Ende 2027, wenn die Wartung in SAP ERP ECC ausläuft, haucht das beliebte Logistics Execution System (LES) mit seinen Teilmodulen Warehouse Management (WM) und Transport (TRA) allmählich sein Leben aus. Natürlich hat SAP längst einen potenten Nachfolger ausgerufen: das „Embedded Extended Warehouse Management (EWM)“, ein fest im Kern der neuen SAP-Produktgeneration verankertes Modul.
Bei hohem Umschlag im Lager wird der Vorteil der besseren Lastverteilung der dezentralen EWM-Variante deutlich. Weiterer Vorteil: Sollte das ERP einmal ausfallen, kann trotzdem weiter kommissioniert und eingelagert werden.
(Bild: iStock)
Dies ist aber kein Muss, denn auch künftig stehen weitere Alternativen zur Auswahl. Neben Embedded EWM ist ein dezentrales EWM möglich, unter bestimmten Bedingungen kann man unter S/4HANA zunächst sogar mit WM beziehungsweise dem SAP Stock Room Management weiterarbeiten.
Wie die künftige Intralogistiklösung eines heutigen Warehouse-Management-Anwenderunternehmens aussehen sollte, richtet sich ganz nach dem Einsatzzweck, der eigenen Ausgangslage und Herausforderungen sowie Vor- und Nachteilen. Auch die Frage nach dem besten Zeitpunkt für einen Wechsel der Logistiksoftware muss man sich stellen: vor, während oder nach der ERP-Transition?
Lagerausbau zeigt Grenzen auf
Ausgangspunkt für die meisten Unternehmen ist heute eine klassische SAP-ECC-Installation (in der Regel Version 6.x) in Verbindung mit der Warehouse-Management-Lösung SAP Logistic Execution (LES), die auf SAP WM basiert. Diese ist (im sogenannten Compability Mode) auch im neuen S/4HANA enthalten, ihr Nutzungsrecht läuft allerdings 2025 aus. Anschließend besteht die Möglichkeit, ohne zusätzliche Lizenzgebühren das SAP Stock Room Management zu nutzen, welches ebenfalls Bestandteil der neuen SAP-Produktgeneration ist. Stock Room Management entspricht technisch dem bisherigen SAP WM und reicht etwa für einfache Scantätigkeiten im Handlager vollständig aus. Aber Vorsicht: Dieses ist nicht skalierbar und stößt beim Ausbau des Lagers sehr schnell an seine funktionalen Grenzen. Auch Anpassungen an veränderte Transportbedingungen, zum Beispiel die Zunahme des Paketdienstversands, sind mit Stockroom Management nur bedingt möglich.
SAP will seine Kunden dazu bewegen, sein neues Modul Embedded EWM einzusetzen. Die Kunden müssen sich dabei zwischen der Basic- oder Advanced-Variante entscheiden.
(Bild: DSAG)
SAP selbst möchte die Kunden natürlich dazu bringen, das neue Embedded Extended Warehouse Management (EWM) zu verwenden. Dieses ist bereits seit dem S/4HANA-Release 1610 (Ende 2016 vorgestellt) eine Standard-Funktionalität des SAP-Systems. Es bringt Value Added Services, Materialflussrechner und weitere neue Funktionen mit sich. Wer sich für EWM entscheidet, steht vor einer grundsätzlichen Auswahlmatrix: EWM als Basic- oder Advanced-Variante? Und: zentral (embedded) oder dezentral (by-side)? Zentral und dezentral unterscheiden sich hinsichtlich dessen, wo das EWM angesiedelt ist, Basic oder Advanced bezüglich der bereitgestellten Funktionen.
Dezentrales EWM macht Lagerverwaltung unabhängiger von zentralen ERP-Prozessen
Der Vorteil bei der dezentralen Lösung ist die bessere Lastverteilung, was sich bei hohen Volumina im Lager auszahlt. Sie punktet außerdem bei der Unabhängigkeit: Im Falle eines Ausfalls des zentralen ERP-Systems (etwa bei einem Upgrade) kann weiter kommissioniert und eingelagert werden. Auf der anderen Seite ist es teurer, einzelne Systeme separat zu warten und zu pflegen, als wenn man das EWM-Modul in den S/4HANA-Kern einbettet. Es ist letztlich eine Philosophiefrage, die ausgehend von den konkreten Produktionsweisen vor Ort beantwortet werden sollte.
Lizenzierung für das EWM-Advanced-Modul
Wer nur das Basic-Modul verwendet, für den genügt die klassische Userlizenzierung. Zum Umfang der Advanced-Lösung hat SAP einen Funktionenkatalog bereitgestellt mit Kriterien wie integrierte Materialflusssteuerung, logistische Zusatzleistungen, Kommissionierwellen, Lager-Reorganisation et cetera. Der Lizenzbedarf orientiert sich dann an den tagesdurchschnittlichen Anliefer- und Auslieferpositionen. Wer diese Funktionalitäten nutzt beziehungsweise SAP EWM als dezentrales System einsetzt, kommt um dieses Lizenzmodell nicht herum.
