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Polen Neue Märkte erschließen

| Autor / Redakteur: Jens Kohagen / Ulrike Gloger

Polen ist wegen seiner immer noch preiswerten Arbeitskräfte, seiner Nähe zu Westeuropa und seiner Aufgeschlossenheit für westliche Investoren ein Standort, der durchaus mit weiter ostwärts gelegenen MOE-Staaten und auch mit Indien und China konkurrieren kann.

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Ulrich Dantzer, Geschäftsführer Metroplan, Hamburg: „Junge Unternehmen brauchen in der Aufbauphase flexible Hallen.“
Ulrich Dantzer, Geschäftsführer Metroplan, Hamburg: „Junge Unternehmen brauchen in der Aufbauphase flexible Hallen.“
( Archiv: Vogel Business Media )

Die Hamburger Metroplan-Gruppe hat schon früh eine Osteuropa-Gesellschaft gegründet und einige Unternehmen beim Aufbau von Betrieben in Polen unterstützt. Außer Produktionsstätten für Wabco und Voss, beides Zulieferer der Automobilindustrie, und einer Service-Werkstatt für Druckluftwerkzeuge von Atlas-Copco baut Metroplan Eastern Europe den Industriepark Niederschlesien bei Wroclaw auf.

Metroplan-Geschäftsführer Ulrich Dantzer erklärt das Konzept: „Viele Start-ups brauchen zunächst mittelgroße Hallen für den Anlauf der Produktion mit eigentlich zu viel Platz für die Logistik. Später wird dann die Produktion ausgeweitet und die Logistik optimiert, so dass sie weniger Platz braucht. Kurz: Junge Unternehmen brauchen in der Aufbauphase flexible Hallen.“ Und genau das bietet der Industriepark Niederschlesien: neun Hallen mit einer Grundfläche von 96 m× 96 m, die in Modulen von 24 m× 48 m zu mieten sind. Die erste Halle mit 11000 m² wurde im Sommer 2006 an die Mieter übergeben.

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Großunternehmen analysieren Standorte genau

Einen anderen Weg gehen in der Regel größere Unternehmen. Sie suchen zunächst großräumig nach idealen Standorten. Parallel dazu wird ermittelt, welche Betriebsteile in Niedriglohnländern rentabler arbeiten als am alten Standort. Für diese Ermittlung benutzt Dantzer das „Globalisierungs-Cockpit“, mit dem für jeden Prozessschritt vom Einkauf bis zur Distributionslogistik das Verhältnis von Materialkosten zu Personalkosten ermittelt wird.

Ab einem Verhältnis von 1 : 5 lassen sich Prozesse durch Verlagerung in Niedriglohnländer optimieren. Dann wird das Fabriklayout entwickelt und parallel der Standort gesucht.

Metroplan hält Daten mit Standortkosten vorrätig

Seit der Gründung im Jahr 1999 hat die Metroplan Eastern Europe eine Datei mit den Standortkosten von über 400 mittel- und osteuropäischen Kommunen aufgebaut und fortgeschrieben. Im Falle der Ansiedlungen von Voss in Legnica und Wabco in Wroclaw gab der Arbeitsmarkt den Ausschlag. Peter Scharwath, Projektleiter der Metroplan Eastern Europe, erinnert sich: „Die Entscheidung für Wroclaw ist gefallen, weil es mit guter Infrastrukturanbindung praktisch vor der Haustür Deutschlands liegt. Außerdem fanden und finden wir hier im Umfeld der Stadt mit ihren 700 000 Einwohnern und 130 000 Studenten ausreichend gut ausgebildete Arbeitskräfte.“ Auch Voss Gesamtprojektleiter, Heinz Rosanski, bestätigt: „Für Legnica sprachen die bessere Transportlogistik, das Arbeitskräftepotenzial und die positive Entwicklung des Standorts. Die Slowakei, die zu Beginn ebenfalls in Erwägung gezogen wurde, konnte die gestellten Anforderungen nicht erfüllen.“

Für Atlas Copco wurde der etwas weiter westliche Standort Krzywa gewählt, denn dort kam es auf Schnelligkeit an. Das Reparaturzentrum setzt Druckluftwerkzeuge aus Automobilproduktionen in ganz Europa instand. Innerhalb einer Woche sollen die reparierten Werkzeuge wieder beim Kunden sein.

