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Klassisches Defizitmodell wissenschaftlich nicht mehr haltbar
Wissenschaftlich ist das Defizitmodell nach Auffassung von Prof. Dr.-Ing. Kurt Landau, Arbeitswissenschaftler an der TU Darmstadt, nicht mehr haltbar: „Die Fähigkeiten und Fertigkeiten des älteren Mitarbeiters sind nicht defizitär, schlechter oder geringer, sondern anders profiliert.“ Zwar mag die körperliche Belastbarkeit jüngerer Arbeitnehmer größer sein, doch läuft der Mensch in anderen „Diszipinen“ erst im Laufe seines Lebens zu Höchstform auf. Unter anderem sind bei Älteren die kommunikativen Fähigkeiten oft besser ausgeprägt, Lebens- und Arbeitserfahrung erleichtern es ihnen, den Überblick bei komplexen Sachverhalten zu behalten.
Damit rückt das heute von der Arbeitswissenschaft favorisierte Kompetenzmodell als Basis eines betrieblichen Altersmanagements in den Fokus. Altersmanagement, wie es Arbeitswissenschaftler, Berufsgenossenschaften und Verbände empfehlen, umfasst nach einem im Rahmen des Projekts „Menschen in altergerechter Arbeitskultur“ (MiaA) erstellten Papiers die fünf Handlungsfelder Personalführung und Rekrutierung, Arbeitsorganisation und -gestaltung, Qualifizierung und Kompetenzentwicklung, Führung und Unternehmenskultur sowie Gesundheit und Arbeitsschutz. Dabei soll an dieser Stelle der Aspekt der Arbeitsgestaltung herausgegriffen werden, da „die Betrachtung von Arbeitsgestaltung und Arbeitsorganisation defizitär ist“, wie der Darmstadter Arbeitswissenschaftler Prof. Landau betont.
Gute ergonomische Gestaltung der Arbeitsplätze wirkt „Wunder“
Unternehmern, die ihre Beschäftigten möglichst lange produktiv und flexibel einsetzen möchten, empfiehlt die „Neue Initiative Qualität der Arbeit“, den Mitarbeitern Tätigkeiten zu ersparen, bei denen sie auf Dauer mit Anforderungen wie gleichförmigen Arbeitsabläufen, Daueraufmerksamkeit, Zwangshaltungen, Nachtschichten, harter körperlicher und taktgebundener Arbeit, hohem Zeitdruck, negativen klimatischen Einflüssen sowie Heben und Tragen konfrontiert werden. Dabei geht es keineswegs darum, spezielle Schonarbeitsplätze zu schaffen, denn „ältere Mitarbeiter brauchen keinen Schongang, sondern altersdifferenziert gestaltete Arbeitsplätze“, so Prof. Landau.
Wie Susan Freiberg und Dr. Hanna Zieschang vom Berufsgenossenschaftlichen Institut Arbeit und Gesundheit in Dresden am Beispiel von Montagearbeitsplätzen gezeigt haben, genügt in der Regel eine „gute Gestaltung der Arbeitsplätze nach arbeitswissenschaftlichen und ergonomischen Kriterien“. Zusätzlich seien nur wenige spezielle Maßnahmen erforderlich, um den Arbeitsplatz an die Bedürfnisse Älterer anzupassen. Im konkreten Fall waren dies neben einer stärkeren Beleuchtung diverse Maßnahmen zur Unterstützung der Feinmotorik und Minderung der physischen Belastung.
Software hilft bei ergononmischen Risikoanalysen
Auch Software, die hilft, Arbeitsplätze altersgerecht zu gestalten, gibt es am Markt. „MTM ergonomics“ heißt ein Programm der Deutschen MTM-Vereinigung, das ergonomische Risikoanalysen für bestehende oder zukünftige Arbeitsplätze erstellt und ungünstige Belastungen frühzeitig prognostizieren kann. Eine Risikoanalyse mit MTM ergonomics läuft wie folgt ab: Aus MTM-Prozessbausteinen und Benutzereingaben – unter anderem zur Lage der Wirkstelle, Zugangsrichtung, Greifweite und Beinstellung – entsteht eine Beschreibung der physischen Belastung der Werker: der Ergonomiecode.
In Abhängigkeit vom gewählten Bewertungsverfahren wird aus dem Ergonomiekode zunächst der Belastungskode generiert. Er gibt an, zu welchen Belastungen die Einstufungen geführt haben. Aus ihm wird dann das Ergebnis der Risikoanalyse erzeugt: Eine verfahrensspezifische ergonomische Bewertung nach dem Ampelschema. Die Aggregation fasst mehrere Risikoanalysen zusammen. Sie ermöglicht die ergonomische Bewertung von wechselnden Arbeitstätigkeiten, wie sie in praxi beispielsweise bei einem Produktmix oder bei Job Rotation auftreten können.
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