Just-in-Sequence-Logistik Taktgenaue Stahlversorgung für die Produktion

Autor / Redakteur: Holger Kost / Dipl.-Betriebswirt (FH) Bernd Maienschein

Ein Mobilkranhersteller überlässt die Beschaffung seiner Stahlbleche für die Kran-Ausleger einem Speziallogistiker. Der Logistikdienstleister steuert den gesamten Materialfluss vom Stahlwerk über die Lagerhaltung, die Ver- und Entsorgung der Anarbeiten bis zur taktgenauen Produktionsversorgung.

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Bild 1: Der Gittermastkran CC6800 aus dem Terex-Werk in Zweibrücken ist mit 1250 t Tragfähigkeit einer der stärksten Krane der Welt. Beim Bau der ersten Metathese-Anlage Europas zur Herstellung von Propylen musste er einen 350 t schweren sogenannten Deisobutanizer in 85 m Höhe anheben. Bild: Terex
Bild 1: Der Gittermastkran CC6800 aus dem Terex-Werk in Zweibrücken ist mit 1250 t Tragfähigkeit einer der stärksten Krane der Welt. Beim Bau der ersten Metathese-Anlage Europas zur Herstellung von Propylen musste er einen 350 t schweren sogenannten Deisobutanizer in 85 m Höhe anheben. Bild: Terex
( Archiv: Vogel Business Media )

Die Terex Demag GmbH in Zweibrücken, Hersteller von Mobil- und Gittermastkranen, hat Prozesse in der Supply Chain für die Fertigung der Automobilkranen so umgestaltet, dass benötigte Stahllieferungen jetzt just in time oder sogar just in sequence erfolgen. Die Stahlaußenlager bei den Anarbeitern wurden aufgelöst und zu einem Zentrallager beim Stahllogistiker Kerkemeier Logistik GmbH in Hattingen zusammengeführt.

Der Dienstleister steuert den gesamten Materialfluss vom Stahlwerk über die Lagerhaltung, die Ver- und Entsorgung der Anarbeiter bis zur taktgenau strukturierten Produktionsversorgung bei Terex Demag, so dass dort vom Stapel weg gearbeitet werden kann.

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Höhere Leistungsfähigkeit der Krane und Bediensicherheit im Vordergrund

Seit 2002 gehört der Zweibrücker Kranhersteller zum Geschäftsbereich Terex Cranes der amerikanischen Terex Corporation in Westport, Connecticut. Mobilkrane haben die Terex-Firmengeschichte wesentlich bestimmt. Auch heute steht die technische Weiterentwicklung dieser Geräte im Vordergrund. Insbesondere arbeitet man permanent daran, die Leistungskraft zu erhöhen und die Sicherheit des Kranbedieners zu verbessern. Mit einer Tragfähigkeit bis zu 3200 t nehmen Mobilkrane von Terex Cranes heute einen führenden Platz auf dem Weltmarkt ein (Bild 1 und 2).

Im Werk Zweibrücken fertigt Terex Cranes mit rund 2000 Mitarbeitern All-Terrain- und Gittermastkrane. Für die Mobilkran-Ausleger werden bis zu 14 m lange Stahlbleche benötigt, die dann mit dem Laser zugeschnitten werden. Das erfolgt in speziellen Anarbeiterbetrieben, die in verschiedenen Regionen der Bundesrepublik ansässig sind. Bis vor kurzem nutzte Terex sie auch als Pufferlager, um Stahlvorräte bis zur Verwendung zwischenzulagern. Diese Lösung erwies sich jedoch zunehmend als wenig praktikabel, da die Anarbeiter-Betriebe in vielen Fällen nur über begrenzte Platzkapazitäten verfügten.

Hinzu kam, so beschreibt Heiko Sonntag, Supply Chain Analyst bei Terex in Zweibrücken, die Situation, dass die Führung eines Fremdlagers nicht zu den eigentlichen Geschäftskompetenzen bei den Anarbeitern zählt. Dadurch kam es zu Unübersichtlichkeiten in der Bestandsführung, was mit viel Aufwand bei der Fehlersuche verbunden war. Außerdem wirkte sich die Lager-Zersplitterung sehr belastend bei der Material-Mehrfachverwendung aus.

Gesamtes Lagerwesen für die Stahlbleche umstrukturiert

Besonders dann, wenn bei einem Anarbeiter bestimmtes Material benötigt wurde, das jedoch in einem anderen Betrieb lagerte und erst von dort angeliefert werden musste. Solche Umschichtungen waren für Terex immer mit zusätzlichen Transportkosten verbunden. Deshalb entschloss sich der Mobilkranhersteller zu einer Umstrukturierung des gesamten Lagerwesens für die Stahlbleche.

Für die bessere Vorratsbewirtschaftung und effizientere Prozessgestaltung in der Supply Chain wurden die Außenlager bei den Anarbeitern aufgelöst und das Material in einem zentralen Stahllager bei der Kerkemeier Logistik GmbH in Hattingen zusammengefasst. Von dort bekommt Terex jeden Sonntagmittag um 12 Uhr eine automatisch generierte Bestandsmeldung aus dem Kerkemeier-System, was einem permanenten Inventurstatus gleichkommt. Zusätzlich verfügt das Lagerverwaltungssystem über eine integrierte Alarmfunktion, die bei einer Unterschreitung des Minimalbestands der einzelnen Blechtypen anschlägt. Durch diese präventiven Maßnahmen kann Terex besser planen.

