIK über die unterschiedlichen Herausforderungen von Same Day Delivery für Lebensmittel im innerstädtischen und regionalen Bereich.

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Warenübergabe: Vor allem in großen Städten werden Kundenwünsche immer kurzfristiger erfüllt.
Warenübergabe: Vor allem in großen Städten werden Kundenwünsche immer kurzfristiger erfüllt.
(Bild: Coop)

Herr Fuchs, warum gelten Same-Day-Delivery-Angebote für Lebensmittel hierzulande vorwiegend in den Ballungsgebieten und kaum in der ländlichen Region?

Alexander Fuchs: Das liegt natürlich an der höheren Bestelldichte in den Metropolen, die das Bilden wirtschaftlicher Touren bei möglichst kurzen Wegstrecken zwischen den Empfängern vereinfacht. Zudem passt das kurzfristige Erfüllen von Konsumentenwünschen besonders gut zum schnelllebigen Lifestyle der Großstädte, während die Uhren auf dem Land meist noch langsamer ticken.

Aber gerade auf dem Land leben doch viele ältere und nicht mehr so mobile Menschen, denen die Haustürlieferung von Lebensmitteln einen großen Mehrwert bringen würde ...?

Sie haben Recht und dieser Bedarf wird durch den demografischen Wandel noch deutlich zunehmen. Aber gegenwärtig lässt sich Same Day Delivery in der ländlichen Region noch nicht kostendeckend darstellen. Die Wirtschaftlichkeit ist ja bereits in den Ballungsgebieten problematisch. Hier sind schließlich keine herkömmlichen Sprinter, sondern wesentlich teurere Kühlfahrzeuge unterwegs, die sich ohne große Aussicht auf legale Parkmöglichkeiten durch überfüllte Straßen kämpfen müssen.

Da wäre es auf dem Land deutlich entspannter.

Nicht ohne Grund arbeiten große Anbieter an alternativen Lieferkonzepten für die Region. Im Gespräch sind Abholstationen mit Kühlvorrichtung, Kooperationen mit Tankstellen oder Sammelbestellungen, die innerhalb eingeschränkter Zeitfenster gebündelt an einem vereinbarten Ort übergeben werden. Das funktionierte auf diese Art ja auch schon zu Zeiten des Neckermann-Katalogs.

Eingeschränkte Zeitfenster klingt aber nicht mehr nach Same Day Delivery ...

... zumindest nicht an jedem Werktag. Aber durch einen festgelegten Lieferrhythmus ließen sich die Bestellungen bündeln. Dann würde zum Beispiel nur noch dienstags und donnerstags geliefert. Die Kunden könnten sich darauf einstellen und ihre Bestellungen bewusst planen, wodurch letztlich auch die Bestellmenge pro Kunde steigen würde. Damit könnten auch in der Region tragfähige Lieferkonzepte aufgebaut werden, die es für Lebensmittel heute noch nicht gibt.

Amazon fresh, Rewe und andere Anbieter sind aber doch schon in Deutschland aktiv oder befinden sich in der Startphase ...

... aber meist nur in den Ballungsgebieten. Amazon fresh, Bringmeister oder getnow.de beschränken sich zum Beispiel nur auf Berlin und München. Allein Rewe ist neben den Metropolen schon in zahlreichen weiteren Städten wie Augsburg, Osnabrück oder Ludwigsburg tätig. Das ist ein Anfang, aber noch lange keine Lösung für den ländlichen Raum.

Aber die Schweiz macht es uns schon seit zehn Jahren vor. Die Onlineplattform coop@home beliefert seit 2007 fast das gesamte Gebiet der Eidgenossenschaft noch am Tag der Bestellung mit frischen Lebensmitteln. Was können wir von diesem Beispiel lernen?

Die Schweizer denken anders. Für die dortige Coop stehen Kundenservice und Qualität im Vordergrund, wobei sich auch in der Region durch steigende Kundenzahlen die Wirtschaftlichkeit erhöht. Pro Tag werden bis zu 3500 Kunden mit Waren aus dem Trocken-, Frische- und Tiefkühlsortiment von den zwei Logistikstandorten Spreitenbach und Bussigny beliefert. Jeder Kunde kann aus 30 Terminen innerhalb der folgenden zehn Tage wählen. Für jeden Tag stehen Termine am Vormittag, Nachmittag und Abend zur Wahl. Geliefert wird jeweils von 8 bis 22 Uhr.

Arbeitet coop@home mit festen Rahmentouren?

Es gibt keine feste Gebietsaufteilung für die Touren der rund 130 Zustellfahrzeuge. Stattdessen werden die im Laufe des Tages neu eintreffenden Aufträge dynamisch Touren zugeordnet. Der Tourenplanungsserver prüft jeden gewünschten Liefertermin unmittelbar auf seine Auswirkungen beziehungsweise Machbarkeit, noch während der Kunde seine Bestellung aufgibt. Mit fortschreitendem Auftragseingang werden weitere Touren geöffnet. Aber auch zwischen den einzelnen Touren erfolgt ein regelmäßiger Austausch, sodass immer wieder neue optimale Touren entstehen.

Wie funktioniert denn die Zusammenarbeit zwischen Disposition und Kommissionierung?

Die rund 150 Touren pro Tag werden zwei Stunden vor Auftragsannahmeschluss an die beiden Logistikstandorte übermittelt, sodass die dortige Kommissionierung frühzeitig starten kann. Doch auch nach dem Start der Kommissionierung treffen im Hintergrund immer weitere Aufträge ein. So kann es vorkommen, dass Aufträge von einer Tour auf eine andere Tour verschoben werden müssen. Dabei prüft das von Wanko stammende Tourenplanungssystem automatisch, ob sich der Änderungsaufwand lohnt.

Kann hier der Mensch überhaupt noch eingreifen?

Die beiden Disponenten – tatsächlich wird die gesamte Arbeit von nur zwei Mitarbeitern bewältigt – können jederzeit in den Vorgang eingreifen und eigene Prioritäten setzen. Ein Monitor zeigt ihnen für jeden Tag und jedes Gebiet die Auslastung und die Anzahl der Aufträge und Fahrzeuge des nächsten Tages. Zudem können sie durch Auswahl eines Liefergebietes die aktuelle Tourensituation auf einer Karte betrachten. Wenn einer der Disponenten noch Optimierungspotenzial erkennt, kann er jederzeit manuell eingreifen und die jeweilige Tour endgültig abschließen. Spätestens nach Bestellannahmeschluss werden die Touren gesichtet und die Verladung freigegeben.

Zurück nach Deutschland. Welche Probleme müssen für Same Day Delivery im Bereich Lebensmittel noch gelöst werden?

Ein wichtiger Punkt ist das Leerguthandling. Zu klären ist, ob der jeweilige Fahrer leere Flaschen zurücknehmen muss, zumal der Platz im Fahrzeug begrenzt ist. Spannend wird auch, wie die Mehrkosten für Same Day Delivery an die Kunden weiterberechnet werden. Wird sich die Mischkalkulation oder eine distanzabhängige Kalkulation durchsetzen, bei der die Bürger auf dem Land stärker zur Kasse gebeten werden als die Städter? Diese Fragen wird uns auf Dauer der Markt beantworten.

Herr Fuchs, vielen Dank für das Gespräch!

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