Bandversorgung

Dem Daimler so nah – Logistiker mit Handicap

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Arbeit und Selbstbewusstsein sind die Ziele der Werkstatt

Klar, habe man als Werkstatt gesetzliche Vorteile gegenüber freien Unternehmen, aber eben auch Nachteile, heißt es. In der Autokrise vor drei Jahren liefen auch in Stuttgart die Bänder langsamer und bei der GWW wurde weniger abgerufen. Kurzarbeit löste bei vielen Unternehmen damals das Kostenproblem. Ein Instrument, das die Werkstatt nicht nutzen kann. „Wir haben einen Betreuungsauftrag und können unsere Leute nicht einfach kurz arbeiten lassen und nach Hause schicken“, sagt Eßlinger. Die Kosten bleiben, auch in schlechten Zeiten.

2009 war ein Einschnitt für die GWW-Logistiker, denn es gibt für sie nicht schlimmeres als keine Arbeit zu haben. Keine Abrufe auf dem Bildschirm zu sehen tut weh. Das Gefühl, gebraucht zu werden, ist für die Menschen mit Behinderung im Lager genauso wichtig, wie jedem anderen auch. „Wir schaffen Arbeit und Selbstbewusstsein“, fasst Eßlinger seine Aufgabe zusammen.

Das ist nicht immer einfach. Seit der Krise hat sich der Umgang mit den Kunden verändert, berichten die Verantwortlichen. Nachverhandlungen und kürzere Laufzeiten gehören mittlerweile zum Alltag. Doch die GWW will keine Extrawurst. „Wir können, was wir leisten und wollen nicht mit Samthandschuhen angefasst werden“, erklärt Eßlinger. Der Hintergrund: Auch die Menschen mit Behinderung müssen lernen, die wirtschaftlichen Realitäten anzunehmen. Dazu zählen tolle Aufträge, aber auch Enttäuschungen über verfehlte Ziele. Am Ende des Jahres muss auch bei der GWW die schwarze Null stehen.

WMS- und ERP-System mit Farben, Licht und Symbolen hilft Menschen mit Handicap

Geld gibt die Werkstatt für den Haustarif seiner Mitarbeiter, für die soziale sowie psychologische Betreuung am Arbeitsplatz, die Miete des Lagers und für nötige Umbauarbeiten in der Immobilie aus. „Wir nutzen moderne Technik, um unser Qualitätslevel zu halten und uns weiter zu verbessern“, berichtet der Regionalleiter. Messebesuche wie die Logimat, die Fakuma oder Motek gehören zum Alltag der Werkstattbetreiber.

Doch zur Not nehmen die Logistiker ohne Behinderung auch schon einmal selber den Schrauber in die Hand und entwickeln Prüfvorrichtungen, die in den Prozessen den Kollegen mit Handicap signalisieren, ob sie genau gearbeitet haben oder programmieren ihr WMS- und ERP-System auf die Bedürfnisse ihrer Mitarbeiter um. Dabei bedienen sich die Entwickler vor allem Farben, Licht und Symbolen, denn nicht jeder im Logistikzentrum beherrscht Zahlen und Buchstaben.

Prozesse werden an die Menschen angepasst

„Wir passen die Prozesse an den Menschen an“, erklärt Eßlinger und liegt damit voll im Trend, denn auch in der Industrie haben die Bosse das Potenzial des Mitarbeiters erkannt und orientieren sich um. Gerade auch vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels müssen neue Konzepte in der Produktion und der Logistik entwickelt werden. Nachhaltigkeit nennen das Unternehmensberichte oft. Eine Chance für die GWW, ist der Zulieferer überzeugt, denn klar kokettieren die Schwaben auch mit ihrer Gemeinnützigkeit und können dadurch Aufträge gewinnen – nicht nur in der Automobilindustrie, denn die Menschen mit Behinderung können auch Schweißen, Drucken, Roboter bedienen oder Kabelstränge bauen.

Nach der Schule geht es für viele in den Berufsbildungsbereich der Werkstätten. Dort bereiten Betreuer sie auf die Arbeitszeiten, die Regeln in den Prozessen und der Gruppe vor und fördern die Entwicklung der Fähigkeiten und Interessen jedes einzelnen. Aus der Werkstatt für Menschen mit Behinderung, wo in der Vergangenheit noch mit dem Holzbohrer gearbeitet wurde, entsteht ein moderner Dienstleister für die Industrie.

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