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Interview Schwungmasse für „Industry X“

Jüngst hat die Übernahme des SCM-Projekthauses Salt Solutions durch das weltweit aktive Beratungsunternehmen Accenture für Aufsehen gesorgt. Wir sprachen mit Aimo Bülte, Managing Director Strategy und Industry X-Lead bei Accenture, und Maximilian Brandl, CEO bei Salt Solutions, über Hintergründe der Akquisition.

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Automatisierte Lager wie dieses sind die Domäne von Salt Solutions. Das Unternehmen will Partner sein bei der Digitalisierung der gesamten Supply Chain.
Automatisierte Lager wie dieses sind die Domäne von Salt Solutions. Das Unternehmen will Partner sein bei der Digitalisierung der gesamten Supply Chain.
(Bild: Salt Solutions)

Salt Solutions ist das neue Aushängeschild von Accenture für die DACH-Region, wenn es um das Thema Logistik und Produktion geht. Schon zuvor hatte Accenture weitere Unternehmen mit dem Schwerpunkt digitale Fertigung und Betrieb akquiriert. Die Würzburger Salt Solutions kann durch die Übernahme durch Accenture mit Hauptsitz im irischen Dublin weltweit neue Kundengruppen erschließen. Accenture schließt mit dem Erwerb von Salt Solutions eine Lücke in einer Branche, in der die weltweit tätigen Berater große Wachstumsmöglichkeiten sehen.

Herr Bülte, was waren die Gründe für die aktuelle Übernahme?

Aimo Bülte: Bei Accenture haben wir ja vor mehreren Jahren angefangen, „Industry X“ als neues Geschäftsfeld aufzubauen. Vor ungefähr sechs Monaten haben wir festgestellt, dass wir uns in der DACH-Region für unsere Kunden und deren Markt noch besser aufstellen müssen. Innerhalb von Accenture haben wir mit „Industry X“ eine neue Organisation ins Leben gerufen, in der wir auf die großen Fragestellungen unserer Klienten fokussieren. Das eine ist, wie sie Produkte in Zukunft neu gestalten und vom reinen Produkt mehr in ein Servicegeschäft wechseln können. Das andere ist, wie sich dementsprechend auch die Shopfloors und die Logistik durch die Digitalisierung verändern. Im ersten Fall, wenn es um das Software-Engineering geht, sind wir bei Accenture traditionell sehr stark aufgestellt und haben einen großen Footprint, weil wir inhaltlich sehr viel von diesem Geschäft verstehen. Der Shopfloor dagegen war bis heute eher nicht unser Home Turf. Wir sehen aber, dass es dort einen ganz großen Bedarf gibt, das Zusammenwachsen zwischen IT und OT zu schaffen im Sinne einer Industrial-IoT-Plattform. Wir haben deshalb weltweit nach Targets Ausschau gehalten und in der DACH-Region ist uns Salt Solutions ins Auge gestochen.

Aimo Bülte ist Managing Director und Industry-X-Lead bei Accenture. Er promovierte in Astroteilchenphysik. Er startete seine Karriere bei McKinsey & Company, leitete mehrere Jahre das R&D-Portfolio von Airbus Defense & Space und war CEO von Dornier Consulting, bevor er 2019 zu Accenture kam.
Aimo Bülte ist Managing Director und Industry-X-Lead bei Accenture. Er promovierte in Astroteilchenphysik. Er startete seine Karriere bei McKinsey & Company, leitete mehrere Jahre das R&D-Portfolio von Airbus Defense & Space und war CEO von Dornier Consulting, bevor er 2019 zu Accenture kam.
(Bild: Accenture)

Mir kommt es ein bisschen so vor, als ob sich die „Großen“ – McKinsey, PWC oder auch Accenture – einen Übernahmewettbewerb liefern ...

Bülte: Historisch gesehen haben diese Unternehmen bisher eher die Chief Executive Officer (CEO) beraten und den Kunden geholfen, über eine große End-to-End-Transformation in die digitale Transformation einzutreten. Wir kommen eher aus dem Umfeld der Chief Information Officer (CIO) und haben den Heads of IT geholfen, solche großen Transformationen in die Praxis umzusetzen und große digitale Plattformen zu schaffen. Die Fokusse liegen aber primär nicht mehr auf einer „übergalaktischen“ Transformation, sodern konzentrieren sich mehr und mehr in Richtung der Wertschöpfung nach unten, wo die Produkte entwickelt und hergestellt werden. Dort wird es durch die Verfügbarkeit neuester digitaler Technologien, hauptsächlich Cloud, Edge und 5G, die großen Veränderungen in den nächsten Jahren geben.

Herr Bülte, auf Ihrem Jobportal suchen Sie „Strategy Consultants – Transport & Logistik“. Hat sich das mit der Übernahme von Salt nicht erledigt?

Bülte: Nein, hat es nicht! Wir sind ein globales Unternehmen mit zwei unterschiedlichen Bereichen, die sich mit dem Shopfloor und der Logistik beschäftigen. Das eine ist traditionell unsere Strategy-&-Consulting-Einheit, die sich mit kontinuierlichen Verbesserungsprozessen auf dem Shopfloor, in der Logistik oder im Einkauf beschäftigen. Die werden jetzt auch sehr stark von der Salt-Akquisition profitieren. Und es gibt den neuen Bereich „Industry X“, der über die IT-Schiene kommt und sich mit den IT-Lösungen innerhalb der Produktion und in der Logistik beschäftigt. Deshalb haben wir eine Salt dazugeholt, um mehr Schwungmasse in der DACH-Region zu bekommen. Diese beiden Bereiche, „Industry X“ und „Supply Chain & Operations“, wie es bei uns intern heißt, müssen jetzt natürlich im Tandem eng zusammenarbeiten. Weil wir von großem Wachstum ausgehen, suchen wir in beiden Bereichen nach wie vor Mitarbeiter.

