Interview

Intralogistik-Projektgeschäft ist „People Business“

| Redakteur: Bernd Maienschein

Philipp Hahn-Woernle ist geschäftsführender Gesellschafter des Stuttgarter Intralogistikspezialisten Viastore. Seit 2011 ist er Mitglied der Geschäftsführung. 2013 übernahm er als geschäftsführender Gesellschafter die Leitung von seinem Vater Christoph Hahn-Woernle.
Philipp Hahn-Woernle ist geschäftsführender Gesellschafter des Stuttgarter Intralogistikspezialisten Viastore. Seit 2011 ist er Mitglied der Geschäftsführung. 2013 übernahm er als geschäftsführender Gesellschafter die Leitung von seinem Vater Christoph Hahn-Woernle. (Bild: Maienschein)

Der Intralogistikexperte Viastore ist weiter auf Erfolgskurs: CEO Philipp Hahn-Woernle rechnet nach einem hervorragenden Geschäftsjahr 2018 auch für 2019 mit weiterhin positiven Entwicklungen – nicht zuletzt wegen der Kooperation mit dem SAP-Spezialisten Prismat.

W ir sprachen mit den Geschäftsführern Philipp Hahn-Woernle und Fin Geldmacher über ihre strategische Ausrichtung, Gründe und Entwicklung der Zusammenarbeit und die Augenhöhe, auf der sich beide Unternehmen begegnen.

Herr Hahn-Woernle, als geschäftsführender Gesellschafter eines alteingesessenen Maschinen- und Anlagenbauers haben Sie kürzlich den Satz „Software is eating everything“ formuliert. Das war doch nicht ernst gemeint ...

Philipp Hahn-Woernle: Nicht zu 100 %. Der Satz stammt ja nicht von mir, sondern ist ein Zitat von Marc Andreessen, dem Mitgründer von Netscape. Was ich damit ausdrücken wollte, ist die exorbitant wachsende Bedeutung der Software und Datenverarbeitung in allen Bereichen unseres Lebens. Das betrifft auch den Maschinenbau – und noch wesentlich stärker den Anlagenbau. Eine Anlage muss man sich wie ein Orchester vorstellen: Die Software übernimmt als Dirigent die Integration aller Instrumente, sprich Anlagenkomponenten. Nur so kommt ein sinnvolles Ergebnis zustande.

Was tut Viastore konkret dafür, Nachwuchskräfte, von denen viele das Arbeiten in Start-ups „cooler“ finden als im traditionellen Maschinen- und Anlagenbau, langfristig für sich zu begeistern? Ist das im Arbeitsmarkt rund um Stuttgart überhaupt möglich?

Hahn-Woernle: Die größte Herausforderung ist es, die potenziellen Mitarbeiter auf die spannenden Aufgaben in der Intralogistik und bei Viastore aufmerksam zu machen. Sobald sich jemand entschieden hat, in unserem Team mitzumachen, verlässt er oder sie uns in der Regel nicht mehr. Das liegt an den spannenden Aufgaben rund um die Entwicklung unseres Softwareprodukts Viadat und in den Projekten, primär aber an der engen und kollegialen Zusammenarbeit bei uns. Dadurch macht das Lösen von komplexen Aufgaben noch mehr Spaß. Zusätzlich investieren wir in topmoderne Büros und bieten viele Zusatzleistungen wie Fitnessstudio, Fahrtkostenbeteiligung, Obst, vielfältige Weiterbildungsmöglichkeiten und vieles mehr.

Gemessen an der Marktkapitalisierung laufen Unternehmen wie Amazon, Google & Co. nicht nur dem klassischen Maschinenbau den Rang ab. Die jüngsten Kursverluste von Apple zeigen aber auch die Anfälligkeit dieser Branche. Da kann Ihr Unternehmen mit seiner stabilen Entwicklung doch punkten?

Hahn-Woernle: Absolut. Ich glaube, da muss ich generell mal eine Lanze für all die Unternehmen brechen, die es bereits länger als drei bis vier Jahre gibt. Natürlich hat es seinen Reiz, in einem Start-up zu arbeiten. Auf der anderen Seite kann man sich bei uns einfach darauf verlassen, dass das Gehalt am Ende des Monats überwiesen wird, dass wir die Arbeitszeiten einhalten, dass wir in die Ausbildung und Qualität unserer Mitarbeiterführung investieren. Und spannende Aufgaben gibt es bei uns wie Sand am Meer.