Diese Vorgabe ließ sich nur erfüllen, indem die Werkzeuge von den Atlas-Copco-Customer-Centern mit UPS nach Bautzen geschickt und von dort mit einem Lkw-Shuttle über die Grenze und in das polnische Service-Centrum gebracht werden. Auf diesem Weg werden die reparierten Werkzeuge auch direkt zum Kunden zurückgeschickt. Eine Anbindung an KEP-Dienste in Polen hätte den Transport über den jeweiligen polnischen Hub bedeutet und damit je Richtung einen Tag gekostet.

Rechtsform frühzeitig bedenken

Während der Standortsuche sollte auch frühzeitig über die Rechtsform der polnischen Firma nachgedacht werden: „Es gibt im Wesentlichen dieselben Rechtsformen wie in Deutschland, die Personengesellschaften, die GmbH, Aktiengesellschaften und Mischformen“, erläutert Rafal Olesinski, Rechtsanwalt in Wroclaw und spezialisiert auf Unternehmensgründungen westlicher Unternehmen.

Wegen der damit verbundenen Fördermöglichkeiten und Steuergestaltungsspielräume sollte man in jedem Fall einen Fachmann vor Ort hinzuziehen. So können beispielsweise Manager ihren Wohnsitz im westlichen Ausland behalten und werden dann in Polen mit 19% pauschal besteuert, im Heimatland nicht mehr.

„Das sollte aber vorab entschieden werden. Eine Anstellung im polnischen Unternehmen rückgängig zu machen ist zwar möglich, erzeugt aber besonderen Erklärungsbedarf gegenüber den polnischen Finanzbehörden,“ rät Olesinski.

Fallen beim Grundstückskauf möglich

Beim Erwerb des Grundstückes sind auch Voraussetzungen zu klären, an die man zunächst nicht denkt, wie beispielsweise Überschwemmungen, Nachbarn und archäologische Funde. Aus einem Kataster, das die Stadt Wroclaw für überschwemmungsgefährdete Gebiet führt, ging zum Beispiel hervor, dass die Zufahrt zu zwei für Wabco geeigneten Grundstücken unpassierbar wird, wenn die Oder über die Ufer tritt.

Nachbarn haben nach der Erteilung der Baugenehmigung noch vier Wochen lang ein Einspruchsrecht. Und weil Wroclaw auf archäologisch interessanten Schichten steht, ist bei den Ausschachtungsarbeiten immer ein Beamter des Denkmalschutzes anwesend. Dieser hat das Recht, die Bauarbeiten zu stoppen, bis die Funde gesichert sind.

Weiterhin sollte man sich nach Versorgungsleitungen und Wegerechten erkundigen, die auf dem Grundstück liegen. Diese sind nicht immer im Kataster eingetragen. Bei entsprechender Planung sind Bauvorhaben jedoch trotzdem auch in Polen zügig umzusetzen.

Bei der Personalrekrutierung bestand vor allem das Problem, aus der Fülle der Bewerbungen die geeigneten Bewerber herauszufiltern. Inzwischen zeigt sich, dass es besonderer Anstrengungen bedarf, junge und ehrgeizige Fach- und Führungskräfte im Unternehmen zu halten, denn die Anzahl der Abwerbungen ist sehr hoch. Wabco hat deshalb nach wenigen Jahren die Rekrutierungsphilosophie dahingehend geändert, dass nun auch ältere Facharbeiter eingestellt werden und zunehmend auch Frauen nach der Familienpause: Denn bei ihnen sei die Chance deutlich höher, dass sie dem Unternehmen treu bleiben. MM

Jens Kohagen ist Fachjournalist in Frankfurt am Main

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