Nicht nur die Hannover Messe betont ja in letzter Zeit das Zusammenwachsen von Produktion und Logistik. Herr Brandl, ist es nicht so, dass die Produktion die eigentlich wertschöpfende und die Logistik die nicht-wertschöpfende Tätigkeit dabei ist?

Maximilian Brandl: Wir haben tatsächlich historisch einen Informationstag Logistik, das war am 1. Oktober, und einen Infotag Produktion, der am 17. November stattfindet. Seitdem ich bei Salt bin, hatten wir schon zwei Mal die Diskussion, ob man diese beiden Bereiche nicht enger zusammenführen soll. Und auch bei unserer Mitgliederversammlung in der Bundesvereinigung Logistik wird das Thema immer wieder diskutiert, weil da ja einige Schnittstellen existieren. Bei SAP sind die Lösungen, die wir für Logistik und Produktion anbieten, ja unter dem Supply-Chain-Dach gebündelt. Trotzdem führen wir noch separate Bereiche, weil es auch beim Kunden meist separate Ansprechpartner gibt: den Leiter Logistik und den Leiter Produktion. Neben den End-to-End-Prozessen hat man eben viele Gemeinsamkeiten, weil es immer irgendwo Sensoren, Maschinen oder Hardware gibt, die in irgendeiner Weise angebunden sind. Das ist sowohl in der Logistik als auch in der Produktion so.

Maximilian Brandl ist CEO der Salt Solutions AG. Der Experte für Logistik und Produktion, Industrie 4.0, Internet of Things, Cloud und Digitalisierung war zuvor unter anderem bei SAP Deutschland als Mitglied der Geschäftsleitung tätig.
Maximilian Brandl ist CEO der Salt Solutions AG. Der Experte für Logistik und Produktion, Industrie 4.0, Internet of Things, Cloud und Digitalisierung war zuvor unter anderem bei SAP Deutschland als Mitglied der Geschäftsleitung tätig.
(Bild: Salt Solutions)

Roboter in der Intralogistik, Big Data, Virtual Reality – für viele ein Mega-Hype, für andere schon ein alter Hut. Was ist das „next big thing“? Sind es Drohnen, Augmented oder Mixed Reality? Wo geht die Reise in den nächsten zwei, drei Jahren hin?

Brandl: Ich vergleiche das immer mit dem B2C-Geschäft, wo wir etwa mit Facebook oder Amazon ganz grundlegende Veränderungen gesehen haben. Für mich stehen wir jetzt gerade in der Industrie vor demselben Quantensprung. Da gehört Predictive Maintenance dazu, aber auch neue kommerzielle Modelle, wo sich neue Player auftun werden. Etwa bei autonomen Fahrzeugen, im Navigationsbereich auf dem Shopfloor – was vorher einfach nicht möglich war. Deshalb sind wir hier, auch Sie in der Redaktion, in einem ganz heißen Markt unterwegs.

Bülte: Ich würde das noch ein bisschen ergänzen. Ich sehe aktuell drei große Industrie- oder Technologietrends. Aus unserer Sicht sind das erstens das Cloud-Computing und die gewaltigen Kapazitäten, die aktuell auf den Markt geworfen werden. Das ist zum anderen 5G, das jetzt brandaktuell gerade im Entstehen ist. Das Dritte ist das Thema Edge und Edge Devices, wo die Computer-Power nicht nur per se so groß geworden ist, sondern auch die konzeptionelle Anbindung an die Peripherie, in der sie agieren. Mittlerweile ist das durch Standards so weit definiert, dass es tatsächlich einen Break-Through in der Edge-Technologie gibt. Und diese drei Themen kommen just in diesem Augenblick zum Zusammenwirken.

Herr Brandl, zielen Sie jetzt, mit Accenture im Rücken, eigentlich auch auf Branchen wie Versicherer oder öffentliche Verwaltungen ab?

Brandl: Unser Kern sind Logistik- und Produktionsthemen, ist die Digitalisierung im Bereich Industrie 4.0 – ob das jetzt SAP Digital Manufacturing Cloud oder SAP EWM ist. Es gibt sicher die eine oder andere Industrie, die wir nicht als Schwerpunkt in unserem Portfolio haben, etwa Medizintechnik oder Life Science. Da ist Accenture einfach viel stärker. Aber mit Accenture haben wir ein ganz anderes Entree dort und können auch viel leichter international bei unseren deutschen Bestandskunden agieren. Trotzdem werden wir auf den Kern „Industry X“ fokussiert bleiben, auf den Kern Digital Manufacturing, Logistics and Operations.

Wie es aussieht, steuern wir ja geradewegs auf einen „Hard Brexit“ zu. Sind Ihre Kunden darauf vorbereitet?

Bülte: Innerhalb der DACH-Region sehen wir dieses Problem tatsächlich nicht so stark, weil wir uns mit unseren Kunden und den Themen, die wir bearbeiten, primär auf die DACH-Region fokussieren. Natürlich haben wir auch Kunden, die sich jetzt Gedanken machen, wie der Brexit für sie aussieht und was das für Implikationen hat auf den zukünftigen Warenverkehr, in der Verzollung und so weiter. Aktuell spüre ich da aber keine große Unruhe bei unseren Kunden.

Meine Herren, ich danke ganz herzlich für die gewährten Insights!

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