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Versandhandel Wir werden Amazon zu Tarifverhandlungen auffordern

Redakteur: Robert Weber

Die Schlagzeilen für Amazon im vergangenen Jahr waren oft wenig schmeichelhaft. Doch sind die Vorwürfe gegenüber dem Versandriesen gerechtfertigt? Die Gewerkschaft Verdi sah Anfang des Jahres noch Nachholbedarf.

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"Bei vielen Angestellten herrscht dort ein Gefühl der Ohnmacht." Thomas Schneider von der Gewerkschaft Verdi.
"Bei vielen Angestellten herrscht dort ein Gefühl der Ohnmacht." Thomas Schneider von der Gewerkschaft Verdi.
(Bild: Schneider)

Die Logistikwelt feierte im vergangenen Jahr Amazon und seine Expansionsstrategie in Deutschland. Doch wo hapert es?

Schneider: Bei jeder Expansion bleiben einige Bereiche immer auf der Strecke. Bei Amazon sind das sicherlich die Mitarbeiterzufriedenheit und -führung, denn dem Unternehmen fällt es nicht immer leicht, schnell das richtige Führungspersonal für die neuen Lager zu finden. Zudem bleiben anfangs oft die Arbeitsbedingungen auf der Strecke. Das ist auch der rasanten Expansion geschuldet. Die Beschäftigten machen die Erfahrung, bei Amazon steht die Kunden- über der Mitarbeiterzufriedenheit.

In den zurückliegenden Monaten las man in den Medien anonym auch von „moderner Sklaverei“ bei Amazon. Können Sie das bestätigen?

Schneider: Es ist wichtig hier zu differenzieren. In den Logistikzentren, wo seit einigen Jahren Betriebsräte existieren, hat sich die Arbeitssituation für die Mitarbeiter wesentlich verbessert. In den neuen Standorten wie Graben bei Augsburg ist die Situation dagegen sehr viel kritikwürdiger. Dort herrscht ein wesentlich höherer Druck auf die Belegschaft. Es werden Überstunden angeordnet oder kurzfristig Schichtpläne umgeworfen. Bei vielen Angestellten herrscht dort ein Gefühl der Ohnmacht. Darüber hinaus gibt es Probleme mit der Bezahlung, auch am Leipziger Standort. Das Buchhaltungssystem scheint nach unseren Informationen nicht richtig zu funktionieren. In Leipzig werden beispielsweise Stunden zum Teil nicht bezahlt, während in Graben KollegInnen teilweise gar kein Geld bekommen. Die Mitarbeiter werden durch Sicherheitsschleusen geführt, bevor sie ihre Pause antreten können. Das ist schon ein beklemmendes Gefühl. Darüber hinaus existieren keine dezentralen Pausenräume. In Hochphasen ist der Pausenraum oft überlaufen und es sind nicht genügend Toiletten vorhanden, da die Beschäftigtenzahlen um Tausende erhöht werden, auch durch Leiharbeiter. Man kann sagen, die Arbeitssituation vor allem in den neuen Standorten ist für die Beschäftigten oft sehr unbefriedigend.

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Wofür braucht ein Unternehmen Sicherheitsschleusen?

Schneider: Wir lehnen Diebstahl kategorisch ab. Es geht aber auch nicht, dass alle Mitarbeiter unter Generalverdacht gestellt werden. Ich sehe durchaus einen Zusammenhang zwischen gerechter Behandlung, Lohn und einer Diebstahlquote. Amazon besitzt sehr restriktive Sicherheitsregeln. Die Angestellten müssen beispielsweise immer den Handlauf an der Treppe nutzen, ansonsten werden sie verwarnt. Auch empfinden die Beschäftigten die Überwachung der Abläufe im Lager mit Kameras als unverhältnismäßig.

Ist Amazon ein Einzelfall?

Schneider: Ich weiß von Kollegen, dass Mitarbeiter bei Otto im Eingangsbereich ihren Rucksack oder ihre Tasche kurz öffnen müssen und dann das Lager verlassen. Das ist nicht vergleichbar.

Woran liegt das?

Schneider: Amazon ist sehr amerikanisch geprägt. Wir machen bei einigen Verantwortlichen ein gestörtes Verhältnis zur Mitbestimmung aus. Ein starker Betriebsrat ist für die Manager anfangs unvorstellbar und nicht gewollt. Auch die Arbeitsverträge haben eine amerikanische Handschrift. Die Mitarbeiter müssen einwilligen, dass ihre Daten in den USA gespeichert werden und Vorschläge zur Verbesserung der Prozesse geistiges Eigentum von Amazon werden.

Wie gestaltet sich der Alltag zwischen Betriebsrat und Geschäftsführer bei Amazon in Leipzig?

Schneider: Am Anfang war es sehr schwer für die Betriebsräte, sich Gehör zu verschaffen. Mittlerweile werden sie nicht mehr von der Geschäftsführung behindert. Der Betriebsrat und die Geschäftsführung pflegen mittlerweile einen professionellen Umgang. Wir registrieren allerdings, dass das Unternehmen immer noch versucht, Gewerkschaften aus dem Unternehmen rauszuhalten. Trotzdem organisieren sich die Beschäftigten. 2012 wird ein spannendes Jahr, denn mit der Wahl einer Tarifkommission werden wir Amazon zu Tarifverhandlungen auffordern.

Thomas Schneider betreut für die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi unter anderem die organisierten Beschäftigten im Amazon-Zentrallager in Leipzig. Der erfahrene Gewerkschaftssekretär betreut von Leipzig aus den Verdi-Fachbereich Handel und ist für die Mitarbeiter im Einzel- und Großhandel in Nordsachsen zuständig.

* Das Interview führte Robert Weber, MM-Logistik-Redakteur

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