Der iPhone-Erfolg resultiert aus der systemimmanenten Verknüpfung von Hard- und Software sowie einer bis dahin unbekannten User Experience. War das eine Art Vorbild für Sie, Viastore Software auszugründen und sich sozusagen „zweibeinig“ aufzustellen?

Hahn-Woernle: Nein. Das nutzenbringende Verknüpfen von Hard- und Software machen wir seit knapp 50 Jahren, das muss Steve Jobs bei uns abgeschaut haben (lacht). Letztlich haben uns unsere Kunden damals dazu gebracht: Sie wollten neben den automatisierten Materialflüssen auch alle anderen Aufgaben ihrer Intralogistik in einem IT-System integrieren und wir haben uns mit Viadat dieser Aufgabe angenommen. Daher können wir eben viel mehr, als „nur“ Automatiklager zum Leben zu erwecken. Und dieser Kompetenz haben wir mit der Viastore Software ein Zuhause gegeben.

Herr Hahn-Woernle, erfolgreiche Intralogistikanbieter beschäftigen sich längst nicht mehr nur mit Stahl und Eisen, sondern auch mit Themen wie Virtual/Augmented Reality, Robotik und Open Shuttle.

Hahn-Woernle: Solche Tools und Technologien machen Intralogistikunternehmen nicht automatisch erfolgreich. Entscheidend sind die Kompetenz und das Prozessverständnis, mit der wir Systeme und Anlagen planen. Erst dann kommen die Werkzeuge, mit denen wir diese Prozesse umsetzen, und die Technologien, die unseren Kunden den höchsten Nutzen für ihre Aufgabe bringen.

Sie beklagen, dass über die Software beim Kunden meistens erst ganz am Ende einer Auftragsvergabe geredet wird. Dabei können Sie da in den Gesprächen doch aktiv gegensteuern ...

Hahn-Woernle: Glauben Sie mir, das tun wir auch. Es ist trotzdem immer wieder erstaunlich, wie viel Zeit der Diskussion den Anfahrmaßen eines RBG eingeräumt wird, anstatt sich über die richtigen Prozesse, zum Beispiel in der Auftragszusammenführung, zu unterhalten. Als Systemintegrator sehen wir uns in der Pflicht, auf die Bedeutung der richtigen Prozesse hinzuweisen und diese gemeinsam mit dem Kunden zu definieren. Sollte es da zu keinem einheitlichen Verständnis kommen, nehmen wir auch schon mal Abstand von einem möglichen Projekt. Denn eines ist klar: Irgendwann wird dann doch über die Prozesse gesprochen.

Herr Hahn-Woernle, seit Ende 2017 machen Sie in puncto SAP-Umfeld gemeinsame Sache mit dem SAP-Spezialisten Prismat. Sind über ein Jahr Kooperation oder, besser gesagt, Kollaboration genug Zeit für eine Zwischenbilanz?

Hahn-Woernle: Als Fußballfan würde ich es so beschreiben: Wir hatten ein sehr gutes Trainingslager und sind erfolgreich in die Saison gestartet. Wir haben bereits in den ersten zwölf Monaten mehrere Neuprojekte bei gemeinsamen Kunden gewonnen, die Betreuung der Bestandskunden ist sichergestellt und die Integration der verschiedenen Systeme ist fast abgeschlossen. Wir freuen uns auf die nächsten Spiele.

Fin Geldmacher: Aus meiner Sicht hatten wir in der Kooperation ein extrem erfolgreiches Jahr. Ich kenne wenig Partnerschaften in der Branche, die bereits im ersten Jahr über 50 Kundenprojekte gemeinsam bearbeitet haben. Auf jeden Fall haben wir in dieser Zeit auch viel übereinander und voneinander gelernt, sodass wir eingespielter und damit auch schneller und effizienter werden.

Fin Geldmacher ist Geschäftsführer der Prismat Gesellschaft für Softwaresysteme und Unternehmensberatung mbH in Dortmund. Prismat ist eine Ausgründung des Fraunhofer-Instituts für Materialfluss und Logistik (IML) und verbindet IT und Logistik miteinander.
Fin Geldmacher ist Geschäftsführer der Prismat Gesellschaft für Softwaresysteme und Unternehmensberatung mbH in Dortmund. Prismat ist eine Ausgründung des Fraunhofer-Instituts für Materialfluss und Logistik (IML) und verbindet IT und Logistik miteinander. (Bild: Maienschein)

Herr Geldmacher, stimmt es, dass Ihre Partnerschaft mit Viastore letztendlich aus einer Empfehlung von Prof. Michael ten Hompel resultiert?

