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Bandversorgung Dem Daimler so nah – Logistiker mit Handicap

Redakteur: Robert Weber

Der Autobauer Daimler vertraut bei der Bandversorgung im Werk Sindelfingen Menschen mit Behinderung. Das Team muss sich mit anderen Zulieferern messen lassen und fordert diese Gleichbehandlung aktiv ein. Die Werkstatt arbeitet seit Jahrzehnten erfolgreich für die Schwaben.

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Moderne Scannertechnik vermeidet Fehler in der Kommissionierung. Reiner Höckle ist stolz auf seine Arbeit für Daimler.
Moderne Scannertechnik vermeidet Fehler in der Kommissionierung. Reiner Höckle ist stolz auf seine Arbeit für Daimler.
(Bild: GWW)

Reiner Höckle muss nicht lange in seiner Schublade kramen bis er ein Bild von seinem Traumwagen in den Händen hält – einen Mercedes, das wär´s. Doch der Benz bleibt ein Tagtraum, denn der Mann an der Werkbank hat eine geistige Behinderung. Der Führerschein ist für ihn unerreichbar und damit auch der Daimler-Pkw. Doch bei seiner Arbeit ist er den großen Karossen des schwäbischen Autobauers näher als manch anderer. Gemeinsam mit seinen Kollegen der Gemeinnützigen Werkstätten und Wohnstätten gGmbH (GWW) liefert er Just-in-Sequence ans Band des Autobauers im Werk Sindelfingen.

Nach Just-in-Time folgt jetzt Just-in-Sequence

Fußmatten für die chinesischen Kunden – beige oder anthrazit, Reiner Höckle wartet auf die Abrufe im System und startet dann die Kommissionierung. Er scannt den Artikel, klebt den Barcode auf und verpackt die Fußmatte im Kommissionierwagen. Alles ohne Fehler, das Band darf nicht stehen. Den Scanner gibt er nicht aus der Hand. „Wenn da dann was passiert, bekommt der Daimler falsche Teile. Das geht nicht“, belehrt er Besucher.

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Menschen mit Behinderung in der Bandversorgung von Daimler? Der schnelle Automobiltakt für Gehandicapte? Warum nicht, dachte sich Peter Eßlinger, Regionalleiter der gemeinnützigen Gesellschaft. Seit den 70er Jahren bestehen Verbindungen zwischen dem Autobauer und der GWW. Am Anfang standen Schlüsseltaschen mit dem Benz-Stern, heute komplette und komplexe Logistikprozesse. Die GWW ist mit dem Tempo der Automobilindustrie mitgegangen, gewachsen und präsentiert sich heute als außergewöhnlicher Zulieferer am Markt. „Just-in-Time beliefern wir schon, Just-in-Sequence war eine neue Herausforderung“, erklärt Eßlinger im neuen Logistikzentrum in Böblingen. Stefan Hertle, Bereichsleiter Fahrwerk bei der Daimler AG ist froh, dass die Daimler AG mit Aufträgen die Arbeitsplätze behinderter Menschen sichern kann. „Aber das ist nicht selbstverständlich, sondern das Ergebnis einer guten Zusammenarbeit“, betont der Hertle.

Nullfehler sind auch für die Werkstatt Pflicht

Die Philosophie der GWW: Die Verantwortlichen zergliedern die Prozesse, um möglichst viele Menschen mit Behinderung einzubinden und Arbeit zu geben. Das widerspricht der klassischen Logistiklehre von schlanken, nahezu automatisierten Prozessen. Doch die Zahlen geben Eßlinger und seinen Mitarbeitern recht: „Wir müssen wie alle anderen Zulieferer auch uns um Aufträge bewerben, effizient, pünktlich arbeiten und Nullfehler liefern“, unterstreicht er. Die GWW will als Geschäftspartner ernst genommen werden und verzichtet deshalb gerne auf das „Sozialmäntelchen“. Den armen Behinderten einen Auftrag zuschießen – das will die GWW nicht.

In dem neuen Logistikzentrum arbeiten 60 Menschen mit Behinderung im Ein-Schicht-Betrieb dazu kommen 20 Mitarbeiter ohne Behinderung, die als Logistikfachkräfte oder Produktionshelfer im Zwei-Schicht-Betrieb die Bandversorgung unterstützen. „Wir leben hier Inklusion“, ist Eßlinger stolz. Stolz sind sie nahezu alle in der riesigen Halle mit ihren Blaumännern und grauen Jacken mit Just-in-Sequence-Schriftzug, denn sie arbeiten für den großen Daimler, das Milliardenunternehmen. Ohne sie würde das Band vielleicht stillstehen. Das gibt Selbstvertrauen „Unsere Mitarbeiter sind hochmotiviert, reisen von weit an, stehen morgens 30 Minuten vor Schichtbeginn vor der Tür und wir müssen sie geradezu in den Urlaub drängen“, erklärt der Regionalleiter. Diese Arbeitsmoral wünscht sich wohl auch so mancher Unternehmer von seinen eigenen Leuten.

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