Wie bringt man E-Learning in den Mittelstand?

Autor / Redakteur: Tina Seiler /

Die Frage nach dem „Wie“ stellen sich nicht nur E-Learning-Anbieter, sondern immer häufiger auch die Geschäftsführer von kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU), die neue Lerntechnologien

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( Archiv: Vogel Business Media )

Die Frage nach dem „Wie“ stellen sich nicht nur E-Learning-Anbieter, sondern immer häufiger auch die Geschäftsführer von kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU), die neue Lerntechnologien bisher nicht für sich nutzen. Moderne Lerntechnologien werden in deutschen mittelständischen Unternehmen bislang noch nicht sehr konsequent eingesetzt. 2004 wussten in einer von MMB Institut für Medien- und Kompetenzforschung in Essen zusammen mit dem Psephos-Institut durchgeführten Telefonbefragung unter Angestellten 54% der Befragten nichts mit dem Begriff E-Learning oder Telelearning anzufangen. Derzeit liegt die Nutzungsquote der Unternehmen mit bis zu 500 Mitarbeitern mit 20% immer noch nicht sehr hoch. Bei Großunternehmen sind es immerhin 41%, so das Ergebnis der Multi-Client-Studie „Corporate Learning 2006“, die MMB mit Psephos Anfang 2006 durchgeführt hat.

Grundsätzlich ist die Thematik aber gerade für kleine und mittelständische Unternehmen interessant, da sie die Mitarbeiter am Arbeitsplatz weniger entbehren können als größere Unternehmen. Die wenigsten Unternehmen können es sich leisten, ihre Mitarbeiter tagelang auf Fortbildungen oder Schulungen zu schicken. Gerade in KMU oder in Bereichen wie Vertrieb und Kundenservice führt der Arbeitsausfall von Mitarbeitern zu erheblichen Kostennachteilen.

Aber ohne das entsprechende Wissen schaffen es die Betriebe nicht, dem wachsenden Leistungsdruck zu begegnen. Besonders wenn neue Produkte oder Herstellungsverfahren in den Unternehmen eingeführt werden, ist der Schulungs- und Weiterbildungsbedarf hoch.

Vorteile für KMU

E-Learning oder elektronisches Lernen ermöglicht zeitunabhängiges, ortsunabhängiges und individuelles sowie bedarfsgerechtes Lernen. Somit können vor allem kleine und mittelständische Unternehmen über E-Learning schneller und einfacher den Zugang zu Weiterbildung finden. Ein wichtiger Faktor ist dabei beispielsweise die Einsparung personeller Ressourcen – „mehr“ Weiterbildung wird ermöglicht. Erstellte Inhalte können mehrfach verwendet werden und die Mitarbeiter haben die Möglichkeit, genau dann zu lernen, wenn das Wissen wirklich gebraucht wird. Speziell für Bereiche wie Vertrieb, Kundenschulung hat E-Learning den Vorteil, dass Neuerungen noch schneller an Kunden weitergegeben werden können.

Probleme in KMU

Was jedoch für Großunternehmen fast alltäglich ist, funktioniert bei KMU noch nicht. Sie müssen sich im Zusammenhang mit neuen Lerntechnologien häufig folgenden Problemen stellen:

  • zu wenig oder kein Personal, das sich mit dem Thema auskennt,
  • geringe oder mangelhafte IT-Infrastruktur und
  • kontinuierliche Qualifizierung der Mitarbeiter ist nicht etabliert.

Somit ist gerade die Skepsis hinsichtlich technischer Umsetzbarkeit oder zu erwartender Kosten sehr groß. Doch auch in diesem Punkt sind weitere Verbesserungen in Sicht. Im Projekt Explain – ein vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie gefördertes Forschungsvorhaben – werden für kleine und mittelständische Unternehmen kostengünstige Lösungen im Bereich E-Learning entwickelt.