Abläufe im Terex-Zentrallager bei Kerkemeier funktionieren fehlerlos

Unstimmigkeiten in der Lagerverwaltung sind Vergangenheit, da die sonntäglich gemeldeten Vorräte einen Tag später bei Terex mit den Bestandsbuchungen abgeglichen werden. Die Abläufe im Terex-Zentrallager bei Kerkemeier funktionieren fehlerlos. In der jetzt über ein Jahr währenden Zusammenarbeit mit dem Logistik-Dienstleister Kerkemeier hat Terex bei einem Jahresumschlag von rund 6000 t gerade einmal eine Differenz von einer Tafel — ein sehr gutes Ergebnis.

Selbst die bahntypischen verladungstechnischen Schwierigkeiten bei der Materialanlieferung von den Stahlwerken bilden keine Probleme mehr. Da Kerkemeier Logistik Zugriff auf die zahlreichen Spezialfahrzeuge in der Lkw-Flotte der Kerkemeier Speditions-Gruppe hat, können auch dann Liefertransporte schnell durchgeführt werden, wenn die Bahn die Verladung des Stahls nicht realisieren kann. Das trifft hauptsächlich bei Waggonbeladungen mit 14 m langen Stahlblechen zu, da die Waggondächer nur versetzt aufschiebbar sind.

Dann muss Kerkemeier eines seiner Spezialfahrzeuge ins Stahlwerk schicken, um die mit Planen geschützte Liefe-rung abzuholen. Dafür stehen sieben 13,6 m lange Schräglader für je 22 t Ladungsgewicht, drei auf 20 m teleskopierbare Schräglader und für sehr lange Teile, wie 27 m lange Dornstangen, weitere sieben Fahrzeuge mit auf 30 m teleskopierbaren Aufliegern zur Verfügung.

Krananlagen und Spezialhebezeuge sorgen für zügige Abwicklung

Über 50 Produktionsfirmen aus unterschiedlichen Industriezweigen nutzen die Anlagen der Kerkemeier Logistik in Hattingen als Pufferlager für ihr Stahlmaterial. Da kann schon mal der Lagerbestand temporär auf über 30 000 t anwachsen. Die fünf teilweise bis 200 m langen Hallen sind mit Eisenbahngleisen und Lkw-Fahrwegen, mit einem Dutzend Krananlagen und einer breiten Palette Spezialhebezeuge ausgestattet, damit alle Lagerprozesse zügig durchgeführt werden können. Auch für Terex sind dort im Durchschnitt 3000 t Stahlbleche in unterschiedlichen Abmessungen eingelagert.

Bei jeder Anlieferung wird im Wareneingang eine Plausibilitätsprüfung gegen den Lieferschein durchgeführt. Gleichzeitig wird kontrolliert, ob die Bleche plan und rostfrei sind. Nachmessungen werden durchgeführt, sobald offenkundige Unstimmigkeiten bei den Größenangaben erkennbar sind. Anschließend erhält jede Tafel ein Etikett, auf dem der zwischenzeitlich erzeugte Barcode und die Abmessungen vermerkt sind, so dass jedes Blech individuell identifizierbar ist.

Mit einer Frist von einigen Wochen wird der Logistik-Dienstleister von Terex informiert, wann welche Bleche zu welchem Anarbeiter gebracht werden müssen. Bei Kerkemeier werden dann auf den Etiketten der entsprechenden Tafeln farbliche Markierungsaufkleber mit Datumseindruck angebracht, so dass die spätere Kommissionierung nur nach den Farbsignalen erfolgen kann. Dafür werden die Tafeln aus den gelagerten Blechpaketen durch eine Vakuum-Traverse mit acht Saugplatten und einer Tragkraft bis 12 t vereinzelt (Bild 3) und zu Hüben zusammengestellt, damit bei der späteren Verladung auf den Lkw nur noch wenige Kranbewegungen erforderlich sind (Bild 4).

Logistisches Lösungs-Szenario selbst bei unerwarteten Problemen

Wesentlich ist jedoch, dass jede Kommissionierung, zu der teilweise bis zu zwölf verschiedene Blechtypen gehören können, entsprechend dem Produktionsablauf bei Terex aufgebaut ist. Dafür hat Terex gemeinsam mit Kerkemeier anhand der Stücklisten für die verschiedenen Autokrane die Stapelreihenfolge der Bleche festgelegt.

In dieser Ordnung liefert Kerkemeier das Material dem Anarbeiter zum Schneiden. Danach müssen sie bei ihrer Zusammenstellung der Hübe genau darauf achten, dass die Bleche wieder exakt in der prozessgerechten Reihenfolge liegen. Nur so ist gewährleistet, dass die Stahllieferungen just in sequence taktgenau in die Produktion einfließen können und dadurch vom Stapel gearbeitet werden kann. Selbst bei unerwarteten Problemen gibt es ein logistisches Lösungs-Szenario.

Holger Kost ist Geschäftsführer der Kerkemeier Logistik GmbH in 45527 Hattingen.

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