Geldmacher: Es war ein Impulsvortrag von Prof. ten Hompel im Rahmen des Jahrestreffens der Warehouse-Logistics-Teilnehmer vor einigen Jahren. Dort hat er die Empfehlung ausgesprochen, sich als Unternehmen zu fokussieren und nicht alles selbst machen zu wollen, sondern für angrenzende Themen strategische Kooperationen mit starken und zuverlässigen Partnern einzugehen. Und wir haben seitdem tatsächlich drei Anläufe gebraucht, den richtigen Partner in der Automatisierungstechnik zu finden, der nicht nur fachlich, sondern auch von seiner Strategie, Kultur und Verlässlichkeit zu uns passt.

Technik und Software greifen bekanntlich über Steuerung und Projektmanagement ineinander. Aber das „People Business“ Projektgeschäft hat sicher noch weitere Fallstricke zu bieten?

Geldmacher: Ja, das ist ein wichtiger Punkt in jedem Projekt. Wenn die Menschen nicht miteinander klarkommen oder aneinander vorbeireden, kann es sehr schwierig werden, und zwar auf allen Ebenen in einer Kundenbeziehung oder Partnerschaft. Es menschelt überall. Deshalb ist Kommunikation für uns ein so zentrales Thema, dass wir es in unsere Projektmethodik prominent eingebettet haben und auch für alle Mitarbeiter Kommunikationstrainings durchführen.

Herr Geldmacher, inwieweit hat für Sie der strategische Aspekt eine Rolle gespielt, dass Viastore in Stuttgart beheimatet ist? Sie hatten doch erst 2016 eine Niederlassung dort eröffnet. Das Arbeiten unter einem Dach mit kurzen Wegen ist scheinbar nicht zu unterschätzen?

Geldmacher: Der Standort war aus unserer Sicht für die Partnerschaft nicht entscheidend, war aber ein tolles Goodie. Das hat unsere Strategie dahingehend beeinflusst, dass wir unsere Wachstumsplanung am Standort Stuttgart weiter ausgebaut haben. Wir haben vor einigen Jahren Videokonferenztechnik bei uns eingeführt und nutzen diese tagtäglich im Projektgeschäft. Dennoch ist es immer schön, wenn man sich in der Kaffeeküche trifft oder einfach mal ein Büro weiter gehen kann, um sich auszutauschen. Gerade wenn man sich in einem frühen Stadium einer Partnerschaft befindet, ist das Arbeiten unter einem Dach sehr hilfreich, da sich häufig spontane Fragen ergeben.

Stichwort Unternehmenskultur: Fühlen Sie sich wohl im Schwäbischen und insbesondere als Juniorpartner von Viastore oder läuft diese Partnerschaft „auf Augenhöhe“, wie man heute sagt?

Geldmacher: Ich fühle mich sehr wohl im Schwäbischen. Seit Jahren begleiten wir Kunden in der Region, zum Beispiel Bürger oder Förch. Dadurch konnten wir schon vor unserer Partnerschaft mit Viastore Erfahrungen mit schwäbischen Unternehmen sammeln. Ich schätze die Bodenständigkeit, den Pragmatismus und die Zuverlässigkeit dieser Unternehmen sehr. Das ist heutzutage nicht mehr selbstverständlich. Unsere Partnerschaft mit Viastore läuft absolut auf Augenhöhe. Dieses gute Gefühl haben uns die Kollegen von Viastore schon in der Anbahnung der Partnerschaft gegeben und daran hat sich bis heute nichts geändert. Für uns ist der Umgang auf Augenhöhe ein wesentlicher Aspekt einer strategischen Partnerschaft.

Hahn-Woernle: Das kann ich ganz klar bestätigen: Es darf sich hier nicht um eine „Juniorpartnerschaft“ handeln, das wäre nicht im Sinne unserer Kunden, unserer Teams und unserer Mentalität.

Vielen Dank für das Interview, meine Herren!

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