Seit April 2005 arbeiten an diesem Thema die Unternehmen Schwarz Pharma Deutschland GmbH aus Monheim, Hager Tehalit GmbH aus Blieskastel und das Festo Lernzentrum Saar mit der Saarbrücker imc AG und anderen Partnern zusammen. Imc ist darauf spezialisiert, Konzepte im Bereich E-Learning zu entwickeln. Die anderen Partner bringen ebenfalls langjährige Erfahrung in die Entwicklung von neuen, kostengünstigen E-Learning-Werkzeugen ein.

Ziel des Forschungsvorhabens ist es, dass Fachleute in kleinen und mittelständischen Betrieben durch neue Werkzeuge mit geringem Zeitaufwand und ohne Einbindung von externen Experten E-Learning zu ihren Produkten und Dienstleistungen selbst herstellen können.

Bei der Hager Tehalit GmbH, die unter anderem Systeme zur elektrischen Stromverteilung in Gebäuden vertreibt, kommt E-Learning beispielsweise zur Schulung der Kunden zum Einsatz. Elektroinstallateure und Fachhändler müssen regelmäßig mit neuen Produkten vertraut gemacht werden. Der Installateur kann sich mittlerweile durch E-Learning am PC das notwendige Wissen zu Hager-Neuerungen selbst erarbeiten und muss nicht mehr zeit- und kostenaufwendig ins Schulungszentrum. Im Festo-Lernzentrum läuft es ähnlich. Dort wird die Qualifizierung von Mitarbeitern nicht nur zu technischen, sondern auch zu „weichen“ Themen, wie Führungstraining, per elektronischem Lernen durchgeführt.

Voraussetzungen im Unternehmen

Grundsätzlich sind zum Einstieg ins E-Learning sicherlich keine großen technischen Lösungen sinnvoll. Stattdessen sollte man zunächst „klein“ anfangen. Denn neben den technischen Überlegungen sind in der Regel weitere Aspekte bei der Einführung zu beachten. So spielt die Aufklärung und Sensibilisierung der Mitarbeiter zu dem Thema E-Learning eine große Rolle. Was bedeutet es für die Mitarbeiter? Welche Ziele werden verfolgt? Welche Chancen gibt es? Durch umfassende Information und das Heranführen der Mitarbeiter soll die Lernkultur des Selbstlernens gefördert werden. Ohne diese Kultur ist E-Learning nicht umsetzbar.

Darüber hinaus sind die Themen, die mit E-Learning vermittelt werden sollen, sorgfältig auszuwählen. An dieser Stelle spielen beispielsweise der Unternehmensbedarf und die Aktualität eine große Rolle. Effektiv ist es sicherlich auch, zunächst Pilotprojekte durchzuführen und diese anschließend mit verschiedenen Zielgruppen im Unternehmen auszuwerten.

Die Projekteinführung braucht Zeit und Geduld

Zudem muss jedes Unternehmen seine eigenen Regeln zur Nutzung von E-Learning schaffen und kommunizieren (Wo? Wann? Was kann gelernt werden?). Zum optimalen Einsatz von elektronischen Lerntechnologien ist außerdem die Einbeziehung des Betriebsrates (falls vorhanden) und aller Beteiligten, die sich mit Personalentwicklung oder Training beschäftigen, ein absolutes Muss. Wichtig ist ganz sicher auch etwas Geduld. Schließlich geht es bei der Einführung von E-Learning im Unternehmen um die Veränderung von Lernkultur.

Detaillierte Hintergrund-Informationen zum Projekt Explain gibt das Management Zentrum Mittelrhein e.V., eine Einrichtung der Fachhochschule Koblenz, der Universität Koblenz und der IHK Koblenz. Das Management Zentrum Mittelrhein gehört zu den insgesamt acht Explain-Projektpartnern. MM

MA, Dipl.-Betriebswirtin (FH) Tina Seiler ist Leiterin des Management Zentrums Mittelrhein in 56068 Koblenz, Tel. (02 61) 10 61 56, Fax (02 61) 10 63 41, seiler@koblenz.ihk.de

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