Gefahrgut

Gefährliche Güter gebührend verpacken

04.04.2008 | Autor / Redakteur: Sabine Mühlenkamp / Volker Unruh

Gefahrgut, ob Feuerwerkskörper, Spraydose oder radioaktives Material, muss sorgfältig verpackt werden. Dabei gewinnt die genaue Kenntnis der entsprechenden Gesetze immer mehr an Bedeutung, insbesondere bei internationalen Transporten. Die Verpackungshersteller sind dann vor allem als Berater gefragt.

Viele denken bei Gefahrgut sofort an hochexplosive Sprengstoffe, ätzende Chemikalien oder giftige Pflanzenschutzmittel. Kaum jemand vermutet, dass bereits ein Gesichtswasser, das Alkohol enthält, bei entsprechender Menge oder ein Airbag unter die Gefahrstoffverordnung fällt.

Die Verpackung dieser Produkte ist daher nicht nur eine Sache der Technik, sondern vor allem eine Sache des Wissens. „Der Anteil an Gefahrgut hat in den vergangen Jahren sehr stark zugenommen“, erklärt Reiner Zimmermann von der Balci Logistik in Mannheim, „zudem werden die Vorschriften immer mehr verschärft, da jedes Produkt seine spezifischen Besonderheiten hat und zum Beispiel entzündbar, explosiv, infektiös oder gasförmig ist.“

Die Schwierigkeiten liegen in der Fülle und in der Verschiedenheit der Produkte. Immerhin kennt die Gefahrgut-Gesetzgebung rund 6000 Stoffgruppen. „Prinzipiell dürfen diese Güter nur durch geschultes Personal behandelt werden“, macht Reiner Zimmermann deutlich. „Die Gesetzgebung verlangt dies, da ansonsten gegenüber Dritten ein zu großes Gefahrenpotenzial entstehen würde. Das setzt ein hohes Maß an Know-how voraus.“

An der Spitze stehen etwa 120 sogenannte Listengüter. Diese sind so gefährlich, dass viele davon gar nicht transportiert werden dürfen oder nur auf bestimmten Streckenführungen mit speziellen Verkehrsträgern. Und auch dann nur in streng limitierten Mengen oder in speziellen Transportmitteln.

Entscheidende Fragen sind daher, welche Verpackungsart verwendet werden darf und wie hoch die maximal erlaubte Menge des Gefahrstoffes pro Packstück ist. Wie viel Gefahrstoff darf eine Innenverpackung enthalten und wie muss man sie sichern? Darüber hinaus sind die einzelnen Bestimmungen im Abgangs-, Transit- und Bestimmungsland zu beachten sowie die Unterschiede in den verschiedenen Transportmitteln.

Gefahrgut-Verpackungen sind so individuell wie ihr Inhalt

Prinzipiell gilt, dass die Verpackungen meist so individuell sind wie ihr Inhalt. Trotzdem lässt sich eine Tendenz ausmachen, wie Sven Tiedemann vom Institut für Beratung, Forschung, Systemplanung, Verpackungsentwicklung und -prüfung (BFVS) an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg berichtet: „Bei flüssigen Stoffen werden die meisten Verpackungen aus PE gefertigt. Bei festen Stoffen haben sich in der Regel Säcke aus Kunststoffgewebe oder -folie bewährt. Bei zusammengesetzten Verpackungen (überwiegend im Luftverkehr) hat sich als Außenverpackung in der Regel die Schachtel aus Wellpappe durchgesetzt.“

Dass auch andere Varianten möglich sind, zeigen die Beispiele der so genannten Sky-Box und der PAF-Box. Die Variante für den CargoBereich, die Sky-Box, bietet eine Door-to-Door-Guaranteed-Security und schützt Gefahrgut vor Diebstahl und Witterungseinflüssen. Die Sky-Box bietet Platz für eine Europalette und ist in der Höhe von mindestens 70/75 cm bis maximal 1,30 m Innenhöhe variabel in 5-cm-Schritten verstellbar. Dadurch passt sich die Sky-Box den jeweiligen Palettenmaßen an.

SCA-Packaging stellt neues Verpackungskonzept für Gefahrgut vor

Unter dem Namen PAF-Box hat die SCA Packaging Deutschland jüngst ein neues Gefahrgutverpackungskonzept für Chemikalien vorgestellt. Hier besteht die UN-zugelassene Verpackungslösung für den Transport von Glasflaschen, etwa mit Säuren, aus zwei Faserformteilen als Inneneinrichtung und einer Wellpappenbox.

Die Box ist als Einkomponentenverpackung einfach und problemlos zu entsorgen. Die Formteile sind darüber hinaus stapelbar und verringern dadurch das Lager- und Frachtvolumen im Vergleich zu herkömmlichen Styroporformteilen erheblich.

Wichtiger Bestandteil des Faserformteiles ist das Mineral Vermiculit, das in gebundener Form die Saugfähigkeit der Verpackung deutlich erhöht. So können die Formteile der Box den Inhalt einer ganzen Flasche aufsaugen. Ein Auslaufen der gefährlichen Flüssigkeit wird so entweder ganz verhindert oder auf ein Minimum reduziert.