Die Berechnung der EWM-Lizenzen (sofern eine Lizenzierung laut den oben genannten Kriterien erforderlich ist) bemisst sich nach der Anzahl der Blöcke, die der Kunde zu erwerben hat; ein Block entspricht dabei 5.000 An- und Auslieferpositionen am Tag. Im Basic-Umfang kann EWM unabhängig jedweder Nutzungsvolumina eingesetzt werden. Die Entscheidung über Basic- oder Advanced-Umfang kann dabei pro Lagernummer getroffen werden.
Zwischen Basic und Advanced kann sich entscheiden, wer S/4HANA mit „Embedded EWM“ einführt, das heißt, die Lagerverwaltung als Modul direkt im S/4HANA. Aber auch wenn man weiterhin mit SAP ECC arbeitet, ist der Einsatz von SAP EWM möglich, dann jedoch ausschließlich mit der Advanced-Variante als dezentraler Lösung. Das bedeutet, man benötigt ein zweites, separat zu lizenzierendes SAP-System für den Betrieb. Die dezentrale Lösung kann auch später in S/4HANA fortgeführt werden, dann aber weiterhin mit einer Zweisystemlandschaft.
Zeitpunkt des Umstiegs
Grundsätzlich sind vier Szenarien denkbar: Wechselt man noch vor der eigentlichen S/4HANA-Transition auf SAP EWM (früher Umstieg), ist nur ein dezentraler Betrieb der Lagerverwaltung möglich, das heißt man braucht in jedem Fall eine zweite Systemlandschaft (SAP ECC + Advanced by-site). Das Szenario bietet sich, grob gesagt, immer dann an, wenn die Logistik eine zentrale Rolle im Unternehmen spielt. Sein Vorteil: Während der EWM-Einführung sind die ERP-Module in SAP ECC stabil.
Der parallele Lagersoftware-Umstieg zur S/4HANA-Transition eignet sich für Unternehmen mit einer mittelkomplexen Intralogistik. Hier besteht die Wahl zwischen dezentralem und zentralem EWM-Betrieb. Wenn man mit einer etwas längeren Transitionsdauer leben kann und die Basisfunktionalitäten mit klassischer User-Lizenzierung ausreichen, bietet sich dieser Ansatz an. Man hat nur einen Go-live und EWM kann bei einem Redesign der Prozesse in S/4HANA gleich mit angepasst werden. Allerdings ist dieser Ansatz mit mehr Aufwand im Projekt verbunden.
Stand: 08.12.2025
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Die Einführung von S/4HANA vorzuziehen und erst dann auf EWM umzusteigen, empfiehlt sich für Unternehmen mit mehreren Werken, die unterschiedliche Produkte herstellen und ihre Transition noch nicht vollständig abgeschlossen haben. Vorteil: Das S/4HANA-System ist bereits stabil und es gibt keine Änderungen mehr in den logistischen Modulen.
Die Königsdisziplin
Schließlich die anspruchsvollste Variante: der Hybrid-Umstieg, bei dem einige Standorte vor, einige während und einige nach der S/4HANA-Transition umgestellt werden. Unternehmen mit einer Vielzahl von Lagerstandorten, einer komplexen Lagerlogistik und einem hohen Individualisierungsgrad ihres bisherigen WM-Systems werden sich für diese Variante entscheiden.
Mit 10.000 produktiven Installationen ist das SAP Logistics Execution System die weltweit meistgenutzte Logistiksoftware. Zahlreiche Unternehmen sind also von einem Umstieg auf eine neue Intralogistik betroffen und müssen sich für eine der genannten Optionen entscheiden. Je eher man mit der Vorbereitung dafür beginnt, desto besser.
In der Arbeitsgruppe Lagerlogistik/EWM der Deutschsprachigen SAP Anwendergruppe (DSAG) und weiteren Gremien und Foren der Anwendergemeinschaft werden Fragen der Zukunft der Lagerlogistik seit längerem intensiv diskutiert. Interessierte Anwenderunternehmen erhalten dort Entscheidungshilfen und Informationen zu ihren entsprechenden Projekten. Erst im Frühjahr 2021 hatte die Arbeitsgruppe 48 Mitgliedsunternehmen verschiedenster Branchen zu ihren Plänen hinsichtlich Logistik/Warehouse Management befragt, 25 davon mit 5.000 und mehr Beschäftigten. Ein Ergebnis: EWM-Migrationen werden in den kommenden drei Jahren der ERP-Transition sogar vorgezogen. ■
* Michael Moser ist Fachvorstand Produktion & Supply Chain Management beim DSAG e. V. in 69190 Walldorf, Tel. (0 62 27) 3 58 09-58, info@dsag.de