Häufig gibt es Probleme bei unsachgemäßer Verwendung

„Sofern die Verpackungen zugelassen sind, gibt es in der Regel bei sachgerechtem Gebrauch keine Probleme mehr“, bestätigt Sven Tiedemann. „Probleme treten in der Regel nur bei unsachgemäßer Verwendung oder nicht zugelassenen Verpackungen auf.“

Bis die Verpackungen jedoch die Zulassung bekommen, werden sie strengen Tests unterzogen und deren Ergebnisse genau untersucht. Dafür müssen voll beladene Behälter umfangreiche Fall-, Stapel- und Hebetests bestehen, bevor sie für eine Anwendung als Gefahrgutverpackung zugelassen werden.

Die Belastungstests folgen den UN-Richtlinien sowie Anforderungen anderer Institutionen, so dass sie später die UN-Klassifizierung erhalten. Wichtig ist, dass Gefahrgut, Primär- und Transportverpackung, Polstermaterial und Verschlussmittel als Einheit getestet werden – schließlich entscheidet bei einem Unfall das exakte Zusammenwirken aller Schutzfaktoren über die Sicherheit.

Hersteller mit umfangreichem Grundsortiment

Außer Institutionen wie dem BFSV e.V. ist beispielsweise auch Zarges als autorisierte Prüfstelle berechtigt und in der Lage, Gefahrgutverpackungs-Prüfungen durchzuführen und die Bauartzulassungen zu beantragen. Bei Zarges gehört etwa die Box K470 aus Aluminium zu den Standardverpackungen für Gefahrgut.

„Unsere Gefahrgutverpackungen werden ausschließlich im Mehrwegbereich eingesetzt, zum Beispiel als Pendelverpackung bei Kurierdiensten“, macht Michael Blum vom Weinheimer Unternehmen Zarges deutlich. „Sie eignen sich besonders für explosive Stoffe, zum Beispiel Airbags, Stoffe der Klasse 6.2 , aber auch Klasse 3, 9 und in bestimmten Fällen auch Klasse 7.“

Damit das Gefahrgut sicher transportiert wird, bietet Zarges Polstereinsätze nicht nur als Standardprodukte an, sondern auch als individuelle, kundenspezifische Lösungen. Diese sind dann abgestimmt auf Gewicht und Einsatzzweck des Inhalts und enthalten auf Wunsch auch schon die entsprechenden Aufsaugmaterialien.

Für Standardfälle greifen die Verpackungshersteller meist auf ihr Lager zurück. „Wir verfügen über ein umfangreiches zertifiziertes Grundsortiment, aus dem der Kunde in vielen Fällen seinen Bedarf bereits decken kann. Wir bieten sieben verschiedene 4DV-zugelassene Verpackungslösungen für die unterschiedlichsten Klassen“, berichtet Andrea Samp, Prokuristin beim Oberhausener Unternehmen Evers. „Darüber hinaus bieten wir kundenspezifische Verpackungslösungen an.“

Generell wird die Beratung immer wichtiger. „Gerade bei Gefahrgütern ist die Beratung extrem wichtig. Im Herstellungswerk in Schweden stehen zum Beispiel bei schwierigen Anforderungen unter anderem Gefahrgutspezialisten zur Verfügung. damit eine individuelle Beratung gewährleistet ist“, beschreibt Andrea Samp die Vorgehensweise bei schwierigen Gütern.

Bei Gefahrgutverpackungen ist die Kindersicherheit wichtig

Trotz aller Standardverpackungen ist der Aufwand, ein Gefahrgut auf den sicheren Weg zu geben, alles andere als einfach. „Die Schwierigkeiten beim Versand von Gefahrgut resultieren zum großen Teil daraus, dass es noch keine einheitlichen internationalen Gefahrgutvorschriften für alle Verkehrsträger gibt“, beklagt Reiner Zimmermann. „Diese uneinheitlichen Gesetzgebungen sowie die fast unüberschaubaren Papierberge von Verordnungen, Richtlinien und Anweisungen erschweren es dem Versender, den Überblick zu behalten.“

Als Beispiel nennt er eine Patientenprobe, die infektiös war. „Diese musste unter ständiger Kühlung versendet werden. Die Klassifikation sowie Deklaration und auch die Verpackung waren sehr umfangreich, da sowohl die Luftverkehrsgesellschaft als auch das Transit- und Empfängerland eigene Bestimmungen hatten.“

Viele Unternehmen verstehen sich daher mittlerweile als Verpackungsdienstleister, deren Portfolio weit mehr als die Verpackung umfasst. So stellt die Balci-Gruppe – wenn es nötig ist – auch eine „beauftragte Person“ für die Durchführung der Verpackungsarbeiten vor Ort zur Verfügung. Diese Gefahrgutbeauftragten übernehmen dafür die Kontrollfunktionen und erstellen die vorgeschriebenen Jahresberichte inklusive der vollständigen Dokumentation und Deklaration.

Und auch bei der Entwicklung der eigentlichen Verpackung gibt es mitunter Anforderungen, mit denen keiner rechnet – etwa das Thema Kindersicherheit. Doch gerade dies war der Auftrag eines Entwicklungsteams von STI für einen Top-Hersteller von professionellen Geschirrspülmitteln. Diese kindersichere Gefahrgutverpackung aus Wellpappe löste die bisher eingesetzte Kombitrommel ab. Der Clou der neuen Verpackung ist ihr intelligenter Verschluss, der nur durch das gleichzeitige und gleichmäßige Drücken von vier Punkten im Deckel geöffnet werden kann. So viel Einfallsreichtum wurde belohnt: Die STI Group wurde mit dem begehrten IF-Product-Design-Award ausgezeichnet.

 

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